Lernen

1. Dezember 1978

Leben ist Lernen. Es gibt keinen Augenblick, in dem kein Lernen stattfindet. Jede Handlung ist ein Lernvorgang, und jede Beziehung ist Lernen. Das Speichern von Wissen, das Lernen genannt wird und woran wir so gewöhnt sind, ist in einem begrenzten Ausmaß notwendig; aber jene Begrenztheit verhindert, dass wir uns selbst verstehen. Wissen ist mehr oder weniger messbar, im Lernen aber gibt es kein Maß. Es ist wirklich sehr wichtig, das zu verstehen, besonders, wenn Sie die volle Bedeutung eines religiösen Lebens erfassen wollen. Wissen ist Erinnerung, aber wenn Sie das, was augenblicklich geschieht, beobachten, ist das Jetzt nicht Erinnerung. Im Beobachten gibt es keinen Raum für Erinnerung. Das Augenblickliche ist das, was augenblicklich geschieht. Die Sekunde danach ist messbar, und darin liegt das Wesen von Erinnerung.

Die Bewegungen eines Insekts zu beobachten, erfordert Aufmerksamkeit – das heißt, wenn Sie an der Beobachtung des Insekts interessiert sind, oder was Sie auch interessieren mag. Diese Aufmerksamkeit ist wiederum nicht messbar. Es liegt in der Verantwortung des Erziehers, die ganze Natur und Struktur der Erinnerung zu verstehen, deren Begrenztheit zu beobachten und dem Schüler zu helfen, sie zu sehen. Wir lernen aus Büchern oder von einem Lehrer, der sehr viel Information über ein Fachgebiet besitzt, und unser Gehirn wird mit dieser Information angefüllt. Diese Information bezieht sich auf Dinge, auf die Natur, auf alles außerhalb unserer selbst, und wenn wir etwas über uns selbst lernen wollen, wenden wir uns Büchern zu, die uns etwas über uns selbst sagen. So geht dieser Prozess endlos weiter, und allmählich werden wir Menschen aus zweiter Hand. Dies ist eine Tatsache, die in aller Welt zu beobachten ist, und das ist unsere moderne Erziehung.

Wie wir gezeigt haben, ist der Akt des Lernens ein Akt reiner Beobachtung, und diese Beobachtung wird nicht innerhalb der Grenzen der Erinnerung festgehalten. Wir lernen, unseren Lebensunterhalt zu verdienen, aber wir leben nie. Unseren Lebensunterhalt verdienen zu können, nimmt fast unser ganzes Leben in Anspruch, und wir haben kaum Zeit für etwas anderes. Wir finden noch Zeit zum Klatschen, unterhalten zu werden, zu spielen, aber all das ist nicht Leben. Der ganze Bereich des tatsächlichen Lebens wird völlig vernachlässigt.

Um die Kunst des Lebens zu erlernen, muss man Muße haben. Das Wort Muße wird vielfach missverstanden, wie wir in unserem dritten Brief sagten. Im allgemeinen bedeutet es, nicht mit den Dingen beschäftigt zu sein, die man tun muss: den Lebensunterhalt zu verdienen, ins Büro, in die Fabrik zu gehen usw., und erst danach hat man Freizeit und Muße. Während jener sogenannten Mußestunden wollen Sie sich amüsieren, sich entspannen, und Sie wollen dann die Dinge tun, die Sie wirklich mögen oder die Ihr höchstes Können verlangen. Das Verdienen des Lebensunterhalts – wie auch immer – steht im Gegensatz zur sogenannten Freizeit. Also gibt es ständig diesen Stress, die Anspannung und die Flucht aus dieser Anspannung. Muße bedeutet für Sie, keine Belastung zu haben. Während dieser Freizeit nehmen Sie eine Zeitung zur Hand, schauen in einen Roman, plaudern, spielen usw. Das ist wirklich eine Tatsache. Es spielt sich überall ab. Der Broterwerb ist eine Absage an das Leben.

Also kommen wir zu der Frage: Was ist Muße? Allgemein versteht man darunter, dass der Zwang zum Broterwerb zeitweise entfällt. Den Zwang zum Broterwerb oder jeden anderen uns auferlegten Zwang halten wir gewöhnlich für entgangene Freizeit, aber es gibt in uns – bewusst oder unbewusst – einen viel stärkeren Zwang: Es ist das Verlangen. Damit werden wir uns später befassen.

Die Schule ist ein Ort der Muße. Nur wenn Sie Muße haben, können Sie wirklich lernen. Das heißt: Lernen kann nur dann stattfinden, wenn keinerlei Zwang besteht. Wenn Sie mit einer Schlange oder sonst einer Gefahr konfrontiert werden, ergibt sich eine Art Lernen aus dem Zwang der Tatsache dieser Gefahr. Lernen unter diesem Zwang bedeutet, das Gedächtnis auszubilden, das Ihnen hilft, eine zukünftige Gefahr zu erkennen. Somit wird Lernen zu einer mechanischen Reaktion.

Muße bedeutet, einen nicht beschäftigten Geist zu haben. Nur dann tritt der Zustand des Lernens ein. Die Schule ist ein Ort des Lernens und nicht nur der Wissensansammlung. Das zu verstehen ist wirklich wichtig. Wie gesagt, Wissen ist notwendig und hat im Leben seinen eigenen begrenzten Stellenwert. Unglücklicherweise hat diese Begrenztheit unser gesamtes Leben verschlungen, und wir haben keinen Raum, um zu lernen. Wir sind mit unserem Lebensunterhalt derart beschäftigt, dass dies die ganze Energie des Denkmechanismus beansprucht, so dass wir am Ende des Tages erschöpft sind und eine Stimulierung brauchen. Wir erholen uns von diesem Erschöpftsein durch Unterhaltung – religiöser oder anderer Art. So ist das Leben der Menschen. Der Mensch hat eine Gesellschaft geschaffen, die seine ganze Zeit, seine ganze Energie, sein gesamtes Leben beansprucht. Es gibt keine Muße, um zu lernen, und so wird das Leben mechanisch und fast sinnlos. Wir müssen also die Bedeutung des Wortes Muße sehr klar verstehen als eine Zeit, eine Phase, in der der Geist mit gar nichts beschäftigt ist. Es ist die Zeit des Beobachtens. Nur der nicht beschäftigte Geist kann beobachten. Freie Beobachtung ist der Vorgang des Lernens. Darin hört der Geist auf, mechanisch zu sein.

Kann nun der Lehrer, der Erzieher, dem Schüler helfen, diese ganze Sache des Broterwerbs mit all seinen Zwängen zu verstehen – das Lernen, das zu einem Job verhilft, mit all den Ängsten und Sorgen und den Schreckensgedanken an den folgenden Tag? Kann der Lehrer, weil er selbst die Natur der Muße und der reinen Beobachtung verstanden hat und daher der Broterwerb für ihn nicht zur Qual, zur lebenslangen Plackerei wird, dem Schüler helfen, einen nicht mechanisierten Geist zu haben? Es ist die umfassende Verantwortung des Lehrers, die Entfaltung der Güte in Muße zu kultivieren. Dafür gibt es diese Schulen. Es ist die Verantwortung des Lehrers, eine neue Generation hervorzubringen, die diese Gesellschaftsstruktur verändert, in welcher der Broterwerb ganz und gar als Hauptbeschäftigung gilt. Dann ist das Lehren etwas Heiliges.