Meditation – Teil 1

A. W. Anderson: Unser letztes Gespräch führte uns bis zum Thema Meditation.

Krishnamurti: Ich weiß nicht, ob Ihnen all die unterschiedlichen Meditations-Schulen geläufig sind, die es in Indien, in Japan, in China, als Zen und als verschiedene christliche kontemplative Orden gibt, wo man unentwegt Tag für Tag betet oder darauf wartet, die Gnade Gottes zu erlangen. Wir sollten damit beginnen, was Meditation ist, und nicht damit, was die richtige Art der Meditation ist. Wir können dann weiter vorgehen und die Frage gemeinsam untersuchen und miteinander teilen, was Meditation ist. Das Wort selbst bedeutet nachsinnen, zusammenhalten, umfassen, sehr tief gehend betrachten. Alle diese Bedeutungen sind in dem Wort Meditation enthalten.

Aber könnten wir nicht damit beginnen, dass wir sagen, wir wissen in Wirklichkeit nicht, was Meditation ist? Wenn wir die orthodoxe, traditionell christliche, hinduistische oder buddhistische Meditation akzeptieren – und natürlich gibt es bei den Muslims die Sufi-Meditation –, wenn wir das akzeptieren, basiert alles auf Tradition, auf der Erfahrung einiger anderer. Sie legen die Methode oder das System fest, mit dem eingeübt wird, was sie erreicht haben. Und daher gibt es wahrscheinlich Tausende von Meditations-Schulen. Sie schießen in diesem Land wie Pilze aus dem Boden: Meditieren Sie dreimal täglich, denken Sie an ein Wort, einen Slogan, ein Mantra. Dafür bezahlen Sie 35 oder 100 Dollar und dann erhalten Sie irgendein Sanskrit-Wort oder irgendein griechisches, das Sie wiederholen, wiederholen, wiederholen.

Dann gibt es diese Leute, die die unterschiedlichen Arten des Atmens praktizieren oder die Zen praktizieren. All das ist eine Form der Festlegung einer Routine und einer Praktik, die im Grunde genommen den Geist abstumpfen wird. Denn wenn Sie immerzu üben, üben, wird Ihr Geist mechanisch. Daher habe ich persönlich niemals etwas dieser Art getan, wenn ich ein bisschen über mich selbst sprechen darf. Ich habe selbst unterschiedliche Gruppen besucht und beobachtet, nur um zu schauen. Und ich sagte mir, das ist es nicht. Ich habe es sofort verworfen.

Wenn wir doch all das abwerfen könnten – die Meditation der Hindus, der Buddhisten, der Christen und die unterschiedlichen Importe der Meditation durch die Gurus aus Indien, die kontemplativen Übungen, alles was eine Fortsetzung der Tradition ist, eine Übertragung der Aussagen anderer, der Erleuchtung anderer –, wenn wir all das vergessen könnten, ihre Methoden, ihre Systeme, ihre Praktiken, ihre Disziplinierungen. Denn sie alle sagen, die Wahrheit oder Gott, oder wie immer sie es zu nennen belieben, sei etwas, das dort drüben ist. Sie üben, um dorthin zu gelangen. Ihrer Meinung nach ist das etwas Feststehendes. Natürlich muss es etwas Feststehendes sein, denn wenn ich immer weiter übe, um dorthin zu gelangen, muss es statisch sein. Aber Wahrheit ist nicht statisch. Sie ist nichts Totes.

Können wir daher all das ehrlich beiseitelegen und fragen: Was ist Meditation? Nicht, wie man meditiert. Wenn wir danach fragen, was Meditation ist, beginnen wir, es herauszufinden, beginnen wir selbst zu meditieren. Ich weiß nicht, ob ich mich verständlich mache.

A. W. Anderson: Ja, wir sind wieder bei der Unterscheidung zwischen einer Aktivität, deren Ziel außerhalb der Aktivität selbst liegt, im Gegensatz zu der Aktivität, deren Ziel in ihr enthalten ist.

Krishnamurti: Ja. Können wir also damit beginnen, dass wir sagen, ich weiß nicht, was Meditation ist? Es ist wirklich wunderbar, von dort aus zu beginnen, es schafft ein Gefühl großer Demut.

A. W. Anderson: Und intuitiv spürt man sogar aus weiter Ferne eine Freiheit.

Krishnamurti: Ja, das ist richtig. Zu sagen: »Ich weiß nicht« ist eine große Anerkennung der Freiheit von herkömmlichem Wissen, von herkömmlichen Traditionen, von herkömmlichen Methoden, von herkömmlichen Schulen und Praktiken. Ich beginne mit etwas, das ich nicht weiß. Für mich liegt darin große Schönheit. Dann kann ich mich frei bewegen. Ich bin frei, mich von der fließenden Untersuchung tragen zu lassen. Ich weiß also nicht. Von dort aus können wir beginnen.

Zunächst: Ist Meditation vom täglichen Leben getrennt, von dem täglichen Verhalten, den täglichen Wünschen nach Erfüllung, von Ehrgeiz, Gier, Neid, dem täglichen, wetteifernden, nachahmenden und sich anpassenden Verstand, den täglichen sinnlichen, sexuellen oder intellektuellen Gelüsten? Ist Meditation von all dem getrennt? Oder fließt Meditation durch all das hindurch, deckt all das ab, schließt all das ein? Sonst hat Meditation keine Bedeutung, verstehen Sie?

A. W. Anderson: Ja, ich verstehe. Persönlich habe ich nie eine Meditation von jenem rituellen Charakter mitgemacht, den sie in einigen Traditionen oder in ihrer klösterlichen und radikalen methodischen Form hat. Ich habe die Literatur über diese Praktiken ziemlich gründlich gelesen, und ich denke an das, was ich aus meinen Studien über die Hesychasmus-Tradition gelernt habe, bei der das sogenannte Jesus-Gebet von den Mönchen, besonders auf dem Berg Athos, hergesagt wird: »Herr Jesus, hab Erbarmen mit mir armem Sünder.« Dieses wird immer wieder wiederholt, in der Hoffnung, dies werde eines Tages so automatisch, dass es – wie ein moderner Tiefenpsychologe sagen würde – vom Unterbewusstsein Besitz ergreift, so dass alles, was ich tue, sich vollkommen auf jenes Gebet konzentriert. Der Anspruch dahinter ist: Wenn ich soweit bin, dass ich das Gebet nicht länger selbst sprechen muss, dann hat es sich in mir als Gebet verselbständigt.