Brockwood 1983, Rede 3, Teil 3

Wir sagen, dass Zeit und Denken oder Zeit-Denken – was nicht zwei voneinander getrennte Dinge sind – die Wurzel der Angst ist. Das Fortschreiten der Zeit und des Verlangens ist im wesentlichen Gedanke. Gedanke ist die Wurzel der Angst.

Erkennen Sie das jetzt tatsächlich? Wie schauen Sie dann diese Tatsache an? Angenommen Sie erkennen, dass das Denken in seiner ganzen Kompliziertheit neben der Zeit die Wurzel der Angst ist. Wie erkennen, wie empfinden Sie das? Wie werden Sie sich dessen bewusst? Verstehen Sie meine Frage? Sehen Sie Zeit-Denken als etwas an, das von Ihnen selber getrennt ist, oder erkennen Sie: ich bin das?

Ich bin Ärger, nicht wahr? Ärger ist nicht etwas, das getrennt von mir existiert. Ich bin Neid, Eifersucht, Sorge, nicht wahr? Ich möchte gern glauben, dass das etwas ist, das getrennt von mir existiert und das ich beherrschen kann. Aber Tatsache ist, dass ich das alles bin. Und ich bin auch die beherrschende Instanz, nicht wahr? Deshalb gibt es keine Spaltung zwischen mir selber und der Gier, dem Ärger, der Eifersucht. Das alles bin ich. Ich, der Beobachter.

Wie schauen Sie nun diese Tatsache, dass Zeit-Denken Angst ist, an? Wie beobachten Sie das? Wie schauen Sie es an? Schauen Sie es als etwas an, das von Ihnen getrennt ist? Oder sind Sie das? Wenn Sie das sind und es nicht von Ihnen getrennt ist, hört alle Handlung auf, nicht wahr? Vorher haben Sie versucht, sie zu beherrschen, sie zu unterdrücken, die Angst zu rationalisieren. Jetzt erkennen Sie, dass Sie das alles selber sind und deshalb hört der ganze zeitliche und gedankliche Vorgang auf.

Verstehen wir einander? Einige von uns, vielleicht zwei von uns? Sie sind alle so sehr bereit zu handeln. Aber Sie müssen das Ganze beobachten – ohne das Gefühl, etwas tun zu müssen. Es einfach beobachten, ohne irgendeine Reaktion oder Entgegnung auf das, was Sie beobachten.

Jetzt sollten wir uns mit der Frage befassen, warum der Mensch leidet, und ob das Leiden – nicht nur das persönliche sondern das große Leid der ganzen Menschheit – enden kann. Wir leiden alle auf die eine oder andere Art. Der dumme Mensch leidet ebenso wie der größte Intellektuelle, der Gebildete. Jeder Mensch auf Erden leidet. Und wir stellen die ernste Frage, ob dieses Leiden aufhören kann. (Es gibt Leute, die es genießen zu leiden und neurotisch werden. Wir wollen nicht über diese Leute sprechen, die das Leid genießen und meinen, dass es Ihnen auf irgendeine Art helfen wird, das Universum, das Leben zu verstehen.)

Man leidet also. Meine Mutter ist tot, dahingegangen. Aber die Erinnerung an sie bleibt, die Erinnerung an ihre Gesellschaft, an ihre Zuneigung, meine Liebe zu ihr, usw. Die Erinnerung bleibt. Und ist diese Erinnerung Leid? Ich habe meine Frau verloren. Ist ihr Tod, ist der Verlust das wahre Leiden? Oder ist es so, dass der Verlust verschiedene Erinnerungen weckt, Erinnerungen, die das Leiden verursachen und dazu führen, dass man weint?

Von Anfang an hat der Mensch Kriege geführt und Tausende von Menschen getötet. Seit langem ist das das Muster des menschlichen Daseins – Krieg auf Krieg, in dem Millionen getötet werden. Und wir folgen immer noch diesem Kriegspfad, der so ungeheuerliches Leid über die Menschheit gebracht hat.

Sie haben auch Ihr eigenes, Ihr persönliches Leid. Aber Leid ist dasselbe, egal ob Sie leiden oder ich leide. Ich identifiziere mich gern mit meinem Schmerz, und Sie identifizieren sich mit Ihrem Schmerz. Aber Ihr Schmerz und mein Schmerz sind dasselbe. Der Gegenstand des Schmerzes mag ein anderer sein, aber Schmerz ist Schmerz und deshalb nicht persönlich. Ob Sie das erkennen? Es ist sehr schwierig, diese Wahrheit zu sehen.

Sie leiden, und ich leide. Sie leiden aus einem bestimmten Grund, und ich leide aus einem anderen. Ich identifiziere mich mit meinem besonderen Schmerz, und Sie tun das mit dem Ihren. Auf diese Weise sondern wir uns voneinander ab. Dann entdecken wir Wege und Möglichkeiten, den Schmerz zu unterdrücken, ihn zu erklären. Erkennen Sie aber, dass der Schmerz der der ganzen Menschheit ist? Sie sind die übrige Menschheit, weil Sie Angst haben, weil Sie wie die übrige Menschheit Schmerzen, Freuden und Sorgen haben. Wenn Sie erkennen, dass das Leid nicht Ihr Leid ist, dann wird das persönliche Leid zu einer sehr kleinen Angelegenheit.