Brockwood 1983, Rede 2, Teil 3

Solange die Illusion von der Individualität Sie gefangen hält, müssen Sie diese Frage beantworten, gleichgültig wie eng, wie intim, wie persönlich Ihre Beziehung zu einem anderen ist, ob sie aus Gründen der Gemeinsamkeit besteht oder weil man der Einsamkeit entflieht. Das ganze Leben ist Beziehung. Wir können nicht beziehungslos leben. Wir haben eine Beziehung zur Natur, zum Universum, zu der kleinsten Blume auf der Wiese und auch Beziehungen zu anderen Menschen. Selbst der Mönch, der verschiedene Gelübde abgelegt hat, steht in Beziehung zu etwas oder jemandem. Und überall in den Beziehungen scheint es Konflikt zu geben. Sie müssen ganz nah beginnen, wenn Sie sehr weit gehen wollen. Sie müssen da beginnen, wo Sie sind, bei Ihrer Familie, bei sich selber. Entdecken Sie, ob Sie konfliktlos und daher in Frieden leben können.

Wie beobachten Sie das alles? Wie beobachten Sie diesen Konflikt, den gegenwärtigen Weltzustand und Ihre Beziehungen untereinander? Es ist nämlich sehr wichtig, dass man Wesen und Struktur des Beobachters versteht. Machen wir das hier gemeinsam oder halte ich ein Selbstgespräch? Ich würde das wirklich gern wissen. Gehen wir auf demselben Pfad? Machen wir die Reise gemeinsam? Spazieren wir vielleicht Hand in Hand zusammen oder sind Sie voraus, während ich weit hinten nachkomme? Sie betrachten die Welt, Sie betrachten Ihre Beziehungen. Da wir Freunde sind, können wir einander fragen und dabei herausfinden, was jeder meint ohne einander zu verletzen, weil wir Freunde sind. Und aus dieser Freundschaft heraus können wir Tiefe und Schönheit jener Beziehung verstehen, in der es keinen Konflikt gäbe. Solange es Konflikt gibt, zerstört er jede Beziehung. Beziehung ist ungeheuer wichtig. Sie ist unser Leben.

Angenommen Sie sind verheiratet und Sie erkennen, dass Sie wirklich wie zwei getrennte Wesen leben, indem Sie parallel verlaufenden Linien folgen und innerlich einander niemals begegnen. Wie beobachten Sie das nun? Wie beobachten Sie die Tatsache, dass Sie beide getrennt sind, jeder seinen eigenen Ehrgeiz hat, selber habgierig ist und auf eigene Weise reizbar ist? Wie beobachten Sie das? Ihre Beobachtung könnte voreingenommen und mit Vorurteilen belastet sein. Deshalb ist es sehr wichtig, dass Sie Ihr eigenes Wesen, den Beobachter, entdecken. Wenn Sie sich nicht darüber klar sind, wie Sie beobachten, auf welche Art Sie hinschauen sollen, dann könnten Sie das ganze Bild verzerren. Deshalb müssen Sie Ihr eigenes Wesen, den Beobachter, untersuchen, nicht wahr?

Wenn ein Wissenschaftler durch ein Mikroskop schaut, muss er sowohl subjektiv als auch objektiv sehr klar sein. Er muss unvoreingenommen und vorurteilslos schauen. Das Selbst darf sich nicht in seine Beobachtung einmischen, sonst wird seine Beobachtung verzerrt, unwahr, nicht den Tatsachen entsprechend sein. Auf ähnliche Weise müssen wir uns deshalb über die Art unserer Beobachtung im Klaren sein. Wer ist der Beobachter? Sie schauen einen Baum an, Sie blicken auf eine Wiese mit Kühen oder Schafen, Sie sehen, wie der Horizont von der Morgensonne erhellt wird. Ihr Schauen wird von den Worten beeinträchtigt, die Sie zur Beschreibung dessen, was Sie sehen, verwenden. Verstehen Sie? Ich kann einen Franzosen ansehen und sagen: »Oh, er ist Franzose.« Das bedeutet, dass sich mein ganzes Wissen und alle meine Vorurteile über die Franzosen zwischen mich und die Beobachtung des Menschen, der Franzose ist, schiebt. Können Sie ihn also ohne Ihr Vorurteil, ohne Ihre Ideen, wie die Franzosen sind, ansehen? Können Sie das?

Der Beobachter ist die Vergangenheit. Der Beobachter ist voll von vergangenem Wissen und dieses Wissen, gleichgültig ob es unsinnig oder richtig ist, behindert seine Beobachtung.

Wenn Sie nun Ihre Beziehung zu Ihrer Frau oder Ihrem Mann betrachten wollen, müssen Sie ohne die Summe früherer Erlebnisse, ohne erworbenes Wissen beobachten. Ist das möglich? Wenn nicht, werden Sie Ihre Frau niemals zum ersten Mal sehen. Sie betrachten Sie durch die Erinnerungen von tausend Tagen. Das ist eine Tatsache. Sie schauen einen anderen durch die Brille des Wissens von der Vergangenheit an, und Wissen hat immer seine Grenzen. Man kann etwas Lebendiges niemals mit begrenztem Wissen betrachten. Man muss etwas Lebendiges ohne all das Gespeicherte, ohne Erfahrungen, Wissen aus der Vergangenheit, man muss es frei beobachten. Ist es nun also möglich, dass Sie Ihre Frau, oder Ihren Mann oder Ihre Freundin oder wer immer es ist ohne Erinnerungen aus der Vergangenheit ansehen?

Haben Sie jemals versucht, einen Baum ohne das Wort »Baum«, eine Blume ohne ihr Etikett anzuschauen, so dass Sie das, was wirklich ist, ohne irgendeine subjektive Reaktion beobachten?