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1. Februar 1979

Wie wir schon verschiedentlich in diesen Briefen gesagt haben, bestehen diese Schulen in erster Linie zu dem Zweck, eine tiefe Umwandlung des Menschen zu bewirken. Der Erzieher ist dafür voll und ganz verantwortlich. Wenn der Lehrer diesen Kernpunkt nicht erkennt, wird er den Schüler nur unterrichten, damit dieser ein Geschäftsmann, ein Ingenieur, ein Anwalt oder ein Politiker wird. Es gibt so viele, die scheinbar unfähig sind, sich selber oder die Gesellschaft umzuwandeln. Vielleicht sind in der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur Anwälte und Geschäftsleute notwendig, aber diese Schulen wurden in der Absicht gegründet – und das gilt immer noch –, den Menschen in der Tiefe umzuwandeln. Die Lehrer dieser Schulen sollten das wirklich verstehen, nicht intellektuell, nicht als Idee, sondern weil sie mit ihrem ganzen Wesen die volle Bedeutung davon erfassen. Wir sind an der Gesamtentwicklung des Menschen interessiert und nicht nur daran, Wissen zu sammeln.

Ideen und Ideale sind eine Sache und die Tatsache, das wirkliche Geschehen, eine andere. Diese beiden können niemals zusammenkommen. Ideale werden den Tatsachen aufgezwungen und verdrehen das, was geschieht, damit es sich dem, was sein sollte, nämlich dem Ideal, anpasst. Die Utopie ist ein aus dem Geschehen gezogener Rückschluss, der die Wirklichkeit opfert, damit sie dem entspricht, was idealisiert wurde. Dieser Prozess geht seit Jahrtausenden vor sich, und Schüler wie Intellektuelle schwelgen in Ideenbildung. Das Ausweichen vor der Wirklichkeit ist der Anfang der geistigen Zersetzung. Diese Zersetzung durchzieht jede Religion, die Politik und die Erziehung und alle menschlichen Beziehungen. Es liegt uns viel daran, diesen Prozess des Ausweichens zu verstehen und ihn zu überwinden.

Ideale verderben den Geist: Sie werden aus Ideen, Urteilen und Hoffnungen geboren. Ideen sind abstrakte Begriffe von dem, was ist, und jede Idee oder jede Schlussfolgerung über das, was wirklich geschieht, verzerrt das, was geschieht, und so kommt es zur Zersetzung. Die Aufmerksamkeit wendet sich von der Tatsache, von dem, was ist, ab und wendet sich dem Bereich der Fantasie zu. Dieser Vorgang, der von der Tatsache fortführt, lässt Symbole und Vorstellungen entstehen, die dann eine alles überschattende Bedeutung erlangen. Dieser Vorgang, der von der Tatsache wegführt, ist geistige Zersetzung. Die Menschen geben diesem Vorgang in ihrer Unterhaltung, in ihren Beziehungen, in fast allem, was sie tun, nach. Die Tatsache wird augenblicklich in eine Idee oder Schlussfolgerung übersetzt, die dann unsere Reaktionen bestimmt. Sobald man etwas erblickt, formt das Denken sofort das Gegenstück dazu, und das wird das Wirkliche. Man sieht einen Hund, und sofort ist die Vorstellung da, die man über Hunde hat, so dass man den Hund gar nicht sieht.

Kann man das die Schüler lehren: bei der Tatsache, im wirklichen, augenblicklicher. Geschehen zu verharren, gleichgültig, ob es psychologischer Art oder äußerlich ist? Wissen besteht nicht als Tatsache, sondern es besteht über die Tatsache, und das hat seinen gebührenden Platz. Aber Wissen verhindert die Wahrnehmung dessen, was tatsächlich da ist. Dann kommt es zur Spaltung.

Es ist wirklich sehr wichtig, dies zu verstehen. Ideale werden als nobel, erhaben, bedeutungsvoll angesehen, und das, was wirklich geschieht, wird als bloß sinnlich, weltlich und von geringem Wert betrachtet. Die Schulen in aller Welt verfolgen einen erhabenen, idealen Zweck, deshalb erziehen sie die Schüler zur Korruption.

Was verdirbt den Geist? Die Verwendung des Wortes Geist schließt hier die Sinne, die Denkfähigkeit und das Gehirn mit ein, welches die Erinnerungen und Erfahrungen als Wissen bewahrt. Alle diese Komponenten sind der Geist. Das Bewusste, das Unbewusste und das sogenannte Überbewusste – dieses Ganze ist der Geist. Wir fragen nach den Faktoren, nach dem Ursprung der Zersetzung in alledem. Wir haben festgestellt, dass Ideale korrumpieren. Auch Wissen zersetzt den Geist. Spezialwissen oder Allgemeinwissen kommt aus der Vergangenheit, und wenn die Vergangenheit die Gegenwart überschattet, nimmt das Verderben seinen Lauf. Wissen, das in die Zukunft projiziert wird und das lenkt, was jetzt geschieht, ist Zersetzung. Wir verwenden das Wort Zersetzung (Korruption), um das zu bezeichnen, was entzweigebrochen, nicht als Ganzes angenommen wird. Die Tatsache kann niemals entzweigebrochen werden. Die Tatsache kann durch Wissen niemals beschränkt werden. Die Vollständigkeit der Tatsache öffnet die Tür in die Unendlichkeit. Vollständigkeit kann nicht geteilt werden, widerspricht sich nicht selbst, kann sich selbst nicht teilen. Vollständigkeit, Ganzheit ist unendliche Bewegung.

Imitation, Anpassung ist einer der wichtigen Faktoren geistiger Zersetzung. Das Vorbild, der Held, der Erlöser, der Guru ist der zerstörerischste Faktor der Korruption. Gefolgschaft, Gehorsam, Anpassung leugnen die Freiheit. Die Freiheit steht am Anfang, nicht am Ende. Es ist nicht so, dass man sich zuerst anpassen, nachahmen, akzeptieren muss, um dann vielleicht die Freiheit zu finden. Das ist der Geist totalitärer Systeme, ob des Gurus oder des Priesters. Dies ist die Grausamkeit, die Rücksichtslosigkeit des Diktators, der Autorität, des Gurus oder des Hohepriesters.

Darum korrumpiert Autorität. Autorität bricht die Integrität entzwei, zerbricht das Ganze, das Vollständige – die Autorität des Lehrers in der Schule, die Autorität eines Zweckes, eines Ideals, eines Jemand, der sagt »ich weiß«, die Autorität einer Institution. Der Druck einer Autorität jeglicher Form ist der entstellende Faktor der Korruption. Grundsätzlich leugnet die Autorität die Freiheit. Es ist die Aufgabe eines wahren Lehrers, ohne den verderbenden Einfluss der Autorität zu lehren, hinzuweisen, zu informieren. Die Autorität des Vergleichens zerstört. Wenn ein Schüler mit einem anderen verglichen wird, werden beide verletzt. Ohne Vergleich zu leben heißt, Integrität zu haben. Werden Sie, der Lehrer, das tun?