Religion und Autorität – Teil 6

A. W. Anderson: Diese Intelligenz, von der Sie sprechen, ist mit Erhellung verbunden, nicht wahr? Sie wirkt unmittelbar und nicht allmählich.

Krishnamurti: Ja, natürlich. Die Wahrnehmung ist Intelligenz und darum Handeln. Kann der Geist die ganze Struktur des Denkens völlig beiseitelegen, wenn es um Religion geht? Er kann die Funktion des Denkens auf dem Gebiet des Wissens nicht beiseitelegen. Das haben wir verstanden. Das ist sehr klar. Aber es gibt hier etwas, das ich nicht kenne, das wir nicht kennen. Wir geben nur vor zu wissen. Wenn jemand behauptet, Jesus sei der Heiland oder sonstwer, so ist das eine Anmaßung. Es besagt: »Ich weiß, und du weißt nicht.« Was weiß er um Himmels willen, er weiß nichts, er wiederholt lediglich, was er von irgend jemandem gelernt hat.

Kann also der Geist alle Strukturen, die um Religion herum gebildet wurden, beiseitelassen? Denn Religion bedeutet, wie wir zu Beginn gesagt haben, alle Energie in jener Form der Aufmerksamkeit zu sammeln und das ist die Form, die erneuert, die eine wirkliche Transformation des Menschen hervorbringt, die sich auf sein Verhalten, sein Benehmen auswirkt, auf die ganze Art seiner Beziehungen. Religion ist dieser Faktor, nicht diese Albernheiten, die da vor sich gehen. Um also forschen zu können, muss der Geist die ganzen Denkstrukturen, die um das Wort Religion herum gebildet wurden, beiseitelegen. Kann man das tun? Wenn nicht, dann machen wir uns was vor, wenn wir über Gott sprechen, egal ob wir sagen, es gibt ihn oder nicht. Dieser ganze Unsinn, der da vor sich geht. Also lautet die erste Frage: Kann der Geist frei von Autorität eines anderen sein, wie groß, wie erhaben, wie göttlich oder nichtgöttlich sie auch immer sein mag?

A. W. Anderson: Und weil eine Handlung erforderlich ist, um diese Frage zu beantworten, muss jeder einzelne es selbst tun.

Krishnamurti: Sonst lebt er nur weiterhin in der Routine seiner Tätigkeit, und darum flüchtet er in den Zirkus, den er Religion nennt. Es ist mein Glück oder Pech gewesen, zu vielen Menschen zu sprechen. Und jeder kommt zu diesem Punkt. Sie sagen: »Bitte, was soll ich tun, ich habe diesen Punkt erreicht und kann nicht darüber hinausgehen.« Wenn ich vorschlagen darf, betrachten Sie es auf diese Weise: Wenn ich unterrichten würde, würde ich nicht als erstes über das Buch sprechen. Ich würde über Freiheit sprechen. Ich würde sagen: »Sie sind Menschen aus zweiter Hand. Behaupten Sie bitte nicht, es nicht zu sein. Sie sind nachlässige, erbärmliche Secondhand-Menschen. Und Sie versuchen, etwas zu finden, das ursprünglich ist – Gott ist es, die Wirklichkeit ist ursprünglich. Sie ist durch keinen Priester dieser Welt gefärbt, sie ist ursprünglich. Darum müssen Sie einen ursprünglichen Geist haben, was einen freien Geist bedeutet. Nicht ursprünglich im Sinne des Malens neuer Bilder. Das ist alles Unsinn. Sondern einen freien Geist, der auf dem Gebiet des Wissens funktionieren kann, und der schauen, beobachten, lernen kann. Wie können Sie einander nun helfen? Oder ist es nicht möglich einander zu helfen, frei zu sein?

Sehen Sie, ich habe mich nie mit etwas identifiziert. Ich habe keine Kirche, keinen Glauben, nichts. Jemand, der herauszufinden wünscht, ob es das Ewige, das Namenlose jenseits allen Denkens gibt, muss alles beiseitelegen, was auf Denken beruht: Den Heiland, die Meister, die Gurus, das Wissen, all das. Gibt es Leute, die das tun? Wird irgend jemand diese Reise unternehmen? Oder werden Sie sagen: »Erzählen Sie mir einfach alles darüber, alter Junge. Ich werde mich bequem hinsetzen und Sie erzählen es mir.«

Ich sage: »Ich werde es nicht beschreiben. Ich werde Ihnen nichts darüber erzählen. Das in Worte zu kleiden, würde es zerstören. Lassen Sie uns also sehen, ob Sie nicht frei sein können. Wovor haben Sie Angst? Angst vor Autorität? Angst, etwas falsch zu machen? Aber Ihre Art zu leben ist vollkommen falsch, auf diese Weise weiterzumachen ist restlos dumm, es ist sinnlos. Leugnen Sie jegliche Art spiritueller Autorität. Wovor haben Sie Angst? Spirituell den falschen Weg einzuschlagen? Die anderen haben unrecht, nicht Sie, denn Sie lernen nur. Die anderen haben sich in ihrer Unwahrhaftigkeit etabliert. Also, warum folgen Sie ihnen? Warum akzeptieren Sie sie? Sie sind degeneriert.

Können Sie frei von alldem sein, so dass ihr Verstand durch Meditation herausfinden kann, was es bedeutet, frei zu sein, was es bedeutet, all das beiseite zu fegen, was Menschen Ihnen aufgebürdet haben? So dass Sie unschuldig sind, Ihr Geist niemals verletzt wird, unfähig ist, verletzt zu werden. Das ist es, was Unschuld bedeutet. Und von hier aus forschen Sie – lassen Sie uns von hier aus eine Reise unternehmen –, indem Sie alles verneinen, was das Denken zusammengesetzt hat. Denn Denken ist zeitlich, Denken ist materiell. Wenn Sie im Bereich des Denkens leben, wird es niemals Freiheit geben. Sie leben in der Vergangenheit. Sie mögen glauben, in der Gegenwart zu leben, aber in Wirklichkeit leben Sie, wenn das Denken in Tätigkeit ist, in der Vergangenheit, denn Denken ist Erinnerung, Reaktion auf Erinnerung, Wissen, im Gehirn gespeicherte Erfahrung. Bevor Sie das verstehen und die Begrenzung des Denkens kennen, können Sie niemals auf die Ebene gelangen, die wir Religion nennen.«

Wenn den Schülern dies nicht erzählt, wiederholt und gezeigt wird, können Sie endlos über Bücher sprechen. Dies kommt zuerst, dann können Sie die Bücher lesen. Buddha hat niemals ein Buch gelesen. Er hörte zu, beobachtete, schaute, betrachtete, fastete. Er betrachtete all das als Unsinn und verwarf es.