Brockwood 1983, Rede 4, Teil 4

Ich bin gierig, ich bin neidisch – das ist das, was ist. Doch wurde das Gegenteil, das was sein sollte, vom Menschen in dem Versuch erdacht, das was ist, zu verstehen und auch um dem, was ist, zu entfliehen. Aber es gibt nur das, was ist. Und wenn Sie das, was ist, ohne seinen Gegensatz erfassen, kommt es gerade durch diese Erkenntnis zur Ordnung.

Wie wir schon sagten, muss Ihr Haus in Ordnung sein, und diese Ordnung kann nicht durch Denken entstehen. Denken schafft seine eigene Art von Disziplin, indem es die Gegensätze aufbaut: tue dieses, tue das nicht. Folge diesem, folge jenem nicht. Sei traditionsbewusst oder nicht, usw. Gedanke ist der Führer. Durch eine Meditation, die auf Denken gründet, hoffen Sie, Ordnung zu schaffen. Die gewöhnliche Bedeutung des Wortes »Meditation« ist »messen«, abzumessen zwischen dem, was ist und dem, was sein sollte, zwischen dem, was ich bin und dem, was ich sein möchte. Meditation ist also, sowohl im Sanskrit wie auch im Lateinischen, die Fähigkeit des Messens, nicht wahr? Und Vergleichen ist Unordnung, nicht wahr? Benötigen Sie dafür noch eine Erklärung?

Wenn Sie meditieren, hoffen Sie auf ein Ergebnis. Sie wollen etwas anderes werden als das, was Sie sind. Das ist eine Art sich zu messen, und das ist vergleichen. Und vergleichen ist Unordnung. Wenn ich mich mit dem vergleiche, was ich sein möchte, versuche ich, besser als das zu sein, was ich bin. Das führt zu einem Dauerkonflikt, nicht wahr? Ist es möglich, so zu leben, dass man sich weder in biologischer, in körperlicher Hinsicht noch – was viel wichtiger ist – im Innern, in psychologischer Hinsicht jemals mit irgendetwas oder mit irgendjemandem vergleicht, so dass der Geist, das Gehirn vom Widerspruch der Gegensätze befreit wird? Dann können wir fragen, was Meditation ist. Man muss ein absolut stilles Gehirn haben, um fragen zu können.

Das Gehirn hat seinen eigenen Rhythmus. Es ist endlos aktiv, wandert geschwätzig von einem Gedanken zum anderen, von einer Assoziation zur nächsten. Es ist dauernd beschäftigt, obgleich man sich im allgemeinen dessen nicht bewusst ist. Aber wenn man diesen Vorgang im Gehirn ohne auszusortieren wahrnimmt, dann hört gerade durch diese Wahrnehmung, durch diese Aufmerksamkeit das Geschwätz auf. Bitte, tun Sie es, und Sie werden sehen, wie leicht es ist.

Während wir jetzt reden, denken wir und das wirft die Frage nach der Sprache auf. Prägt die Sprache das Gehirn? Haben Sie je darüber nachgedacht? Formt gerade der Gebrauch der Sprache das Gehirn, so dass es davon geprägt wird? Die Sprache prägt sehr wohl das Gehirn. Haben Sie schon bemerkt, wenn Sie mit einem Menschen sprechen, der eine andere Nationalität hat als Sie, wie alle seine Ansichten durch die Sprache, die er spricht, begrenzt sind? Haben Sie das bemerkt? Können Sie sich einer Sprache bedienen, ohne ihr zu gestatten, ihre Auffassung vom ganzen Daseins zu färben, und sich dadurch vom Netz der Worte befreien? Es ist sehr schwierig, nicht vom Netz der Worte eingefangen zu werden. Wenn Sie sagen: »Ich bin ein Kommunist«, ist Ihre ganze Reaktionsweise anders als die eines Kapitalisten. Wenn Sie über Argentinien sprechen, ist Ihre Reaktionsweise anders, weil Sie kürzlich einen Krieg auf den Falkland-Inseln hatten. Das Etikett wird wichtiger als die Person. Deshalb muss man frei vom Etikett, frei vom Wort sein. Wenn ich für den Rest meines Lebens wiederhole: »Ich bin Brite, Brite, Brite«, oder »Franzose, Franzose, Franzose« oder irgendeine andere Nationalität, egal welche, so ist diese Stammesgebundenheit sehr beschränkt. Und diese Stammesgebundenheit ruft großen Schrecken in der Welt hervor. Sie gehen niemals bis an die Wurzel heran. Hören Sie mit der Stammesgebundenheit   und   damit   auch   mit   den   Kriegen auf!

Wir wollen nun die Schöpfung, den Ursprung, den Anfang allen Lebens untersuchen – nicht nur unseres Lebens, sondern des Lebens allen Lebendigens – des Lebens der Wale in der Tiefsee, der Delphine, der kleinen Fische, der winzigen Zellen, der großen Natur, der Schönheit des Tigers. Und das Leben des Menschen von der kleinsten Zelle bis zum kompliziertesten Menschen mit allen seinen Erfindungen, mit allen seinen Illusionen, mit seinem Aberglauben, mit seinem Streit, mit seinen Kriegen, mit seiner Arroganz, mit seiner Gewöhnlichkeit, mit seinem enormen Sehnen und seinen großen Depressionen. Was ist der Ursprung all dessen?