Meditation – Teil 3

A. W. Anderson: Der Ausdruck dieses Talents bringt ihn, wie mir scheint, in unserer Kultur mit gewissen Konventionen in Konflikt.

Krishnamurti: Und dieses Talent bringt auch den Konflikt in ihm selbst zum Ausdruck. Wir haben in der westlichen Zivilisation eine lange Tradition, die im Künstler einen Außenseiter sieht. Ja, er ist etwas Außenstehendes, denn er ist viel empfindsamer, er ist der Schönheit, der Natur gegenüber sehr viel aufgeschlossener, doch abgesehen davon ist er nur ein gewöhnlicher Mensch. Für mich liegt darin ein Widerspruch. Zunächst ist es wesentlich, ein ganzer Mensch zu sein, dann wird alles, was Sie schaffen, alles, was Sie tun, schön sein, ob Sie malen oder was immer Sie tun. Lassen Sie uns den Künstler nicht als etwas Außergewöhnliches betrachten, oder den Geschäftsmann als etwas Hässliches. Lassen Sie uns dies einfach als Leben in der Welt des Intellekts bezeichnen, oder bei einem Wissenschaftler als Leben in der Welt der Physik. Aber zuerst muss da der Mensch sein, ein Mensch in dem Sinne des vollkommenen Verstehens von Leben, von Tod, Liebe, Schönheit, Beziehung, Verantwortung, einer der nicht tötet. Leben beinhaltet das alles. Das Leben geht dann eine Beziehung mit der Natur ein. Und der Ausdruck dieser Beziehung, wenn sie ganz, wenn sie gesund ist, ist schöpferisch.

A. W. Anderson: Dies unterscheidet sich vollkommen von dem, was viele Künstler sich unter ihrer Aufgabe vorstellen. Besonders in modernen Zeiten haben die Künstler die Ansicht, dass sie in gewisser Hinsicht Reflektoren der Zerstückelung ihrer Zeit sind, und so machen sie Aussagen, die uns die Zerstückelung als einen Spiegel vorhalten, was nichts anderes zur Folge hat, als die Zerstückelung zu verstärken.

Krishnamurti: Meditation deckt das ganze Gebiet der Existenz ab. Meditation beinhaltet Freiheit von der Methode, vom System, denn ich weiß nicht, was Meditation ist. Von hier aus beginne ich. Darum beginne ich mit Freiheit, nicht mit ihrer Belastung.

A. W. Anderson: Das ist wunderbar. Mit Freiheit beginnen, nicht mit ihrer Belastung. Uns die Zerstückelung aus dieser Perspektive vor Augen zu halten, ist wirklich nur Journalismus.

Krishnamurti: Journalismus, genau. Propaganda und darum eine Lüge. Also lege ich all das ab. Darum trage ich keine Bürde. Deshalb ist der Geist frei zu untersuchen, was Meditation ist. Ich habe das getan. Dies ist nicht dahergesagt. Ich sage niemals etwas, das ich nicht selbst gelebt habe. Ich würde das nicht tun. Das ist Heuchelei. An so etwas bin ich nicht interessiert. Ich bin wirklich daran interessiert zu sehen, was Meditation ist.

Beginnen wir also mit dieser Freiheit. Und Freiheit bedeutet, den Geist zu befreien, ihn von den Lasten anderer zu befreien, von ihren Methoden, ihren Systemen, ihrer Anerkennung von Autorität, ihrem Glauben, ihren Hoffnungen, denn all das ist auch Teil von mir. Darum lege ich all das ab. Und ich beginne, indem ich sage, ich weiß nicht, was Meditation ist. Das bedeutet, dass der Geist frei ist und dieses Gefühl großer Demut hat. Ich weiß nichts und ich frage nicht, denn sonst wird jemand anders den Geist weiter anfüllen. Irgendein Buch, ein Gelehrter, Professor, Psychologe kommt daher und sagt: »Sie wissen nicht. Aber ich weiß – ich werde Ihnen mein Wissen vermitteln.« Ich sage: »Bitte tun Sie das nicht, ich weiß nichts, Sie wissen auch nichts. Denn Sie wiederholen nur, was andere gesagt haben.« Daher schiebe ich all das beiseite.

Jetzt beginne ich zu untersuchen. Jetzt bin ich in der Lage zu untersuchen. Nicht um ein Ergebnis zu erzielen, nicht um das zu erreichen, was sie Erleuchtung nennen. Ich weiß nicht, ob es Erleuchtung gibt oder nicht. Ich beginne mit diesem Gefühl großer Demut, unwissend, deshalb ist mein Verstand fähig, richtig zu forschen. Ich forsche also. Zuallererst betrachte ich einmal mein Leben, denn am Anfang sagte ich, dass Meditation das ganze Gebiet des Lebens abdeckt, mein Leben, unser Leben, und zunächst das tägliche bewusste Leben umfasst. Ich habe das geprüft. Ich habe es betrachtet. Wie wir schon sagten, gibt es Widersprüche. Ebenso stellt sich die Frage des Schlafes. Ich schlafe acht bis zehn Stunden lang. Was ist der Schlaf? Ich beginne damit, es nicht zu wissen und nicht damit, zu akzeptieren, was andere gesagt haben. Ich untersuche ihn in seiner Beziehung zur Meditation, die der wahre Geist der Religion ist. Das bedeutet: Alle Energie zu sammeln, um sich von einer Dimension in eine vollkommen andere Dimension zu bewegen, was keine Trennung von dieser Dimension bedeutet. Was ist also Schlaf?

Und was bedeutet Wachsein? Bin ich wach? Oder bin ich nur wach, wenn es eine Krise gibt, einen Schock, eine Herausforderung, ein Ereignis, Tod, Fehlschlag, Versagen. Oder bin ich immer wach, den ganzen Tag über? Was heißt es also, wach zu sein? Wachsein kann nicht gelegentlich auftreten, kann nicht ein angeregter Zustand sein. Jede Art von äußerer oder innerer Stimulierung bedeutet lediglich, dass Sie schlafen und einer Anregung bedürfen, sei es Kaffee, Sex oder ein Beruhigungsmittel, um Sie wachzuhalten. In meiner Untersuchung frage ich daher, bin ich wach? Was bedeutet es, wach zu sein? Nicht dem politischen, ökonomischen und sozialen Geschehen gegenüber wach zu sein, das ist klar. Sondern wach sein. Was bedeutet es? Ich bin nicht wach, wenn ich Belastungen mit mir herumtrage. Bei jeglicher Art von Angst fehlt das Empfinden von Wachsein. Wenn ich in einer Illusion lebe, wenn meine Handlungen neurotisch sind, gibt es keinen Zustand des Wachseins. Ich untersuche also, und ich kann das nur tun, wenn ich dem gegenüber, was in mir und außerhalb von mir geschieht, sehr empfindsam werde. Ist also der Verstand dem gegenüber, was innerlich und außerhalb von mir geschieht, während des ganzen Tages vollkommen wach?