Brockwood 1983, Rede 1, Teil 5

Erkennen Sie also klar Ihre Prägung, ohne dazu überredet zu werden, ohne in die Ecke gedrängt zu werden? Erkennen Sie selber, was Sie sind, Ihre Prägung, die Ihr Bewusstsein ausmacht? Und wenn Sie das sehen, was sollen Sie dann tun? Haben Sie jenen Punkt erreicht, an dem Sie vollständig erkennen, dass Sie geprägt sind und dass diese Prägung eine lange Reihe von Erinnerungsvorgängen ist? Um es zu wiederholen: Erinnerungen sind immer Vergangenheit, die durch die Gegenwart verändert in die Zukunft projiziert werden, jedoch ein Erinnerungsvorgang bleiben. Und diese Erinnerungen nennen wir Wissen.

Wie betrachten Sie nun diese Erinnerungen? Verstehen Sie meine Frage? Wie schauen Sie diese Erinnerungen an? Sie haben Tausende von Erinnerungen. Von Kindheit an haben Sie sie angesammelt – die angenehmen und die unangenehmen, die Erinnerungen an Ihr Streben, an das, was Sie erreicht haben, an den Schmerz, an die Angst, an großen Kummer. Das sind alles Erinnerungen. Und sehen Sie diese Erinnerungen als etwas, das von Ihnen selber, vom Beobachter getrennt ist? Verstehen Sie die Frage? Sie sehen jetzt, dass Sie selber eine lange Reihe von Erinnerungen sind. Aber da gibt es in Ihnen ein Gefühl, dass Sie nicht nur das sind, sondern dass da noch etwas anderes ist, nämlich jenes, das beobachtet. Unterscheidet sich aber der Beobachter von dem, was er beobachtet? Sobald Sie wirklich erkennen, dass der Beobachter mit dem, was er beobachtet, identisch ist, geschieht etwas Ungewöhnliches – nichts Geheimnisvolles,  Parapsychologisches,  sondern etwas, das allem Konflikt ein Ende bereitet. Und das ist viel wichtiger als alles andere.

Solange zwischen den Erinnerungen und dem Beobachter dieser Erinnerungen eine Spaltung besteht, fordert diese Spaltung Konflikt heraus. Bitte, verfolgen Sie das. Wo immer abgesonderte Handlung, abgesondertes einsames Vergnügen, abgesondertes Streben vorliegen, gibt es Konflikt. Gerade diese Einsamkeit ist ein Akt der Trennung. Deshalb muss eine Person, die ihrem besonderen Ehrgeiz folgt, ihrer besonderen Erfüllung nachläuft, unvermeidlich nicht nur für sich selber, sondern auch für die anderen Konflikt erzeugen.

Daraus ergibt sich die Frage, ob jeglicher Konflikt in Ihrem Sein aufhören kann. Da Sie mit Konflikt leben, könnten Sie sagen: »Nun, die ganze Natur ist im Kampf, ist im Konflikt. Ein einzelner Baum im Wald kämpft um sein Licht, kämpft, drückt die anderen beiseite. Und die Menschen, da sie teil der Natur sind, tun dasselbe.« Wenn Sie das akzeptieren, dann akzeptieren Sie auch alle Konsequenzen des Kampfes – das Durcheinander, die Hässlichkeit und die Brutalität des Krieges. Solange Sie Brite, Franzose, Inder sind, werden sie unvermeidlich Kriege herbeiführen. Ja, Sie mögen das sehen, aber trotzdem tun Sie nichts, um das zu ändern.

Man muss das Wesen des Kampfes verstehen, wenn man den Kampf beenden will, d.h. wenn man in Frieden leben will. Und das erfordert große Intelligenz.

(Frage aus der Zuhörerschaft)

Der Herr sagt: »Die Erinnerung kommt von außen.« Sie reagieren auf diese Erinnerung, und damit verstärken Sie diese Erinnerung oder Sie weisen sie von sich. Aber sind Sie denn etwas anderes als Erinnerung? Sehen Sie, das ist der Kernpunkt! Sie sind das Ergebnis dieser Bewegung von außen nach innen und von innen nach außen. Haben Sie das schon bemerkt? Wie das Meer, dessen Wasser nach draußen geht und wieder hereinkommt. Wir haben diese ungeheuerliche Gesellschaft geschaffen, und diese Gesellschaft beherrscht uns. Sie versuchen, diese Gesellschaft durch Gesetze, durch Regierungen, durch allerlei Handlungen zu verändern, und dann reagieren Sie darauf. So kommt es zu einer dauernden Bewegung von außen nach innen und von innen nach außen. Aber es ist ein- und dieselbe Bewegung, Es ist keine abgetrennte Bewegung. Wasser bleibt Wasser. Es geht nach draußen und kommt wieder herein.

Daraus entsteht jetzt die Frage, ob diese Bewegung aus Handlung und Reaktion aufhören kann. Sie schlagen mich, und ich schlage zurück. Sie hassen mich, und ich hasse Sie. Mir gehört dieses bestimmte Stück Land, und Sie kämpfen darum. So verteidige ich es und greife an. Verstehen Sie? Das geht seit Jahrmillionen so – diese Ebbe und Flut von Handlung und Reaktion. Wenn Sie wollen, stellen Sie sich selber diese Frage, ob diese Bewegung aufhören kann. Wenn mich diese Wespe sticht, reagiere ich natürlich. Aber sollte ich reagieren, wenn Sie mir schmeicheln oder mich beleidigen?

Kann diese Bewegung aus Handlung und Reaktion jemals aufhören? Wenn Sie sich eingehend mit dieser Frage beschäftigen, dann liegt die Antwort in dem Erkennen.