Meditation – Teil 2

Krishnamurti: Dasselbe wird in Indien auf eine andere Weise ausgedrückt, mit dem Mantra, der Wiederholung eines Satzes oder eines Wortes, das zunächst laut und dann leise wiederholt wird. Dann ist es in Ihr Sein eingedrungen und das Wort klingt in Ihnen weiter. Nach diesem Klang handeln Sie, leben Sie. Es ist jedoch alles selbstauferlegt, um an einem bestimmten Punkt anzukommen. In dem Gebet, das Sie gerade wiedergaben, bezogen Sie sich auf Sünde. Ich akzeptiere Sünde nicht. Ich weiß nicht, was Sünde ist. Die Sünder sind darauf konditioniert zu glauben, dass es einen Jesus gibt, dass es Sünde gibt, dass ihnen vergeben werden muss. All das führt nur eine Tradition fort.

Sie sehen, all das beinhaltet, dass es einen Weg zur Wahrheit gibt, den christlichen Weg, den hinduistischen Weg, den des Zen und der verschiedenen Gurus und Systeme. Es gibt einen Pfad zur Erleuchtung oder zur Wahrheit, zu jenem Unermesslichen. Und es ist dort. Alles, was sie zu tun haben, ist weiterzugehen, zu gehen und zu gehen, ihm entgegenzugehen. Das bedeutet, dass es festgelegt, fixiert, statisch ist, sich nicht bewegt, nicht lebendig ist. Das ist also das eine.

Deckt die Meditation das ganze Gebiet des Daseins ab? Oder ist sie etwas vom Leben vollkommen Getrenntes? Leben ist Geschäft, Politik, Sex, Vergnügen, Ehrgeiz, Gier, Neid, Angst, Tod, Furcht. All das ist mein Leben, heißt zu leben. Ist Meditation getrennt davon oder schließt sie all das ein? Wenn sie das alles nicht einschließt, hat sie keine Bedeutung.

A. W. Anderson: Mir ging gerade etwas durch den Kopf, was sicherlich als sehr ketzerisch angesehen würde. Wenn die Worte Jesu »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben« im Zusammenhang mit dem verstanden würden, was unsere Gespräche klärten, bekämen sie eine völlig andere Bedeutung, als die hergebrachte. Als er zum Beispiel Petrus fragte: »Wer bin ich, Jesus?«, antwortete Petrus: »Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes«. Jesus sagte sofort: »Fleisch und Blut haben Dir das nicht offenbart.« Nicht Fleisch und Blut, »sondern mein Vater, der im Himmel ist.« Von ihm sagt er anderswo: »Er ist eins mit mir.« Und er ist eins mit dem Vater. Und dann betet er, die Jünger mögen eins mit ihm sein, wie er und sein Vater eins sind, so dass sie alle eins sein mögen. Ich bin mir im klaren darüber, dass das, was ich sage, theologisch als Phantasieprodukt angesehen würde, aber wenn er sagt: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben«, wenn das im Kontext dieses Einen als Handlung gesehen wird, dann wird die ganze Angelegenheit vollkommen umgewandelt, nicht wahr?

Krishnamurti: Ganz richtig. Wenn Meditation also vom Leben getrennt ist, hat sie keine Bedeutung. Sie ist lediglich eine Flucht vor dem Leben, eine Flucht vor all unseren Mühen und Miseren, Kümmernissen, Verwirrungen, und ist es darum nicht wert, auch nur berührt zu werden. Wenn sie aber nicht vom Leben getrennt ist, und für mich ist sie das nicht, was ist dann Meditation? Ist sie eine Errungenschaft, das Erreichen eines Zieles? Oder ist sie ein Duft, eine Schönheit, die all meine Aktivitäten durchdringt und darum ungeheure Bedeutung hat? Meditation hat eine ungeheure Bedeutung. Dann lautet die nächste Frage: Ist sie das Ergebnis einer Suche? Sich zu einer Zen-Gruppe gesellen, dann zu einer anderen Gruppe, zu einer nach der anderen, dieses üben, jenes üben, nichts üben, das Gelübde des Zölibats, der Armut und des Schweigens ablegen, fasten, um dorthin zu gelangen.

Für mich ist das alles vollkommen unnötig, denn alles, was wichtig ist, ist das Sehen, das Erkennen des Falschen, wie wir gestern sagten. Ich beurteile nicht das Falsche als wahr oder falsch, sondern die Wahrnehmung selbst offenbart das Wahre oder das Falsche darin. Ich muss es anschauen, meine Augen müssen es ohne Vorurteile, ohne irgendwelche Reaktionen betrachten. Dann kann ich sagen, dieses ist falsch, ich werde es nicht berühren. Das ist es, was geschieht. Leute sind zu mir gekommen und haben gesagt: »Oh, Sie haben keine Ahnung von all diesen Dingen.« Sie sagten: »Sie müssen dieses oder jenes tun.« Ich habe geantwortet: »Es ist nichts zu tun. Für mich ist das falsch, denn es schließt Ihr Leben nicht mit ein.« Sie haben sich nicht verändert. Sie mögen sagen: »Ich bin voller Liebe, voller Wahrheit, voller Wissen, voller Weisheit.« Ich sage: »Das ist alles Unsinn. Verhalten Sie sich richtig? Sind Sie frei von Furcht? Sind Sie frei von Ehrgeiz, Gier, Neid und dem Wunsch, auf jedem Gebiet erfolgreich zu sein? Wenn nicht, spielen Sie nur ein Spiel. Sie sind nicht ernsthaft.«

Von hier aus können wir weitergehen. Meditation schließt das gesamte Gebiet der Existenz ein, ob im künstlerischen oder im geschäftlichen Sinne, denn die Aufteilung in Künstler, Geschäftsmann, Politiker, Priester, Gelehrter, Wissenschaftler, die Art und Weise, wie wir sie alle in Karrieren aufgeteilt haben, ist für mich Ausdruck der Zerstückelung der Menschen. Wenn Sie all das leugnen – Systeme, Methoden, Gurus, Autoritäten –, muss Meditation eine religiöse Frage sein, eine zutiefst religiöse. Welchen Platz hat nun ein Künstler nicht nur im sozialen Gefüge, sondern in der Erscheinung des Religiösen? Was ist ein Künstler? Ist er etwas, das getrennt ist vom täglichen Leben, von der Schönheit des Lebens, von der wirklich religiösen Qualität des Geistes? Ist er ein Teil davon oder ist er etwas Abnormes und befindet sich außerhalb dessen, weil er gewisse Talente hat? Und der Ausdruck dieser Talente wird außerordentlich wichtig für ihn und die Leute.