Brockwood 1983, Fragen & Antworten 1, Frage 2, Teil 2

Zurück zu der Frage. Was ist Verlangen? Wie kommt es dazu? Kann man es verstehen, damit leben, so dass man es nicht mehr unterdrückt, es nicht verdammt, und ihm auch keinen freien Lauf lässt? Schauen Sie hin und verstehen Sie es. Sobald Sie etwas richtig verstehen, wird es sehr einfach. Wenn ich etwas von Automontage verstehe, wird es für mich einfach, mit dem Auto umzugehen, es zu reparieren, wenn es nicht funktioniert. Das kann mich dann nicht schrecken. Genauso wollen wir sehr sehr aufmerksam die Frage betrachten, was Verlangen ist. Was für eine Ursache hat das Verlangen? Wo ist sein Anfang? Können wir darüber sprechen?

Können wir die Ursache des Verlangens sehen und dabei bleiben ohne zu sagen, das ist recht oder unrecht, ohne zu sagen, dass es gut ist, Verlangen zu haben, oder was die Menschen ohne Verlangen tun würden? Wir fragen, was ist die Ursache des Verlangens? Sie sehen etwas Schönes, ein schönes Bild, ein schönes Möbelstück, ein Schmuckstück. Sie sehen es im Schaufenster. Was geschieht dann? 

Wir wollen langsam vorgehen. Sie sehen ein bestimmtes Schmuckstück im Fenster. Es kommt bei ihnen zu einer Reaktion. Sie gehen in das Geschäft und bitten den Verkäufer, Ihnen dieses besondere Schmuckstück zu zeigen. Sie berühren es. Dabei haben Sie ein bestimmtes Gefühl. Sehen, berühren, fühlen. Dann stellen Sie sich gedanklich vor, wie Sie mit diesem Schmuckstück an Ihrer Hand oder um Ihren Hals oder an Ihren Ohren aussehen würden. So wird in diesem Augenblick das Verlangen geboren. 

Es ist ganz natürlich, dass man dieses Gefühl bekommt – man erblickt das Schmuckstück im Fenster, man geht in den Laden, man berührt es, Empfindung – ein Gefühl, dann kommt der Gedanke. Das alles geschieht in Sekundenschnelle, und man sagt: »Wie hübsch wäre das an meinem Finger. Wie schön wäre es, wenn mir dieses wunderschöne Schmuckstück gehören würde.« In diesem Augenblick wird das Verlangen geboren. Ob Sie das verstehen? 

Wenn wir uns schrittweise nähern, können wir erkennen, wie das Verlangen geboren wird – sehen, berühren, empfinden, dann der Gedanke. Genauso ist das, wenn Sie ein schönes Auto sehen, es berühren, um es herumgehen, es befühlen, die Tür öffnen und dabei etwas empfinden. Dann der Gedanke: »Ich möchte dieses Auto gern besitzen, drin sitzen, es fahren.« Das alles geschieht augenblicklich, aber wir haben es jetzt voneinander getrennt.

Werden Sie sich dieses ganzen Vorganges bewusst: sehen, berühren, fühlen, denken. In dem Augenblick, in dem Gedanke auftritt, wenn sich Gedanke in das Gefühl einmischt, wird das Verlangen geboren. Ist das eine Tatsache? Ja, das ist eine Tatsache. Sie sehen eine Bluse oder einen Rock oder ein schönes Hemd im Fenster, und in Sekundenschnelle durchlaufen Sie diesen ganzen Prozess. Wenn Sie ihn verlangsamen, schrittweise vornehmen, erkennen Sie den gesamten Vorgang – berühren, empfinden, dann der Gedanke, der sich ein Bild macht, und dann ist das Verlangen geboren. Wir wollen herausfinden, warum Gedanke das tut, warum Gedanke das Gefühl gefangen nimmt und sich ein Bild davon macht. Warum? Warum macht Gedanke das?

Es ist eine Angewohnheit, nicht wahr? So ist unser Bewusstsein. Das sind unbewusste Vorgänge, nicht wahr? Ich sehe etwas und sofort macht sich Gedanke ein Bild davon. Wir trennen niemals den Gedanken vom Gefühl. Deshalb herrscht der Gedanke über das Verlangen. Das heißt, dass der Gedanke das Gefühl formt und das Verlangen erschafft. Sie hatten letzte Nacht Sex, und jetzt drehen sich die Gedanken darum weiter, die Vorstellung, das Bild, der Wunsch danach, es wieder zu haben.

Gedanke und Verlangen verlaufen zusammen, verlaufen immer miteinander. Das Denken erschafft sich den Gegensatz, indem es sagt: »Ich muss das beherrschen«. Seien Sie sich also dieses Vorganges der Berührung, des Empfindens und des Denkens bewusst, wie Gedanke das Gefühl einfängt, sich ein Bild macht und das Verlangen weckt. Kann es nun einen Spalt, eine Lücke, eine Pause zwischen dem Gefühl und dem Augenblick geben, wenn Gedanke das Gefühl einfängt? Sie sehen ein Auto, ein sehr schönes Modell, wunderbar glänzend mit schönen Linien. Sie sehen es, gehen drum herum, berühren es. Gefühl. Warum hören Sie da nicht auf? Warum übernimmt das Denken so schnell die Vorherrschaft? Wenn Sie sich dieses ganzen Vorganges bewusst werden, können Sie sehr klar beobachten, wann sich das Denken einmischt. Sobald Sie das sehr genau beobachten, zögert Gedanke sich einzumischen. Verstehen Sie?

Es ist also die Aufmerksamkeit, die jede Beherrschung unnötig macht. Schließlich ist der Kontrolleur, wenn ich das Verlangen beherrsche, nur eine andere Form des Verlangens. Auf diese Weise ist ein Verlangen im Widerspruch zu einem anderen Verlangen. Wenn wir aber den Gesamtvorgang des Verlangens verstehen, kommt es zu einer bestimmten Form der Disziplin, die keine Beherrschung ist. Die Bewusstheit, die Aufmerksamkeit diesem Gesamtvorgang gegenüber ist ihre eigene Disziplin.

Zuhörer: Welcher Unterschied besteht zwischen dem Verlangen, etwas kaufen zu wollen, und dem Verlangen nach der Wahrheit?

K: Das Verlangen nach einem blauen Anzug, einem Hemd oder einer Bluse, egal was, und das Verlangen nach der Wahrheit sind ein- und dasselbe. Denn beides ist Verlangen. Ich könnte mir ein schönes Auto wünschen, und Sie können Verlangen nach dem Himmel haben. Was für ein Unterschied ist das? Wir versuchen hier, das Verlangen an sich zu verstehen und nicht die Objekte des Verlangens. Ihr Ziel mag es sein, an Gottes Seite zu sitzen, mein Wunschziel mag ein schöner Garten sein. Uns beiden ist das Verlangen nach etwas gemeinsam. Wir versuchen hier, Verlangen an sich – nicht Ihren Himmel oder meinen Garten – zu verstehen.