Brockwood 1983, Fragen & Antworten 2, Frage 2, Teil 2

Zurück zu der Frage: Was für eine Beziehung besteht zwischen Bewusstsein, Geist, Gehirn und allem übrigen, einschließlich der Meditation? In welcher Beziehung steht das alles zueinander? Bildet Gedanke das Band der Beziehung? Werden ähnlich den Perlen, die von einem dünnen Nylonfaden als Kette zusammengehalten werden, Bewusstsein, Geist, Gehirn usw. vom Gedanken zusammengehalten? Gedanke ist die dünne Kette, die dünne Faser, die das alles zusammenhält. Deshalb muss man fragen: Was hat den Gedanken mit so ungewöhnlich großer Aktivität ausgestattet? Warum? Ist Gedanke Gefühl? Ist Gedanke Emotion? Natürlich ist er es. Wenn ich eine Emotion nicht gedanklich als solche erkenne, dann gibt es diese Emotion nicht. Es ist die gedankliche Aktivität, die erkennt.

Was ist dann der Geist? Das ist wirklich eine sehr sehr ernste Frage. Was ist der Geist? Ist er ein Teil des Gehirns? Oder befindet er sich außerhalb des Gehirns?

Zuhörer: Vielleicht beides.

K: Seien Sie nicht so schnell, mein Herr. Diese Frage ist zu ernst, als  dass man sagen könnte, ja, es ist beides oder nicht beides. Wie kann ich das herausfinden?

Zuhörer: Wenn wir so wie jetzt die verschiedenen Funktionen von Geist, Körper, Gehirn, Organismus miteinander diskutieren, versuchen wir, sie zu beleben. Doch normalerweise geschieht das fast automatisch.

K: Ja, mein Herr, ich weiß,  dass sie automatisch sind, sie wirken alle zusammen. Ich möchte jetzt verstehen, wann wir das Wort Geist, wann das Wort Gehirn, wann das Wort Bewusstsein verwenden. Wirken sie alle zusammen?

Zuhörer: Könnte man erkennen,  dass es da keine Trennung gibt?

K: Ja, mein Herr, das frage ich gerade. Ist das alles eine einzige Bewegung, eine einheitliche Bewegung, in der es keine Abspaltung gibt?

Zuhörer: Die Abspaltung besteht nur im Gedanklichen. Sie ist nicht wirklich.

K: Das möchte ich selber entdecken. Was ist der Geist? Ist er ein Bestandteil des Gehirns? Wie entdecke ich das? Ich kann das nicht entdecken, es sei denn, mein Gehirn wäre nicht geprägt. Ehe ich nicht frei bin zu schauen, kann ich nichts herausfinden. Aber ich bin nicht frei zu schauen. Wie wir sagten, ist mein Gehirn auf zahllose Weise geprägt. Solange mein Gehirn geprägt ist, kann ich niemals entdecken, was Geist ist. Ich kann wörtlich feststellen,  dass der Geist Bestandteil des Gehirns ist oder  dass er vom Gehirn abgetrennt ist. Aber es interessiert mich nicht, ob er außerhalb oder innerhalb des Gehirns ist. Mein Hauptanliegen ist, ob das Gehirn von seiner Prägung frei werden kann. Erst dann kann ich herausfinden, was der Geist ist, denn dann wird das entdeckt werden, was wahr ist und keine wörtliche Erfindung.

So fragen wir: Was für eine Beziehung besteht zwischen Bewusstsein, Geist, Gehirn usw. Ist das alles eine einzige Bewegung? Wenn man das herausfinden will, muss man sehr nah beginnen, nämlich mit dem, was ich bin, was meine Gedanken sind. Was sind Sie? Darf ich diese einfache Frage stellen? Es ist sehr kompliziert, aber wir wollen einfach beginnen. Was sind Sie? Im Ernst, was sind Sie? Sie sind Ihr Name, Sie sind Ihre Tradition, Sie sind Ihre Erinnerungen usw. Das alles sind Sie, nicht wahr? Das heißt,  dass Sie Ihr Bewusstsein sind. Ihr Glaube, Ihr Unglaube, Ihr Glaubensbekenntnis, Ihre Götter, Ihre Ängste, Vergnügungen, Leiden, Schmerz usw. Sie sind das alles. Stimmen wir darin überein? Oder denken wir,  dass wir etwas ganz anderes seien?

