Brockwood 1983, Rede 4, Teil 3

Raum zeigt Leere, zeigt das Nichts an. Und dieser Raum verfügt über gewaltige Kraft, weil sich darin kein Ding befindet, das das Denken dort abgelegt hätte. Heutzutage sagt das auch der Wissenschaftler, aber es ist nur seine theoretische Schlussfolgerung, die nicht seiner wirklichen Lebensweise entspricht, weil auch er wie jeder andere Mensch gierig, ehrgeizig, auf etwas für sich selber aus ist oder für eine Regierung steht. Er ist wie jeder andere, abgesehen davon, dass er über eine außergewöhnliche Fähigkeit verfügt, Wissen in einem bestimmten Bereich aufzuspeichern.

Wir versuchen jetzt herauszufinden, ob es in dieser Welt möglich wäre, furchtlos, konfliktlos und mit einem großen Gefühl des Erbarmens zu leben, was sehr viel Intelligenz voraussetzt. Sie können ohne Intelligenz kein Erbarmen haben, wobei diese Intelligenz keine gedankliche Aktivität ist. Sie können nicht voller Erbarmen sein, wenn Sie an eine bestimmte Ideologie, an ein bestimmtes enges Stammesdenken oder an irgendeine religiöse Vorstellung gebunden sind; denn das alles sind Einschränkungen. Erst wenn das Leiden aufhört – was dem Ende selbstsüchtigen Fortschreitens gleichkommt – kann Erbarmen sich einstellen oder da sein.

Das Gehirn braucht also jene Art vollkommener Freiheit und Raum. Das bedeutet, dass man nichts sein muss, während wir alle etwas sind. Wir sind Analytiker, Ärzte, Doktoren. Und wenn wir Therapeuten, Biologen, Techniker sind, beschränkt gerade diese Identifizierung das Gehirn in seiner Ganzheit.

Wenn das Gehirn ganz ist – nur dann kann man wissen, was Meditation ist. Sie aber versuchen zu meditieren und folgen einer Form oder einem System: dem Zen, dem buddhistischen, dem tibetanischen, dem hinduistischen oder dem christlichen System. Oder Sie probieren die neuesten Gurus aus, probieren jeden Einzelnen mit seiner besonderen Einladung zu geheimnisvollen Meditationen aus.

Alle diese Formen der Meditation gründen darauf, dass das Denken zum Schweigen gebracht, ruhig werden soll. Das bedeutet, dass es da einen Kontrolleur gibt, der die Gedanken durch ein System oder Praktiken, durch eine täglich festgesetzte Ruhezeit usw. beherrschen soll. Es gibt immer den Kontrolleur, der beobachtet. Aber der Kontrolleur ist selber Gedanke, der fortschreitet. So bewegen Sie sich ständig im Kreis wie ein Hund, der nach seinem eigenen Schwanz greift. Und das nennt man Meditation!

Nun, Meditation ist etwas ganz anderes. Sie müssen erst die Grundlage der Ordnung in Ihrem Leben gelegt haben, verstehen Sie? Ordnung! Wo Angst ist, kann es keine Ordnung geben. Wenn irgendein Konflikt vorliegt, kann es keine Ordnung geben. Ihr Haus – nicht das äußere sondern Ihr inneres Haus – muss vollkommen in Ordnung sein, so dass viel Festigkeit und große Stärke gegeben sind. Diese Ordnung liegt eben in dieser Festigkeit. Erst dann können Sie fragen, was wahre Meditation ist.

Wenn Ihr Haus nicht in Ordnung ist, ist Ihre Meditation ziemlich sinnlos. Sie können jede Art von Illusionen, jede Art von Erleuchtung, jede Art täglicher Disziplin erfinden, es wird beschränkt und trügerisch bleiben, weil es aus der Unordnung entstanden ist. Bitte, das ist alles logisch, gesund, vernünftig. Es ist nicht etwas, das der Sprecher erfunden hat, damit Sie es annehmen. Solange es nicht zu dieser Art »ungebändigter Ordnung« kommt (das ist eine gute Bezeichnung, ich freue mich, dass sie mir eingefallen ist), solange also keine ungebändigte Ordnung vorliegt, wird Meditation hohl und sinnlos sein.

Was ist dann also Ordnung? Gedanke kann keine Ordnung schaffen, weil Gedanke selber Unordnung ist. Sehen Sie das ein? Denken gründet auf Wissen, was wieder auf Erfahrung gründet. Alles Wissen ist begrenzt. Das ist eine Tatsache und deshalb ist das Denken auch begrenzt. Und wenn dieses versucht, Ordnung zu machen, schafft es Unordnung. Erkennen Sie das als eine echte Tatsache, nicht als Theorie?

In bestimmten Bereichen ist das Denken notwendig, aber im psychologischen Bereich schafft das Denken immer Unordnung. Im Geist besteht Ordnung, wenn das psychologische Denken abwesend ist.

Gedanke hat durch den Widerspruch zwischen dem, was ist und dem, was sein sollte, zwischen dem Wirklichen und dem Theoretischen Unordnung hervorgerufen. Gedanke betrachtet das Wirkliche von einem begrenzten Standpunkt aus, und deshalb muss seine Handlung unvermeidlich Unordnung schaffen. Erkennen Sie das als Wahrheit, als ein Gesetz oder sehen Sie es bloß als eine Idee an? Verstehen Sie?