Brockwood 1983, Rede 3, Teil 4

Wir sind die ganze Menschheit, wir sind die übrige Menschheit, und wo Leid ist, ist es das Leid des Menschen. Sobald Sie das erkennen, verändert sich Ihre Haltung, mit der Sie das Problem angehen. Verstehen Sie? Es ist dann nicht mehr mein Leid: »Bitte, lieber Gott, hilf mir, es zu überwinden«, das wird dann alles zu so einer kleinen persönlichen Angelegenheit.

Das Leiden wird zu einer enormen Angelegenheit, die man sehr genau anschauen muss, wenn es mit dem Leiden der übrigen Menschheit identisch ist. Wenn nur ein einziger Mensch das Wesen des Leidens verstanden hat und darüber hinauswächst, hilft das der ganzen Menschheit.

Wir haben bereits gefragt, ob das Leiden eine Erinnerung ist. Der Vater oder die Mutter, deren Sohn im Krieg gefallen ist, erinnern sich an alles, was der Sohn tat. Sie erinnern sich an seinen Tod und an die Geburt – die Fotos, alle Erlebnisse und Unfälle, an das Gelächter und an die Tränen, an die Schelte, verstehen Sie? Deshalb fragen wir, ob das Leid ein Teil dieses fortdauernden Gedächtnisses ist. Und wenn es das Gedächtnis ist, dann reduzieren Sie es bitte nicht bloß auf die Worte. Das Gedächtnis birgt einen gewaltigen Inhalt. Das Gedächtnis ist Leid. Kann dieses Gedächtnis – nicht nur die Erinnerung an meinen besonderen Sohn – das Gedächtnis, das das Leid der Menschheit birgt – kann dieses Gedächtnis enden? Verstehen Sie?

Deshalb müssen wir nicht nur eine bestimmte Erinnerung sondern den ganzen psychologischen Gedächtnisvorgang untersuchen. Wir leben von Erinnerungen. Wir sind Erinnerungen. Wir sind die Welt, die Reaktion auf diese Welt, die Freuden, die wir aus dieser Welt beziehen, die Erinnerungen an all die Dinge, die einmal waren – dieses Symbol, dieses Erlebnis, dieser Unfall, die alle im Gehirn gespeichert sind und die geweckt werden, wenn etwas stattfindet. Das Gedächtnis ist die Vergangenheit, nicht wahr? Deshalb sind wir Vergangenheit. Kann dieses Fortschreiten der Vergangenheit, welches die Zeit ist, was Gedanke ist, aufhören? Kann dieser ganze psychologische Vorgang, der auf dem Gedächtnis gründet, aufhören? (Nicht das Denken im alltäglichen Leben. Wir sprechen hier nicht vom Denken, das unerlässlich ist, wenn man Auto fahren will, einen Brief, ein Gedicht schreibt, wenn man dies oder jenes tut. In dem Bereich ist Denken unbedingt erforderlich.)

Wir stellen eine viel tiefer gehende Frage, nämlich: Kann das Selbst, das Ich, das Ego, diese ganze selbstsüchtige Aktivität, die das Fortschreiten psychologischer Erinnerung ist, kann dieses Selbst enden? Kann es ohne Disziplin, ohne Beherrschung, ohne Unterdrückung, ohne die Identifizierung mit etwas Größerem – was immer noch ein selbstischer Vorgang wäre – enden? Kann dieses Selbst enden? Sie könnten dann fragen: Wenn das Selbst aufhörte, was für einen Platz hätte ich dann, was für einen Platz gäbe es für mich in der Gesellschaft? Was soll ich dann machen? Erst beenden Sie es und dann finden Sie heraus! Nicht anders herum.

Das ist eine sehr sehr ernste Frage. Niemand kann Ihnen das sagen. Niemand in oder außerhalb der Welt kann Ihnen sagen, wie das Selbst zu beenden ist. Beobachten Sie immer nur alle diese Tatsachen ohne irgendwelche Reaktionen. Beobachten Sie die Tatsache, dass Sie psychologisch gekränkt sind, weil Ihre Tochter, Ihr Sohn, Ihr Vater irgendetwas getan haben, das Ihnen wehtut. Beobachten Sie diese Kränkung ohne einen einzigen Widerstand, ohne irgendeine Reaktion, dass Sie eigentlich nicht gekränkt werden sollten. Wenn Sie so Ihre Kränkungen, diese psychologischen Verletzungen ohne irgendeine Reaktion beobachten (die meisten Menschen tragen diese Verletzungen ihr ganzes Leben lang mit sich herum), dann werden Sie sehen, dass die Kränkungen allesamt verschwinden.

Auf dieselbe Weise sollten Sie das Gedächtnis beobachten, seine Entstehung, sein Wesen, seine Evolution erkennen. Die ganze Art Ihrer Aktivität im täglichen Leben gründet auf dem psychologischen Gedächtnis. Und dieses Gedächtnis ist sehr sehr beschränkt. Gedanke mag das Unendliche erfinden, da er aber an sich beschränkt ist, ist auch seine Unendlichkeit beschränkt, endlich.