Zuhörer: Das sind wir. Das ist eine Tatsache.

K: Das heißt,  dass wir die Vergangenheit sind, nicht wahr? Würden Sie da – wenn auch nur wörtlich – zustimmen? Wir sind die Vergangenheit. Die Vergangenheit ist Wissen, die Vergangenheit ist Gedächtnis, nicht wahr?

Zuhörer: Ja.

K: Bitte, Sie lernen hier nichts von mir. Ich weise nur daraufhin. So sind wir eine Reihe von Erinnerungsvorgängen, nicht wahr?

Zuhörer: Ja.

K: Schauen Sie, was das bedeutet! Sie mögen für die nächsten zehn oder fünfzig Jahre täglich ins Büro oder in die Fabrik gehen oder tun, was immer Sie tun. Das sind Sie auch alles. Wenn ich Wissenschaftler bin, verfüge ich über gespeichertes Wissen aus Büchern, aus Experimenten, aus Diskussionen. Ich habe dann verschiedene Hypothesen und Schlussfolgerungen. Das ist alles Vergangenheit. Deshalb sind wir Vergangenheit. Wir sind Erinnerungen. Wir sind keine wirklich lebendigen Menschen. Psychologisch sind wir tote Wesenheiten. Ich frage mich, ob Sie das erkennen?

Zuhörer: Im Augenblick, in dem ich das erkenne ...

K: Warten Sie. Erkennen wir es oder ist es bloß eine Idee? Das erfordert sehr viel Arbeit, mein Herr, sehr viel Beobachtung, sehr viel Geduld, sehr sehr sorgfältige, unparteiische, objektive Betrachtung der Dinge ohne irgendwelche subjektive Reaktionen. Wenn ich erst einmal erkenne,  dass ich die ganze fortschreitende Vergangenheit bin, ist das nicht nur ein plötzlicher Schock für mich, sondern ich erkenne dabei auch,  dass es nichts Neues in mir gibt.

Zuhörer: Sie sagen,  dass wir die Vergangenheit und alle diese Dinge sind, die Sie erwähnt haben. Aber was ist das? Das ist wie eine Menge Zeug auf dem Tisch. Was ist die Grundlage? Dahin sollten wir kommen. Nicht diese ganzen Erinnerungen, nicht dieses tote Zeug.

K: Wenn ich akzeptiere,  dass ich Gedächtnis bin, mein Herr, dann bleibe ich dabei – nicht nur bei einer besonderen Erinnerung, sondern bei dem ganzen Fortgang der Erinnerung. Durch diese Beobachtung kommt es zu einer Erkenntnis, so dass man fragt: Wäre es möglich,  dass man ohne Erinnerungen lebt, ausgenommen in jenen Bereichen, wo Erinnerung notwendig ist?

Zuhörer: Es ist möglich. Ja. Ich war mir schon als Kind bewusst,  dass es möglich ist, keine Erinnerungen zu haben. Ich war mir dessen bewusst.

K: Ist das so?

Zuhörer: Ja, das ist eine Tatsache.

K: Nun gut, mein Herr, dann haben Sie das Problem gelöst. Sie haben das Problem gelöst, wie das Gehirn, das in vierzig oder fünfzigtausend Jahren oder in einer Million von Jahren geprägt wurde, in allen lebendigen Beziehungen leben, arbeiten, handeln kann, ohne diese fürchterliche Vergangenheit mit herein zu bringen. Wenn Sie so leben können, ist das die ungewöhnlichste Sache.