Brockwood 1983, Rede 2, Teil 2

Wenn Sie reisen, wenn Sie, auch ohne zu reisen, beobachten, wenn Sie die Welt beobachten, sehen Sie, dass die ganze Menschheit mehr oder weniger dieselben Leidensformen durchmacht, die gleiche Angst, die gleiche Unsicherheit erlebt. Jeder glaubt an irgendeine Art trügerischen Unsinns, ist voller Aberglaube, Angst und allem übrigen. Überall macht jeder Mensch das alles durch, ist unsicher, ungewiss, ängstlich, dauernd im Konflikt, mit großem Leid belastet. Das ist eine Tatsache. Unterscheidet sich also Ihr Bewusstsein von dem der übrigen Menschheit?

Ich mag Araber mit meiner besonderen islamischen Tradition sein, aber als Mensch abgesehen von dem Etikett »Araber« gehe ich durch den gleichen Aufruhr des Lebens wie Sie – durch Schmerz, Sorge, Eifersucht, Hass. Gibt es also einen Unterschied zwischen Ihnen und einem Araber, abgesehen von den Etiketten, abgesehen von der Kultur? Bitte, überlegen Sie das. Wie wir gestern schon sagten, versuchen wir hier nicht, Sie von irgendetwas zu überzeugen. Wir machen keine Propaganda, überreden Sie nicht, stimulieren Sie nicht; denn wenn man Sie überreden kann, kann auch ein anderer kommen und Sie zu anderem überreden. Deshalb muss man in dieser Angelegenheit selber ganz klar sein. Es ist Ihre Psyche. Die Psyche ist der Inhalt Ihres eigenen Bewusstseins, und dieses Bewusstsein wird von allen Menschen geteilt. Obgleich Sie äußerlich eine andere Kultur, andere Nahrung, andere Kleidung haben, wohlhabender sein mögen, sind Sie doch im Wesentlichen, ganz in der Tiefe die übrige Welt, und die Welt ist Sie. Vielleicht gefällt Ihnen das nicht, weil Sie von Kindheit an oder vielleicht sogar schon von der Zeit vor Ihrer Kindheit an durch Ihre Gene dazu gebracht wurden zu denken, dass Sie ein getrenntes Individuum sind. Gerade dieses stellen wir nicht subjektiv sondern objektiv in Frage.

Untersuchen Sie unvoreingenommen und ohne voreilige Schlüsse zu ziehen, ob es möglich wäre, in dieser Welt in vollkommener Freiheit und Frieden und deshalb ordentlich zu leben. Sie müssen diese Frage stellen. Vielleicht sind Sie ein großer Wissenschaftler, ein großer Maler, ein wunderbarer Poet, aber der Wissenschaftler, der Poet, der Maler haben alle ihren eigenen Kummer und Sorge und Schmerzen wie wir anderen auch. Solange Sie denken, dass Sie abgetrennt seien, muss der Konflikt bestehen bleiben – der Konflikt zwischen dem Araber und dem Juden, dem Schwarzen und dem Weißen, dem Mohammedaner und dem Hindu. Schenken Sie also bitte der Frage ernsthafte Beachtung. Wenden Sie Ihren Verstand an, akzeptieren Sie nicht bloß!

Ist also eine der Kriegsursachen, eine der Ursachen des Konflikts zwischen den Menschen dieses Getrenntsein, dieser Irrtum, dass jeder von uns etwas ganz anderes ist? Wenn Sie nicht abgetrennt sind, dann sind Sie die übrige Menschheit. Damit stellt sich eine große Verantwortlichkeit ein, die Sie vielleicht gar nicht haben möchten. Wir gehen der Verantwortlichkeit gern aus dem Weg.

Solange wir gewaltsam, aggressiv sind, tragen wir zu der Aggression und der Gewaltsamkeit der übrigen Menschheit bei. Das ist eine Tatsache. Wenn Sie die übrige Menschheit sind, sind Sie die Menschheit, nicht ein Teil der Menschheit. Sie sind die ganze Welt. Wenn Sie Gefühl dafür bekommen und diese Wahrheit erkennen, verändert sich Ihre Anschauung total. Dann haben sie alle Spaltung beseitigt. Ich frage mich, ob Sie diese Wahrheit erkennen; nicht als Gefühlsduselei, nicht als romantische, utopische Vorstellung sondern als Wirklichkeit, als Tatsache.

Wir wollen das jetzt genauer untersuchen. Der Konflikt zwischen mir und Ihnen, zwischen uns und ihnen bleibt solange bestehen, wie wir voneinander gespalten sind. In unseren Beziehungen zwischen Mann und Frau (wie wir alle wissen), zwischen Ihnen und Ihrer Frau, zwischen der Familie und der Gemeinde, zwischen der Gemeinde und einer größeren Gemeinde usw. muss es weiterhin Konflikt geben.

Warum also gibt es in unseren Beziehungen Konflikte? Bitte stellen Sie sich diese Frage selber. Sie sind verheiratet und haben Kinder oder Sie sind nicht verheiratet, haben aber auf jeden Fall zwischenmenschliche Beziehungen. Konflikte werden solange bleiben, wie Mann oder Frau oder irgendjemand anderes sein eigenes Ziel verfolgt, seinem eigenen besonderen Ehrgeiz, seinem eigenen Gefühl von Erfüllung nachläuft. Das gilt sowohl fürs Sexuelle, als auch allgemein im Äußeren. Das ist eine Tatsache, nicht wahr? Die Frau folgt ihrer eigenen besonderen Art des Vergnügens, und der Mann folgt seinem Vergnügen. Auf diese Weise begegnen sie einander niemals wirklich.

Wäre es nun möglich, sich von diesem Abgetrenntsein zu befreien? Dazu muss man das, was man Zuneigung nennt, das Wesen der Liebe untersuchen. Wenn Sie ernsthaft sind – und das müssen Sie sein, wenn Sie sehen, was aus der Welt geworden ist, die unsicher, unordentlich, verdorben ist –, müssen Sie unausweichlich fragen: Warum gibt es in einer engen Beziehung neben Zuneigung, Toleranz, Annehmen auch Konflikt, Scheidung, Hass, diesen ganzen Aufruhr? Wäre es vielleicht möglich, dass man mit einem anderen vollkommen in Frieden lebt? Wahrscheinlich sind Sie alle verheiratet oder haben eine Freundin oder einen Freund. Was sagen Sie dazu? Es ist Ihr Leben. Sie müssen diese wirklich ernsten Fragen beantworten und dürfen ihnen nicht ausweichen.