Religion und Autorität – Teil 8

Kann der Geist vollkommen allein sein? Nicht isoliert, nicht zurückgezogen, nicht mit einer um sich her errichteten Mauer, um dann zu sagen: Ich bin allein. Sondern allein in dem Sinne des Alleinseins, das mit dem Ablegen all der Dinge des Denkens kommt. Denn das Denken ist so schlau, so listig. Es kann eine wunderbare Struktur bilden und sie dann Wirklichkeit nennen. Aber das Denken ist eine Antwort auf die Vergangenheit, also gehört es der Zeit an. Denken, das der Zeit angehört, kann nicht etwas schaffen, das zeitlos ist. Das Denken kann auf dem Gebiet des Wissens funktionieren. Das ist notwendig, jedoch nicht auf dem anderen Gebiet. Dies bedarf keiner Tapferkeit. Es bedarf keines Opfers. Es bedarf keiner Tortur. Es bedarf nur der Wahrnehmung des Falschen. Das Falsche zu erkennen heißt, die Wahrheit im Falschen zu sehen und zu erkennen: Was als Wahrheit angesehen wird, ist falsch.

Meine Augen sind also von allem Falschen befreit, so dass es keinerlei innere Täuschung mehr gibt, denn es gibt keinen Wunsch, etwas zu sehen, etwas zu erreichen. Denn in dem Augenblick, in dem der Wunsch entsteht, etwas zu erfahren, zu erreichen, Erleuchtung zu erlangen und all das, wird eine Illusion entstehen, etwas, das der Wunsch geschaffen hat. Darum muss der Geist frei davon sein, dem Verlangen zu folgen und seine Erfüllung zu suchen, und muss die Struktur des Verlangens verstehen. Wir haben ausführlich darüber gesprochen. Es läuft also auf folgendes hinaus: Kann der Geist frei sein, von allem frei sein, das aus Furcht, Wunsch und Vergnügen geboren wird? Das heißt, dass man sich selbst zutiefst verstehen muss.

Ich glaube, wir sollten, nachdem wir an diesen Punkt gekommen sind, sehr tief auf die Frage der Meditation eingehen, denn Religion – in dem von uns besprochenen Sinne – und Meditation gehören zusammen. Das heißt, Religion ist nicht Idee, sondern Ihr Verhalten im täglichen Leben. Ihre Gedanken, Ihre Sprache, Ihr Verhalten sind die eigentliche Essenz von Religion; ohne sie kann Religion nicht existieren. Sie können herumgehen und viele Worte abspulen, in verschiedene Zirkuszelte gehen, aber das ist keine Religion.

Nachdem man das also tief in sich verankert hat, und innerlich versteht, was Religion ist, ist das nächste: Was ist Meditation? Das ist von außerordentlicher Bedeutung, denn Meditation ist etwas, das bei rechtem Verstehen das Außergewöhnlichste ist, das ein Mensch haben kann. Meditation ist nicht vom täglichen Leben getrennt. »Medeo« heißt denken, nachdenken, sich befassen mit etwas, mehr sich kümmern als sorgsam sein.

Sehen Sie, als wir unsere Verhaltensweise von Religion trennten – was wir getan haben –, als wir Beziehungen von Religion trennten – was wir getan haben –, als wir Tod von Religion trennten – was wir getan haben –, als wir Liebe von Religion trennten, als wir Liebe zu etwas Sinnlichem gemacht haben, zu etwas das Vergnügen bereitet, da verschwand die Religion, die nötig ist zur Regeneration, im Menschen. Darum sind wir so degeneriert. Wenn Sie nicht diese Qualität eines Geistes haben, der wirklich religiös ist, dann ist ein Degenerieren unausweichlich.

Sehen Sie sich die Politiker an, deren Aufgabe es ist, Herrscher, Leiter, Helfer der Leute zu sein. Sie sind degeneriert. Sie sehen, was in diesem Land und überall geschieht. Sie sind so korrupt und wollen Ordnung schaffen. Dabei sind sie so unreligiös. Sie mögen zur Kirche gehen oder in einen Tempel und sind doch tatsächlich unreligiös, denn sie verhalten sich nicht religiös. So wird der Mensch immer degenerierter, denn Religion ist der Faktor, der eine neue Qualität von Energie schafft. Es ist dieselbe alte Energie, aber sie hat eine neue Qualität bekommen. Das Gehirn erneuert sich sonst nicht und wenn wir älter werden, neigen wir zum Degenerieren. Das Gehirn würde nicht degenerieren, wenn es frei von dem Sicherheitsstreben des Ich wäre.

Die Priester überall in der Welt haben die Religion zu etwas Ertragreichem gemacht, sowohl für die Anbeter als auch für die Vermittler. Sie ist zu einer geschäftlichen Angelegenheit geworden, zu einem intellektuellen Geschäft, oder zu etwas Kommerziellem, nicht nur physisch, sondern innerlich: Tu dies und du wirst jenes erreichen. Wenn wir diesem also kein Ende setzen, werden wir immer weiter und weiter degenerieren.

Das ist der Grund, warum ich mich persönlich so ungeheuer verantwortlich fühle, außerordentlich verantwortlich gegenüber der Zuhörerschaft, zu der ich spreche. Wenn ich zu den verschiedenen Schulen in Indien spreche, fühle ich mich verantwortlich für diese Kinder. Ich sage: »Seid um Gottes willen anders, wachst nicht auf diese Weise auf. Seht her!« Ich gehe sehr, sehr gründlich darauf ein, ich spreche viel darüber und sie beginnen zu sehen. Aber die Welt ist zu stark für sie. Sie müssen ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie müssen ihren Eltern widerstehen, die von ihnen erwarten, dass sie sich niederlassen und einen guten Job bekommen, heiraten, ein Haus haben. Sie kennen das, es ist das Übliche. Und die öffentliche Meinung ist viel zu stark.

Ich sage also: Lassen Sie uns herausfinden, ob es einige wenige gibt, eine »Elite« – das Wort Elite in Anführungszeichen, wenn ich dieses Wort ohne jeden Snobismus benutzen darf –, lassen Sie uns einigen wenigen die Chance geben, einigen, die wirklich betroffen sind, einigen Lehrern, einigen Studenten. Selbst das wird sehr schwierig sein, denn die meisten Lehrer sind auf anderen Gebieten nicht gut und werden darum Lehrer. Also ist alles gegen Sie. Alles. Die Gurus sind gegen Sie, die Priester sind gegen Sie, die Geschäftsleute, die Lehrer, die Politiker, jeder ist gegen Sie. Da können Sie sicher sein. Sie werden Ihnen kein bisschen weiterhelfen. Sie wollen, dass Sie denselben Weg gehen wie sie. Sie haben ihre übernommenen Interessen.

A. W. Anderson: Ja, das sehe ich ganz klar. Könnten wir in unserem nächsten Gespräch die Aktivität der Meditation im Zusammenhang mit diesem ganzen Schrecken, den wir beschrieben haben, erkunden?

27. Februar 1974