Brockwood 1983, Rede 1, Teil 4

Erkennen Sie zuerst einmal, dass Sie geprägt sind? Sind Sie sich ausnahmslos dessen bewusst, dass Ihr Gehirn geprägt ist? Oder akzeptieren Sie bloß, was ein Anderer sagt und wiederholen deshalb nur, »mein Gehirn ist geprägt«? Erkennen Sie den Unterschied? Wenn ich mir selber bewusst werde, dass mein Gehirn geprägt ist, hat das eine ganz andere Qualität. Wenn ich hingegen bloß erkenne, dass ich geprägt bin, weil Sie es mir sagten, dann ist diese Erkenntnis sehr oberflächlich. Hoffentlich verstehen Sie das. Sind Sie sich also bewusst, dass Sie durch Ihre Nationalität, Ihre Erfahrungen, Ihre Kultur, Ihre Tradition, Ihre Umwelt, durch die ganze religiöse Propaganda des Christentums, des Buddhismus oder des Hinduismus geprägt sind? Sind Sie sich dessen bewusst?

Wenn Sie sich dessen bewusst sind, dann werden Sie fragen: »Warum? Warum ist das Gehirn geprägt? Was für eine Prägung ist das? Besteht sie im wesentlichen aus Erfahrung und Wissen?« Bitte, gehen Sie langsam vor. Die Erfahrung prägt das Gehirn. Und Erfahrung bedeutet Wissen, nicht wahr? Wenn Sie Autofahren lernen wollen, brauchen Sie Erfahrung. Sie setzen sich in ein Auto, fahren es und lernen durch diese Erfahrung, wie man Auto fährt. Bitte, hören Sie gut zu. Ist der grundlegende Umstand Ihrer Prägung das Wissen? In bestimmten Bereichen ist Wissen offensichtlich notwendig. Sie könnten sonst nicht nach Hause gehen, könnten kein Auto fahren, könnten Ihre Arbeit nicht behalten. Deshalb ist Wissen in einem Bereich, im physischen Bereich, notwendig.

Aber das Wissen prägt auch Ihr Gehirn, Wissen als Tradition, da Sie – so wie Sie sind – programmiert werden von Zeitungen, Zeitschriften, von der permanenten Wiederholung, dass Sie Brite, Brite, Brite sind. Oder wenn Sie nach Frankreich oder Indien oder irgendwo anders hingehen, dann ist es dasselbe, diese dauernde Wiederholung der Nationalität. Auf diese Weise stumpft das Gehirn ab, wird mechanisch, wiederholt sich. Vielleicht ist das eine sichere Art zu leben, aber sie birgt eine enorme Gefahr. Diese Identifizierung mit verschiedenen Ländern, verschiedenen Kulturen ist ein Absonderungsprozess – und verursacht Spaltungen und führt somit zum Krieg.

Sind Sie sich also des Ausmaßes bewusst, in dem Ihr Gehirn programmiert ist? Bitte, schauen Sie nicht die anderen an. Schauen Sie sich selber an. Wenn Sie sich bewusst sind, dass Sie programmiert, geprägt sind, dann fragen Sie: »Ist es das Wissen, das mich geprägt hat?« Anscheinend ist es das Wissen. Warum aber gründet dann die Struktur der Psyche im wesentlichen auf diesem Wissen? Verstehen Sie? Die Psyche, das »Ich«, das Selbst ist im wesentlichen eine Fortschreiten des Wissens – Wissen, das eine Reihe von Erinnerungen ist. Deshalb sind Sie eine Reihe von Erinnerungen. Sie sind Erinnerung. Erkennen Sie, dass das eine Tatsache ist, und nicht der allgemeine Glaube, dass Sie göttlich seien und dieses ganze Blah-blah, mit dem die Religionen renommieren? Tatsache ist, dass Sie nichts sind außer Erinnerungen. Das ist eine äußerst unangenehme Entdeckung, nicht wahr? Oder sagen Sie: »Aber schauen Sie, es gibt doch einen Teil in mir, der nicht Erinnerung ist?!« Im Augenblick, in dem Sie das sagen, ist es schon Erinnerung geworden. Ich weiß nicht, ob Sie das erkennen. Wenn Sie sagen, »Ich bin nicht ganz das Ergebnis von Erinnerungen«, dann beinhaltet eben diese Aussage den Gedanken, dass ein Teil von Ihnen nicht Erinnerung ist. Und wenn Sie hinschauen, ist dieser Teil von Ihnen auch Erinnerung. So sind Erinnerungen die Vergangenheit, die in die Zukunft projiziert werden, aber sie bleiben Erinnerungen, die vielleicht durch die Gegenwart etwas abgewandelt werden, aber eben Erinnerungen.

Das sind Tatsachen. Was sind Sie ohne Erinnerungen? Was sind Sie ohne alle die Erinnerungen an Ihre Frau, an Ihren Sohn, an Ihren Bruder, an Ihre Familie? Ohne die Erinnerungen an Ihre Reisen, an das, was Sie getan haben, was Sie erreicht haben? Ohne diese Erinnerungen – was sind Sie? Die Erinnerungen liegen alle in der Vergangenheit. Deshalb sind Erinnerungen tote Dinge, und Sie leben von diesen toten Dingen. Erkennen Sie das alles? Wir versuchen hier nicht, Sie zu überreden oder von irgendetwas zu überzeugen. Folgen Sie niemandem, auch nicht dem Sprecher. Aber schauen Sie diese Tatsachen an.

Dann taucht die Frage auf: Wäre es möglich, dass man ohne eine einzige psychologische Erinnerung lebt? Verstehen Sie? Bitte, stellen Sie sich diese Frage selber. Ihr Bruder, Ihr Sohn, Ihre Frau, Ihr Mann ist tot. Sie erinnern sich an alle Erlebnisse, an das Glück, an die intimen Beziehungen – das ist eine Reihe von Erinnerungen an die Vergangenheit, und das macht das Gedächtnis aus. Und davon leben Sie. Sie haben eine Photographie und durch diese werden Sie dauernd erinnert. So ist das »Ich«, das Selbst, das Ego ein Identifizierungsvorgang mit dem Gedächtnis. Sie sind ein Christ, ein Hindu, ein Buddhist, ein Amerikaner usw. Wie sehr sind Sie doch an Ihre Identifizierungen gebunden! Das ist Ihre Prägung. Und wenn Sie das nicht wörtlich, nicht ideell sondern wirklich als Tatsache sehen, dann handeln Sie so, als hätten Sie furchtbare Zahnschmerzen, handeln, um diese loszuwerden. Wenn Sie sich aber bloß vorstellen, dass Sie Zahnschmerzen haben, ist das etwas ganz anderes.