Meditation – Teil 9

A. W. Anderson: Darf ich Ihnen hier eine Frage stellen? Der Akt der Wahrnehmung ist, wie Sie sagten, das Handeln, dazwischen gibt es absolut kein Intervall. In dieser Wahrnehmung ist das Handeln vollkommen frei, und dann ist jedes Energiemuster frei, um geändert zu werden.

Krishnamurti: Ja, richtig.

A. W. Anderson: Kein Anhäufen mehr. Das hat das ganze Leben hindurch funktioniert. Und obwohl es erstaunlich ist, scheint mir darin eine logische Folge zu liegen. Nicht nur das Muster ist frei, um verändert zu werden, sondern die Energie ist frei, sich selbst zu strukturieren.

Krishnamurti: Oder sich nicht zu strukturieren. Als Wissen muss sie sich strukturieren. Aber hier kann sie sich nicht strukturieren. Wozu strukturieren? Wenn sie sich strukturiert, ist sie wieder Denken geworden. Und darum ist Denken, wenn es teilt, oberflächlich. Jemand erzählte mir, dass Denken in der Eskimo-Sprache das Äußere bedeutet. Sehr interessant. Wenn sie sagen, geh nach draußen, ist es dasselbe Wort wie Denken. So hat also Denken das Äußere und das Innere geschaffen. Ohne Denken gibt es weder das Äußere noch das Innere: Also Raum. Das bedeutet nicht, dass ich inneren Raum habe.

A. W. Anderson: Nein. Wir haben über die Beziehung der Meditation zur Religion gesprochen, und ich fühle ganz einfach, dass ich Sie bitten muss, über die Beziehung zwischen Gebet und Meditation zu sprechen, denn wir beziehen uns schließlich immer auf Gebet und Meditation.

Krishnamurti: Die Wiederholung eines Gebets hat keinen Platz in der Meditation. Zu wem bete ich? Wen bettele ich an, wen flehe ich an? Wenn es kein Bittgesuch gibt, was findet dann statt? Ich bitte nur, wenn ich nicht verstehe, wenn ich im Konflikt bin, wenn ich Kummer habe, wenn ich mir sage: Oh Gott, ich habe alles verloren; ich bin fertig; ich kann es nicht schaffen; ich kann es nicht zustandebringen. Vor einiger Zeit kam einmal eine Frau zu mir. Sie sagte: »Ich habe gebetet, inständig, viele Jahre lang. Ich habe um einen Eisschrank gebetet. Und ich habe ihn bekommen.« Ich bete für Frieden und ich lebe dabei ein gewaltsames Leben. Ich habe mein Land von einem anderen Land getrennt, und ich bete für mein Land. Es ist kindisch.

A. W. Anderson: In konventionellen Gebeten gibt es gewöhnlich beides: Bitte und Lob.

Krishnamurti: Natürlich: Loben und bekommen. Wie Sie wissen, beginnt es in einem Sanskrit-Lied immer so. In einigen Teilen wird gelobt und dann folgt eine Bitte. Es gibt ein wunderbares Lied, das um den Schutz der Götter bittet. Es lautet: »Mögest Du meine Schritte beschützen.« Gott loben und dann sagen, bitte beschütze meine Schritte. Wenn es also keine Bitte gibt, weil der Bittende die Bitte ist, der Bettler das Erbettelte, also der Empfänger ist, was findet dann im Geiste statt? Kein Bitten.

A. W. Anderson: Eine immense Ruhe, immense Ruhe. Der eigentliche Sinn des Wortes Friede.

Krishnamurti: Das ist richtig. Das ist wirklicher Friede, nicht der unechte Friede, über den alle sprechen – Politiker wie religiöse Leute. Dort gibt es kein Bitten um etwas.

A. W. Anderson: Es gibt einen sehr schönen Satz in der Bibel: »Der Friede, der das Verstehen übertrifft.«

Krishnamurti: Ich habe den Satz gehört, als ich ein kleiner Junge war. Wie Sie wissen, sind Bücher ungeheuer wichtig geworden, was andere geschrieben haben, was andere gesagt haben. Und so ist der menschliche Verstand second-hand geworden, oder der Verstand hat sich über das, was andere Leute über die Wirklichkeit erfahren haben, soviel Wissen angeeignet. Wie kann ein solcher Verstand das erfahren oder finden, was das Ursprüngliche ist? Kann der Verstand sich seines Inhalts entledigen? Wenn er es nicht kann, kann er nicht erst Erwerbungen machen, diese dann zurückweisen und sich dann öffnen. Verstehen Sie? Warum sollte ich durch all das hindurchgehen? Warum kann ich nicht sagen: »Ich werde schauen. Es gibt kein Buch auf der Welt, das mich belehren kann. Es gibt keinen Lehrer, der mich belehren kann.« Denn der Lehrer ist das, was gelehrt wird, der Schüler ist der Lehrer.

A. W. Anderson: Wenn man an der Aussage festhält: »Ich bin die Welt und die Welt ist ich«, dann ist das eine Gelegenheit zur Heilung. Aber der Satz klingt so absurd, dass man dagegen aufbegehrt.

Krishnamurti: Ich weiß. Das heißt, man muss sehr, sehr ernsthaft sein. Dies ist nichts, womit sich spielen lässt.

Meditation bedeutet Aufmerksamkeit, Fürsorge. Ein Teil davon ist Fürsorge für meine Kinder, für meinen Nachbarn, für mein Land, für die Erde, für die Bäume, für die Tiere. Töten Sie keine Tiere! Töten Sie sie nicht, um zu essen, es ist so unnötig. Es ist ein Teil jener Tradition, die besagt, man müsse Fleisch essen. Darum führt all dies zu einem Empfinden tiefer, innerlicher Ernsthaftigkeit, und diese Ernsthaftigkeit selbst schafft Aufmerksamkeit, Fürsorge und Verantwortung und all das, was wir diskutiert haben. Das heißt nicht, dass man das alles durchlebt hat. Man sieht es. Und eben dieses Wahrnehmen ist Handeln, was Weisheit bedeutet, denn Weisheit ist das Ende des Leidens. Es ist keine Herzlosigkeit, nur das Ende des Leidens. Und das Ende des Leidens kommt mit der Beobachtung, dem Sehen des Leidens, nicht indem wir darüber hinausgehen, es zurückweisen, es wegrationalisieren oder davonrennen. Es nur einfach erkennen. Es blühen lassen. Und wenn Sie ganz ohne Absicht dieses Blühens gewahr sind, welkt es auf natürliche Weise dahin. Ich muss nichts dazu tun.

A. W. Anderson: Es ist wunderbar, wie Energie frei sein kann, sich selbst zu strukturieren oder nicht zu strukturieren.

Krishnamurti: Ja, es deckt alle Bestrebungen des Menschen, seine Gedanken, seine Ängste, alles wird damit abgedeckt. Die Zeit kommt zu einem Ende, die Zeit steht still. In der Stille steht die Zeit still.

A. W. Anderson: In der Stille steht die Zeit still. Unbeschreiblich schön. Ich muss Ihnen von ganzem Herzen meine Dankbarkeit ausdrücken. Ich hoffe, Sie lassen das zu, denn ich habe im Laufe unserer Gespräche eine Wandlung durchgemacht.

Krishnamurti: Weil Sie wirklich bereit sind zuzuhören, weil Sie zuhören können. Die meisten Leute können das nicht, sie hören nicht zu. Sie haben sich die Zeit genommen, die Mühe gemacht, sorgfältig zuzuhören.

28. Februar 1974