Brockwood 1983, Rede 1, Teil 3

Disziplin ist fortwährende Beobachtung, die Beobachtung Ihrer eigenen Reaktionen, ist die laufende Beobachtung, die Sie erkennen lässt, was die Quelle Ihrer eigenen Gedanken ist, warum Sie auf eine bestimmte Weise reagieren, welche Voreingenommenheiten, welche Vorurteile, welche Kränkungen Sie mit sich herumtragen. Die dauernde Beobachtung führt zu einer eigenen natürlichen Disziplin, zur Ordnung. Das meinen wir, wenn wir Disziplin sagen – keine Angepasstheit, keine Gefolgschaft einem Vorbild gemäß, das entweder die Gesellschaft oder Sie selber geschaffen haben, sondern die dauernde Beobachtung der Welt und Ihrer selbst. Dann werden Sie erkennen, dass zwischen der Welt und Ihnen kein Unterschied besteht. Dies weckt dann ganz natürlich ein Gefühl der Ordnung. Ordnung ist Disziplin. Nicht anders herum. Und das bedeutet Arbeit – nicht nur körperliche Arbeit sondern Arbeit im Sinne der Anwendung dessen, was Sie als wahr erkannt haben. Wenden Sie es an! Wenden Sie es an, ohne dass zwischen Wahrnehmung und Handlung ein Zeitintervall entsteht. Wenn Sie erkennen – wie es der Sprecher vor vielen Jahren als Junge erkannte – dass Nationalismus ein Gift ist und deshalb sofort aufhörte, ein Hindu zu sein, dann wäre für Sie Schluss mit dem ganzen Aberglauben und dem Quatsch, der im Namen der Nationalität betrieben wird.

Wenn man also auf dieser Erde trotz der Regierungen in Frieden leben möchte, erfordert das eingehende Untersuchung. Es erfordert große Intelligenz, wenn man in Frieden leben will. Dem Sprecher fällt es leicht, über das alles zu reden, denn das ist sein Leben. Aber es scheint so sinnlos zu sein, wenn man bloß zuhört, was hier gesagt wird. Nur in dem Augenblick, in dem Sie etwas als wahr erkennen und es sofort anwenden, löst sich der Konflikt auf. Wenn zwischen dem, was Sie als wirklich und wahr erkannt haben, und der Angst vor den Konsequenzen Ihrer möglichen Handlung eine Kluft ist, so ist es diese Kluft, die Pause, die Lücke, die den Konflikt erzeugt.

Verstehen wir einander? Wir versuchen hier nicht, Sie von irgendetwas zu überzeugen. Im Gegenteil. Sie müssen zweifeln, Sie müssen skeptisch sein. Sie müssen nicht nur das in Frage stellen, was der Sprecher sagt, sondern auch Ihr eigenes Leben. Bezweifeln Sie Ihre eigenen Glaubensansichten. Wenn Sie zu zweifeln anfangen, schenkt Ihnen das eine gewisse Klarheit. Es vermittelt Ihnen nicht das Gefühl großer Wichtigkeit, Der Zweifel muss an Ihrer Erforschung, an Ihrer Untersuchung des ganzen Daseinsproblems teilhaben. Werden Sie vernünftig, geistig gesund, und dann untersuchen Sie das alles mit so einem Gehirn.

Wir untersuchen jetzt, ob die Gehirnzellen ohne irgendeinen äußeren Einfluss von seiten der Wissenschaft, der Regierung, der Umwelt, der Religion oder irgendetwas anderem, ob diese Gehirnzellen eine Mutation durchmachen können. Ist diese Frage klar? Stellen Sie sich diese Frage selber? Das ist ein ernstes Problem. Es kann nicht mit einem einfachen Ja oder Nein, mit Bestätigung oder Verneinung beantwortet werden. Sie müssen die Frage in ihrer Gesamtheit betrachten. Weder von irgendeinem nationalen noch von einem religiösen Standpunkt mit seinem abergläubischen Unsinn aus betrachten, noch sie aus der Sicht ihrer besonderen Disziplin oder Ihres Berufes aus sehen. Sie müssen die Gesamtheit des Lebens als eine einheitliche Bewegung betrachten. Wenn Sie das verstehen, können Sie fragen: Wäre es möglich, dass eine Mutation in den Gehirnzellen stattfände? Und wenn Sie diese Frage wirklich stellen, was machte es dann schon aus, wenn einige Wenige eine Mutation herbeiführten? Was für eine Wirkung hätte das auf die Welt? Das ist die für gewöhnlich auftauchende Frage, nicht wahr? Ich könnte mich verändern, und Sie könnten sich verändern, ein paar von uns könnten die Mutation schaffen. Aber was für eine Auswirkung hätte das auf die Masse der Menschen, auf die Regierungen? Würden wir mit den Kriegen aufhören?

Ich denke, es ist falsch, diese Frage zu stellen, was es für eine Auswirkung haben würde, weil Sie es dann nämlich nicht um der Sache willen sondern wegen ihrer Auswirkung auf andere tun. Schließlich ist es so, dass Schönheit nur ist. Sie will nicht andere beeinflussen. Es ist ganz besonders wirkungsvoll, wenn man etwas um der Sache willen, aus Liebe dazu tut. Z.B. finden diese Reden seit sechzig Jahren statt. Manche fragen: »Welchen Einfluss haben diese Reden auf die Welt? Haben sie überhaupt irgendjemanden verändert?« Ich meine, das ist eine irrige Frage. Sie könnten auch fragen: »Warum blüht eine Blume? Warum scheint ein einsamer Stern am Abendhimmel?« Der Mensch, der sich von seiner Prägung befreit hat, stellt diese Frage niemals. Fahren wir lieber fort.