Meditation – Teil 6

Krishnamurti: Wir sprachen über Kontrolle und sagten, der Kontrollierende ist das Kontrollierte. Wenn es Kontrolle gibt, gibt es eine Ausrichtung. Eine Ausrichtung schließt Wille mit ein, Kontrolle enthält Wille. Im Verlangen zu kontrollieren wird ein Ziel und eine Richtung festgelegt, um die willentlich gemachte Entscheidung auszuführen. Und das Ausführen ist die zeitliche Dauer, deshalb bedeutet Ausrichtung Zeit, Kontrolle, Wille und ein Ende. Alles das beinhaltet das Wort Kontrolle. Welchen Platz hat also der Wille in der Meditation und darum im Leben? Oder hat er dort keinen Platz? Das bedeutet, dass es für Entscheidungen überhaupt keinen Platz gibt: Lediglich Sehen, Handeln. Und dazu bedarf es weder eines Willens noch einer Ausrichtung. Sehen Sie die Schönheit darin, wie sich dies klärt: Wenn der Geist die Sinnlosigkeit der Kontrolle erkennt, weil er verstanden hat, dass der Kontrollierende das Kontrollierte ist, dass ein Fragment andere Fragmente zu beherrschen versucht, dass das beherrschende Fragment Teil anderer Fragmente ist und dass man sich darum im Kreis dreht, einem Teufelskreis, aus dem man nicht mehr herauskommt? Kann es daher ein Leben ohne Kontrolle, ohne Willen und ohne Richtung geben?

Auf dem Gebiet des Wissens muss es eine Richtung geben, einverstanden. Sonst könnte ich nicht nach Hause finden, dorthin, wo ich lebe. Ich würde die Fähigkeit verlieren, Auto zu fahren, Rad zu fahren, eine Sprache zu sprechen und alle technischen Arbeiten durchzuführen, die im Leben notwendig sind. Auf jenem Gebiet sind Richtung, Berechnung und Entscheidung erforderlich. Die Wahl zwischen diesem und jenem ist notwendig. Hier jedoch entsteht durch das Wählen Konfusion, weil keine Wahrnehmung stattfindet. Wo Wahrnehmung ist, gibt es keine Wahl. Gewählt wird nur, weil der Verstand unschlüssig zwischen diesem und jenem steht.

Kann also das Leben ohne Kontrolle, ohne Willen, ohne Ausrichtung – was alles Zeit bedeutet – geführt werden? Und das ist Meditation, nicht nur eine Frage, die interessiert, vielleicht auch stimuliert. Eine noch so stimulierende Frage hat für sich selbst keine Bedeutung. Sie hat eine Bedeutung im Leben. Meditation deckt also den gesamten Bereich des Lebens ab, und nicht nur einen Teil davon. Ist es daher möglich, ein Leben ohne Kontrolle zu führen, ohne vom Willen bestimmtes Handeln, ohne Entscheidung, ohne Ausrichtung, ohne Bestrebung? Ist das möglich? Wenn es nicht möglich ist, ist es keine Meditation. Daher wird das Leben oberflächlich und bedeutungslos. Und um diesem bedeutungslosen Leben zu entfliehen, jagen wir diesen Gurus nach, der religiösen Unterhaltung, dem ganzen Zirkus und all den Meditationsübungen. Das ist so sinnlos.

A. W. Anderson: In der klassischen Tradition haben wir eine Definition des Willens. Wir sagen, dass der Wille vernunftgeleitetes Verlangen ist.

Krishnamurti: Beobachten Sie den Willen bei seiner Tätigkeit und lassen Sie ihn erblühen. Während Sie ihn beobachten, stirbt er, welkt er dahin. Schließlich ist er wie eine Blume, der Sie zu blühen und zu welken erlauben. Wenn Sie darum diese Bewegung des Verlangens, der Kontrolle, des Willens und der Ausrichtung des Willens in Tätigkeit ohne jede Absicht wahrnehmen, dann lassen Sie das geschehen, beobachten Sie es. Und während Sie die Bewegung beobachten, werden Sie erkennen, wie sie ihre Kraft verliert. Es gibt hierbei keine Kontrolle.

Dann erhebt sich die nächste Frage, nämlich: Kann es Raum geben, der eine Richtung hat? Das ist sehr interessant. Was ist Raum? Raum, den das Denken hervorgebracht hat, ist eine Sache. Raum, der im Himmel, der im Universum existiert. Es muss Raum geben, damit ein Berg bestehen, ein Baum wachsen, eine Blume blühen kann. Was ist also Raum? Und haben wir Raum? Oder sind wir alle durch das Leben in einer kleinen Wohnung, in einem kleinen Haus ohne jede dazugehörige Umgebung physisch eingeengt, und da wir keinen Raum haben, werden wir immer gewalttätiger?

Ich weiß nicht, ob Sie abends schon einmal all die Schwalben, aufgereiht auf einer Stromleitung, beobachtet haben, wie gleichmäßig der Raum ist, den sie zwischen sich lassen? Es ist wunderbar, diesen Raum zu sehen. Und Raum ist notwendig. Und wir haben physisch keinen Raum, aber immer mehr Bevölkerung und was dazu gehört. Und darum gibt es immer mehr Gewalttätigkeit und immer engeres Zusammenleben in einer kleinen Wohnung, Tausende von Leuten dicht zusammengedrängt, welche dieselbe Luft einatmen, dasselbe denken, dasselbe Fernsehprogramm anschauen, dasselbe Buch lesen, in dieselbe Kirche gehen, dasselbe glauben, denselben Kummer, dieselben Sorgen und dieselben Ängste haben. Daher hat der Geist und ebenso das Gehirn sehr wenig Raum. Und Raum ist notwendig, sonst erstickt man.

Kann der Geist also Raum haben? Und es wird keinen Raum geben, wenn es eine Ausrichtung gibt. Es gibt keinen Raum, wenn die Ausrichtung Zeit bedeutet. Wenn der Geist mit der Familie, mit dem Geschäft, mit Gott, mit dem Trinken, mit Sex und Erfahrung beschäftigt und angefüllt ist, dann gibt es keinen Raum. Wenn das Wissen das ganze Gebiet des Geistes als Denken abdeckt, dann gibt es keinen Raum. Und das Denken schafft um sich selbst herum einen Raum, der »das Ich, das Du, das Wir und Sie« umgibt. Daher hat das Selbst, das »Ich«, das die wirkliche Essenz des Denkens ist, seinen eigenen kleinen Raum, und sich aus diesem Raum hinauszubewegen ist Schrecken, ist Angst, ist Sorge, denn ich bin nur an diesen kleinen Raum gewöhnt. Nichtsein und Sein ist in dem kleinen Raum, den das Denken geschaffen hat. Daher kann das Denken niemals Raum geben.