Brockwood 1983, Rede 1, Teil 2

Jetzt stellen wir eine grundsätzliche Frage: Wäre es möglich, dass man von außen her überhaupt nicht beeinflusst werden könnte? Hoffentlich verstehen Sie, wenn ich das Wort »außen« verwende. Das Äußere kann Gott, kann die Musik, die Kunst oder die äußeren Gesetze sein, die von den Regierungen erlassen werden usw. Alle äußeren Organe versuchen auf verschiedene Weise, den Menschen dazu zu zwingen, dass er sich anpasst, dass er sich in seinem Verhalten radikal wandelt, so dass er ohne Kriege leben kann. Aber gleichzeitig bereitet der Mensch den Krieg vor. Jede Regierung dieser Welt ist bewaffnet, ist bereit zu töten und getötet zu werden. Ich bin sicher, dass Sie alle sich dessen bewusst sind.

Die Religionen haben versucht, den Menschen anzuketten, ihn durch Versprechungen oder Furcht, mit Himmel und Hölle zu zähmen. Auch sie hatten keinen Erfolg. Das sind Tatsachen. Das geschieht in der Welt um uns her, das beeinflusst uns durch Propaganda, durch verschiedene Arten der Chemotechnik, womit man auf die eine oder andere Weise versucht, den Menschen zu verändern. Und weder die Propagandisten noch die Wissenschaftler haben damit Erfolg, und sie werden ihn auch niemals haben, weil die Psyche, das Ego, viel zu stark, viel  zu  spitzfindig  und voll  ungewöhnlicher Fähigkeiten ist. Deshalb stellen wir eine ganz andere Frage. Wir fragen – nicht ich frage, Sie fragen: Da kein äußerer Einfluss, einschließlich der Gottesvorstellungen, frommer Ideologien und verschiedener Arten historisch-dialektischer Schlüsse den Menschen verändert hat, wäre es da möglich, dass sich der Mensch ohne irgendeinen radikalen äußeren Einfluss fundamental wandelt? Verstehen Sie das? Es ist wichtig, dass man fragt, ob jeder von uns, egal ob wir Intellektuelle, Wissenschaftler oder Künstler sind oder in anderen Aktivitäten engagiert sind, ob wir fähig wären, eine tiefe, grundlegende Mutation in den Gehirnzellen zustande zu bringen. Habe ich die Frage klar gestellt?

Ich hoffe, Sie stellen sich diese Frage selber. Was ist Ihre Antwort? Sind Sie ernsthaft, aufrichtig und leidenschaftlich genug, um diese Frage zu stellen? Wie antworten Sie darauf? Entweder werden Sie sagen, »es ist unmöglich«, und damit die Tür für weitere Untersuchungen schließen. Oder Sie sagen, »ich weiß es wirklich nicht. Ist es möglich?«

Wir schließen die Tür nicht, indem wir sagen, dass es unmöglich ist. Wie kann sich der Mensch, dessen Gehirn seit Jahrtausenden durch großes Wissen, durch weitgesteckte Erfahrung so geprägt wurde, umwandeln? Wie kann sich dieses Gehirn selber umwandeln? Wenn Sie antworten, »das ist unmöglich«, dann verschließen Sie völlig den Weg zur Untersuchung. Wenn Sie aber offen sind, können Sie fragen: Kann das Gehirn verändert werden, das Gehirn, das in einer Richtung so große Kapazität hat und doch in anderer Richtung so völlig beschränkt, eingeengt, geprägt, programmiert ist? Kann dieses Gehirn ganz frei werden? Nicht frei in dem Sinne, dass Sie tun, was Sie möchten. Sie machen das sowieso. Sie folgen Ihrem eigenen Vergnügen, Ihren eigenen ehrgeizigen Bestrebungen, Sie suchen nach Ihrer eigenen Erlösung – wenn Sie religiös eingestellt sind – Sie folgen Ihren eigenen abgesonderten Illusionen. Das tun Sie an jedem Tag in Ihrem Leben. Das ist die allgemeine Lebensart der ganzen Menschheit, und das nennt man Freiheit. Gewiss ist das keine Freiheit. Freiheit erfordert sehr große Disziplin. Freiheit setzt große Demut voraus, setzt angeborene innere Disziplin und Arbeit voraus.

Die meisten von uns sind ziemlich eingebildet, da sie sich so sehr auf ihr Wissen verlassen. Wir sind so sicher. Unser Glaube, unsere Entscheidungen und Wünsche sind so stark, dass wir jedes Gefühl tiefer, natürlicher Demut verloren haben. Auch das ist eine Tatsache. Mit welchem Stolz verkündet ein Franzose: »Ich bin Franzose!« oder sagen Sie selber: »Ich bin Brite!«, die gottgegebene Rasse. Und so fühlt jeder in jedem anderen Land.

Neulich sprach ein Inder mit mir. Er sagte: »Wir haben die größte Kultur in der Welt. Wir sind das zivilisierteste Volk.« Ich sagte: »Ja, Ihr seid korrupt, Ihr seid abergläubisch. Euer Glaube ist wertlos. Eure Ideale, Eure Religion bestehen nur aus Worten.« Er sagte: »Oh, aber wir haben dennoch die höchste Kultur.«

Nein, bitte lachen Sie nicht. Das gilt für Sie ebenfalls. Wenn Sie sich mit einem Land, mit einer Ideologie identifizieren, sich zu Schlüssen und Konzepten bekennen, dann sind Sie unfähig zur Demut. Sie können aber nur mit Demut forschen, lernen und entdecken. Demut ist notwendig. Dann erst sehen Sie die Dinge, wie sie sind, die Dinge in Ihnen und um Sie her.