Religion und Autorität – Teil 7

A. W. Anderson: Ich war beeindruckt davon, dass Sie sagten: Man muss das wiederholen, auf unterschiedliche Weise und immer wieder. Ich spreche jetzt über das Unterrichten. Dieser Punkt des Zögerns ist gerade der Punkt, an dem etwas geboren oder nicht geboren wird. Sie haben in einem früheren Gespräch einen schönen Ausdruck benutzt: Inkarniere jetzt. Jetzt sind wir an der Schwelle – mit den Worten Ortegas – »schaukeln wir am Rande eines neuen Ereignisses vor und zurück und gehen nicht über die Linie hinaus.« Gegen den Schrecken eines Menschen, der dies hört, kann keiner von uns an diesem Punkt etwas tun, mich selbst eingeschlossen. Ich sondere mich nicht von dem Schüler ab, da ich in dieser Aktivität selbst ein Schüler bin, Schüler unter Schülern. Und da ist diese Angst und das Zittern, und man kann nichts anderes tun, als ihnen einfach nur Mut zu machen.

Krishnamurti: Und ihnen zu sagen: »Warte, bleibe jetzt dabei. Es macht nichts, wenn du zitterst. Zittere weiter, aber laufe nicht weg.«

A. W. Anderson: Dieses wird auf verschiedene Weise immer und immer wieder gesagt. Jetzt verstehe ich, was Sie meinen, wenn Sie sagen, lassen Sie uns am Anfang des Unterrichts zehn Minuten hiermit verbringen. Wir öffnen das Buch nicht, sondern beginnen hiermit. Und wenn das Buch dann geöffnet ist, wird sich vielleicht der Sinn des Wortes zur Abwechslung selbst offenbaren.

Krishnamurti: Das ist richtig.

A. W. Anderson: Weil die Intelligenz durchgebrochen ist.

Krishnamurti: Das ist richtig. Sehen Sie, Studenten hetzen von einer Klasse in die andere, weil die Unterrichtszeit kurz ist, rennen sie von Mathematik zu Geographie, von Geographie zu Geschichte, Chemie, Biologie, rennen, rennen. Wenn ich einer der Lehrer wäre, würde ich sagen: »Setzen Sie sich, seien Sie für fünf Minuten ruhig, seien Sie ganz ruhig. Wenn Sie mögen, schauen Sie aus dem Fenster. Sehen Sie die Schönheit des Lichtes auf dem Wasser oder das Blatt, betrachten Sie dieses oder jenes, aber seien Sie ruhig.« Sie werden darauf trainiert, zu funktionieren und auf nichts sonst zu achten, Affe zu sein. Und das eigene Kind ziehen sie so auf. Es ist entsetzlich. Ich sage also: »Sitzen Sie ganz ruhig.« Danach spreche ich zunächst hierüber. Ich habe es in Schulen so gehalten, habe über Freiheit, Autorität, Schönheit, Liebe und über alles gesprochen, was wir diskutiert haben. Nehmen Sie dann das Buch zur Hand, aber Sie haben bereits viel mehr gelernt als durch das Buch. Das Buch wird zu etwas aus zweiter Hand, deshalb habe ich persönlich nie ein Buch dieser Art gelesen, weder die Bhagavadgita noch die Upanishaden noch was Buddha gesagt hat. Es hat mich irgendwie gelangweilt, es bedeutete mir nichts.

Was mir etwas bedeutet hat, war: Zu beobachten, die ganz Armen in Indien zu beobachten, die Reichen zu beobachten, die Diktatoren, die Mussolinis, die Hitlers, die Chruschtschows, die Breschnews. Ich habe die Politiker beobachtet. Und dabei lernen Sie eine ganze Menge. Denn das wirkliche Buch sind Sie. Wenn Sie Ihr Buch lesen können, das Buch, das Sie selbst sind, dann haben Sie außer dem funktionellen Wissen alles gelernt. Wenn also Selbsterkenntnis vorhanden ist, hat Autorität keine Bedeutung. Ich werde die nicht akzeptieren. Warum sollte ich diese Leute akzeptieren, die »die Wahrheit« aus Indien bringen? Sie bringen keine Wahrheit, sie bringen eine Tradition, sie bringen ihren Glauben.

Kann also der Geist alles beiseitelegen, was der Mensch gelehrt oder erfunden, sich über Religion und Gott, dies oder das vorgestellt hat? Das heißt, kann dieser Geist, der der Geist der Welt ist, der der Geist des allgemeinen Bewusstseins ist, kann dieses Bewusstsein sich von all den Dingen, die der Mensch über die Wirklichkeit gesagt hat, befreien?

Was entdecke ich? Was andere Leute gesagt haben? Was Buddha und Christus gesagt haben? Warum sollte ich das akzeptieren? Also ist Freiheit eine absolute Notwendigkeit. Aber niemand von ihnen sagt das. Im Gegenteil, sie behaupten: »Freiheit wird erst viel später für Sie kommen. Bleiben Sie für den Rest Ihres Lebens im Gefängnis und wenn Sie dann sterben, werden Sie Freiheit haben.« Das ist es, was sie im wesentlichen predigen. Kann also der Geist, das Herz, der Speicher des Gehirns von allen Dingen frei sein, die der Mensch über Religion gesagt hat? Das ist eine wundervolle Frage.

Ich war einmal in Kaschmir in den Bergen. Eine Gruppe von Mönchen kam, um mich zu sehen, frisch gebadet und alles. Sie hatten alle Zeremonien hinter sich. Sie erzählten mir, sie seien gerade von einer Gruppe weltentrückter Menschen, Supermönchen, gekommen, die hoch oben in den Bergen lebten. Und sie erzählten, diese seien vollkommen unweltlich. Ich fragte: »Was meinen Sie mit dem Wort?« Sie antworteten, dass sie gerade die Welt verlassen hätten, dass sie von der Welt nicht mehr in Versuchung geführt werden könnten, und dass sie enormes Wissen über die Welt hätten. Und ich sagte: »Haben sie, als sie die Welt verließen, auch die Erinnerung an die Welt zurückgelassen, die Erinnerung, das Wissen, das die Welt geschaffen hat, und das die Gurus zusammengesetzt haben, um uns zu lehren?« und erhielt zur Antwort: »Das ist Weisheit, wie kann man die Weisheit verlassen?« Ich sagte: »Meinen Sie, dass Weisheit gekauft wird? Durch ein Buch, von einem Lehrer, von einem anderen, durch Opfer, durch Qualen, durch Entsagung?« Verstehen Sie deren Idee, nämlich, dass Sie Weisheit von jemandem kaufen können?

All das Gepäck der Welt haben Sie abgelegt, aber dafür tragen Sie sein Gepäck. Es ist also tatsächlich von großer Bedeutung, wenn der Verstand wirklich sehr ernsthaft herauszufinden versucht, was Religion ist, nicht all diesen Unsinn zu tun (ich wiederhole es immer wieder, denn der Unsinn scheint anzuwachsen), sondern den Geist von all diesem Gewachsenen, diesen Verkrustungen zu befreien. Das bedeutet, die Verkrustungen zu erkennen, all die Absurditäten zu erkennen.