Meditation – Teil 5

A. W. Anderson: Das erinnert mich an eine Geschichte, die im alten Japan spielt und von einem Schwertkämpfer und seinen drei Söhnen handelt. Der Schwertkämpfer war alt geworden und wollte die Verantwortung für seine Kunst auf seine Söhne übertragen. Und er bat jeden seiner Söhne einzeln zu sich in sein Zimmer und sprach mit ihm. Über alles, was das Schwert betraf, besaß er großes Wissen, aber er war auch ein sehr verständiger Mann. Und ohne ihr Wissen legte er eine Kugel oben auf den Türrahmen. Der Jüngste wurde zuerst hereingerufen, und als die Kugel herunterfiel, schlug er sie noch während des Falls mit dem Schwert in zwei Teile. Und der Vater sagte: »Bitte warte im anderen Zimmer.« Der zweite Sohn trat ein, die Kugel fiel und genau als sie seinen Kopf berührte, griff er zu und nahm sie in die Hand. »Bitte warte im anderen Zimmer«, sagte der Vater. Nun kam der älteste Sohn herein, und als er die Tür öffnete, griff er nach oben und nahm die Kugel an sich. Und der Vater rief seine Söhne herein und sagte zu dem Jüngsten: »Ganz ausgezeichnet, du hast die Technik gemeistert. Aber du verstehst nichts.« Zum Zweiten sagte er: »Nun, Du hast es fast geschafft. Mach weiter so.« Und zum Ältesten sagte er: »Du kannst jetzt beginnen.« Und es ist wie das Wort Prajna – »pra« bedeutet vorwärts, »jna« bedeutet im voraus zu wissen, nicht im Sinne einer Voraussage, die auf dem Studium von Laborratten beruht, sondern Verstehen umfasst, was vor und hinter der totalen Bewegung einer Handlung liegt.

Krishnamurti: Ja, ich erkenne das also, denn ich trenne Meditation nicht vom täglichen Leben. Sonst hätte sie keine Bedeutung. Daher sehe ich, wie wichtig Ordnung während der Stunden des Wachseins ist, und befreie damit den Geist, das Gehirn von Konflikt im Schlaf, so dass das Gehirn vollkommene Ruhe hat. Das ist das eine, dann: Was ist Kontrolle? Warum sollte ich kontrollieren? Alle haben sie gesagt: Kontrolliere. Alle Religionen haben uns zur Kontrolle aufgefordert. Kontrolliere dich, gib das Verlangen auf, denke nicht über Dich selbst nach. Ich sage mir: Kann ich ohne Kontrolle leben? Ist es möglich, ohne Kontrolle zu leben? Denn was ist Kontrolle? Und wer ist der Kontrollierende? Der Kontrollierende ist das Kontrollierte. Wenn ich sage, ich muss mein Denken kontrollieren, ist der Kontrollierende eine Schöpfung des Denkens, und Denken kontrolliert Denken. Es hat keinerlei Bedeutung. Ein Bruchstück kontrolliert ein anderes Bruchstück, und dennoch bleiben sie Bruchstücke.

So frage ich: Gibt es einen Weg, ohne Kontrolle zu leben und daher ohne Konflikt, ohne Gegensätze, ohne dass ein Verlangen sich gegen ein anderes stellt, ein Gedanke gegen einen anderen, ein Erfolg gegen den anderen? Also keine Kontrolle. Ist das möglich? Denn ich muss es herausfinden. Es handelt sich nicht darum, nur eine Frage zu stellen und sie dann im Raum stehen zu lassen.

Ich habe jetzt Energie bekommen, denn ich trage ihre Bürden nicht mehr mit mir herum. Auch nicht meine eigene Bürde, denn ihre Bürde ist auch meine Bürde. Wenn ich jene abgelegt habe, habe ich auch diese abgelegt. Ich bekomme daher Energie, wenn ich frage: Ist es möglich, ohne Kontrolle zu leben? Es ist etwas Ungeheures. Ich muss es herausfinden. Denn die Leute, die kontrollieren, behaupten: Durch Kontrolle erreichen Sie das Nirwana, den Himmel. In meinen Augen ist das falsch, vollkommen absurd.

Daher sage ich mir: Kann ich ein Leben der Meditation führen, in dem es keine Kontrolle gibt? Führe ich wirklich ein Leben ohne Kontrolle? Lebe ich es? Ich habe Wünsche: Ich sehe ein Auto, eine Frau, ein Haus, einen schönen Garten, schöne Kleider oder was es auch sei. Augenblicklich erwachen Wünsche. Und keinen Konflikt dabei zu haben und doch nicht nachzugeben. Wenn ich Geld habe, gehe ich und kaufe es. Was einleuchtend ist. Das ist keine Antwort. Wenn ich kein Geld habe, sage ich: Es tut mir leid, ich habe kein Geld. Eines Tages werde ich es haben, und dann komme ich zurück und kaufe es. Es ist dasselbe Problem, aber das Verlangen ist geweckt. Das Sehen, der Kontakt, das Gefühl und das Verlangen. Nun ist Verlangen da, und es abzustellen bedeutet, es zu unterdrücken. Es zu kontrollieren heißt, es zu unterdrücken. Ihm nachzugeben ist eine andere Form der Zerstückelung des Lebens in Bekommen und Verlieren.

Also: das Erblühen des Verlangens ohne Kontrolle erlauben. Das Blühen selbst ist also das eigentliche Ende dieses Verlangens. Wenn Sie es jedoch abhacken, wird es zurückkommen. Ich lasse das Verlangen also kommen, lasse es blühen, beobachte es, gebe nicht nach oder widersetze mich, lasse es nur blühen. Und nehme vollkommen wahr, was geschieht. Dann gibt es keine Kontrolle. In dem Moment, in dem Sie kontrollieren, gibt es Unordnung, denn Sie unterdrücken oder akzeptieren. Das also ist Unordnung. Wenn Sie dem jedoch erlauben zu blühen und es beobachten, beobachten im Sinne vollkommenen Gewahrseins – die Blütenblätter, die subtilen Formen des Wunsches, etwas zu besitzen, nicht zu besitzen. Besitzen ist ein Vergnügen, Nichtbesitzen ist ein Vergnügen – die Bewegung des Verlangens in ihrer Gesamtheit. Dafür müssen Sie sehr empfindsame Wachsamkeit aufbringen, ein sehr empfindsames absichtsloses Wachsein.

A. W. Anderson: Es hat mich überrascht, dass die der blühenden Pflanze innewohnende Ordnung dieselbe Ordnung enthüllt, über die wir gesprochen haben. Und die Beziehung der Meditation zum Verstehen einerseits und zum Wissen andererseits ist eine Unterscheidung, die sehr selten gemacht wird.