Brockwood 1983, Rede 2, Teil 5

Ihr Gehirn ist mit psychologischen Problemen belastet. Zum Beispiel gibt es da den Glauben an Gott. So entsteht das Problem, ob Gott existiert oder nicht existiert. Die meisten Christen glauben, dass es Gott gibt. Sie glauben, dass er existiert. Ihr Nachbar glaubt es nicht. Sind Sie gewillt zu untersuchen, ob Gott existiert, ohne daraus ein Problem zu machen? Können Sie diese Frage anschauen und herausfinden, warum der Mensch in allen Zeitaltern Gott erfunden hat? Erfunden – ich verwende dieses Wort bewusst. Der Mensch hat Gott erfunden, weil er Angst hat. Er braucht jemanden, eine äußere Agentur, die ihn beschützt, ihm Geborgenheit vermittelt, ihm das Gefühl geben soll, dass jemand da draußen auf ihn aufpasst. Diese Vorstellung schenkt großen Trost. Es spielt keine Rolle, ob das eine Illusion oder ob es wirklich so ist. Solange Sie diesen Glauben haben, wird dieser zu Problemen führen, obgleich er Ihnen Trost schenken mag.

Wenn Sie einen festen Glauben haben, würden Sie ihn anzweifeln, in Frage stellen, entdecken wollen? Oder haben Sie solche Angst, Ihren Glauben verlieren zu können, dass Sie nicht einmal darüber nachdenken? Verstehen Sie? Wenn man entdecken will, ob es etwas gibt, das das menschliche Ermessen überschreitet, müssen Sie frei zur Untersuchung, frei zur Beobachtung sein. Solange der Beobachter, der Untersuchende Vorurteile hat, zutiefst von etwas überzeugt ist, obgleich er meint, er würde untersuchen, solange wird seine Untersuchung seinen Überzeugungen gemäß ausfallen. Kann also das Gehirn frei sein zu schauen, frei sein, Ihre Frau, Ihren Mann, Ihren Guru, die ganze Welt ohne den Hintergrund Ihrer Tradition, Ihrer Wertvorstellungen, Urteile, Erinnerungen anzuschauen? Wenn ja, dann wirkt das Gehirn in seiner Ganzheit und nicht fragmentarisch.

Die meisten Menschen funktionieren nur in einem Teilbereich, durch einen sehr kleinen Teil des Gehirns. Deshalb ist ihre Lebensanschauung fragmentarisch. Nur ein Teilbereich ihres Gehirns ist während des Lebens aktiv, und deshalb funktioniert das Gehirn nicht in seiner Ganzheit. Sie wollen also entdecken, ob das Gehirn ganzheitlich, vollkommen arbeiten kann. Ist es Ihnen ernst, wenn Sie sagen: »Ich will entdecken, ob das Gehirn, das jetzt sehr begrenzt ist (weil alles Wissen seine Grenzen hat) in seiner Ganzheit arbeiten kann?« Sie müssen ganz sicher sein, ob Sie wirklich erkannt haben, dass alles Wissen – egal ob es vergangenes oder zukünftiges Wissen ist –, dass alles Wissen ewig Grenzen hat. Die wissenschaftliche Welt erkennt das mehr und mehr. Kein Wissenschaftler kann jemals sagen: »Mein Wissen ist perfekt.«

So ist Wissen immer unvollkommen. Und da Wissen unvollkommen ist, ist das Denken unvollkommen. Denken wird aus Wissen geboren, das Erinnerung ist. Deshalb hat die Denkfähigkeit ihre Grenzen. Ohne Erinnerung gibt es kein Denken. Ohne Wissen gibt es kein Denken. Und wir funktionieren nur mittels begrenzten Denkens, das auf Erinnerung gründet. Ich frage mich, ob Sie dem folgen?

Meine Gedanken und Ihre Gedanken, die Gedanken des großen Wissenschaftlers oder die des ungebildeten Individuums – alles Denken ist ähnlich. Gedanken mögen unterschiedlich ausgedrückt werden, aber wie immer sie ausgedrückt werden, bleibt das Denken begrenzt. Solange unser Denken die Grundlage unseres Lebens ist, die Grundlage unserer Handlung, kann das Gehirn niemals in seiner Ganzheit funktionieren. Bitte, erkennen Sie die Logik, die darin liegt. Unser Leben ist fragmentarisch: Ich bin Wissenschaftler, ich bin Geschäftsmann, ich bin Maler usw. usw. Wir leben alle in Kategorien. Und weil wir in Kategorien denken, ist unser Leben fragmentarisch. Erkennen Sie das als eine Tatsache? Sie sind alle voller Zweifel, nicht wahr? Weil wir jetzt bis an die Wurzel Ihres Lebens hinunterschneiden, die das Denken ist. Der Mensch hat wunderbare Kathedralen, große Architektur geschaffen, er hat raffiniertes Kriegsgerät, Computer usw. erfunden. Das sind alles Produkte des Denkens. Und genauso ist es mit der Religion – all die Messgewänder, all der Putz sind vom Denken erschaffen worden. Und es ist das Denken, das Gott erfunden hat.

Nun entsteht die Frage, ob das Denken überhaupt ausgemerzt werden sollte. Und wer ist dann die Wesenheit, die alles Denken ausmerzen wird? Das wäre immer noch Gedanke, nicht wahr? Ich frage mich, ob Sie das erkennen? Es ist der Zweck Ihrer Meditation – falls sich irgendjemand von Ihnen damit befasst – das Denken abzustellen. Aber Sie prüfen niemals nach, wer derjenige ist, der das abstellen soll, der da sagt, »ich darf nicht denken.« Es ist immer noch Gedanke, der sagt: »Bei Gott, wenn ich nicht denken würde, könnte ich irgendetwas erreichen!« Aber Denken ist eine Notwendigkeit. Wissen ist in bestimmten Bereichen notwendig. Sonst könnten Sie nicht Ihr tägliches Leben weiterführen. Sie könnten nicht englisch sprechen, Sie könnten nicht Autofahren usw. Deshalb ist das Denken in bestimmten Bereichen notwendig.

Aber im psychologischen Bereich ist Denken das Instrument der Zersplitterung. Die Welt der Psyche wird erst vom Gedanken erschaffen, und dieser Gedanke ist überhaupt nicht notwendig. Wir wenden das Denken psychologisch in unseren Beziehungen an, und das ist der Umstand, der zur Spaltung führt. Einige von Ihnen erkennen das und fragen: »Wie werde ich das psychologische Denken los?« Die Antwort lautet: Man muss es erkennen, man muss seine Gefahr sehen und nicht daran denken, wie man es los wird. Sobald Sie eine Gefahr erkannt haben, wie Sie einen Abgrund oder ein gefährliches Tier erkennen würden, entfernen Sie sich von der Gefahr. Wenn Sie die Gefahr, die das Denken im psychologischen Bereich birgt, sorgfältig und vorurteilslos beobachten, wird das Denken nur noch da angewandt werden, wofür es beabsichtigt war.