Probleme

1. Juni 1979

In der Regel haben die Eltern für ihre Kinder, außer für Babys, wenig Zeit. Sie schicken sie in die örtliche Schule oder ins Internat oder lassen zu, dass sich andere um sie kümmern. Sie haben vielleicht weder die Zeit noch die notwendige Geduld, sie zu Hause zu erziehen. Sie sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. So werden also unsere Schulen zu einem Zuhause für die Kinder, und die Erzieher werden zu Eltern mit aller Verantwortung. Wir haben bereits darüber geschrieben, und es ist nicht unangebracht, es zu wiederholen: Ein Zuhause ist ein Ort, an dem eine gewisse Freiheit herrscht, das Gefühl, geborgen, behütet und beschützt zu sein. Empfinden die Kinder das in unseren Schulen? Empfinden sie, dass man sorgfältig auf sie achtet, ihnen viele Gedanken und große Zuneigung zukommen lässt und Interesse an ihrem Verhalten, ihrer Nahrung, ihrer Kleidung und ihren Manieren zeigt? Wenn ja, dann wird die Schule ein Ort, wo der Schüler sich wirklich zu Hause fühlt mit allem, was dazu gehört: dass Menschen um ihn sind, die auf seinen Geschmack achten und darauf, wie er spricht, dass er physisch und auch psychisch betreut wird und dass man ihm hilft, von Verletzung und Angst frei zu sein. Diese Verantwortung hat jeder Lehrer – nicht nur einige wenige – an diesen Schulen. Die ganze Schule besteht, um für eine Atmosphäre zu sorgen, in der sowohl Lehrer als auch Schüler in Güte aufblühen können.

Der Erzieher braucht Muße, um still bei sich zu sein, um die Energie zu sammeln, die verbraucht wurde, um sich seiner eigenen persönlichen Probleme bewusst zu sein und sie zu lösen, damit er, wenn er dem Schüler begegnet, nicht das Gerede, den Lärm ,seiner persönlichen Unruhe mit sich schleppt. Wir haben schon früher darauf hingewiesen, dass jedes Problem, das sich in unserem Leben erhebt, augenblicklich oder so rasch wie möglich gelöst werden sollte. Wenn Probleme von einem Tag zum andern mitgeschleppt werden, degeneriert die Empfindsamkeit des ganzen Geistes. Diese Empfindsamkeit ist wesentlich. Wir verlieren diese Empfindsamkeit, wenn wir den Schüler einfach nur in einem Fach unterrichten. Wenn das Fach das einzig wichtige wird, schwindet die Empfindsamkeit, und dann verlieren Sie wirklich den Kontakt zum Schüler. Der Schüler ist dann nur ein Speicher für die Information. Auf diese Weise wird Ihr Geist und auch der des Schülers mechanisch. Im allgemeinen sind wir unseren eigenen Problemen, unseren eigenen Wünschen und Gedanken gegenüber empfindsam, aber selten anderen gegenüber. Wenn wir mit dem Schüler ständig in Kontakt sind, besteht die Tendenz, ihm unsere eigenen Vorstellungen aufzuerlegen, und wenn der Schüler seine eigene feste Vorstellung hat, gibt es Konflikt zwischen diesen Vorstellungen. Es ist daher sehr wichtig, dass der Lehrer seine Vorstellungen fallen lässt und sich mit den Vorstellungen befasst, welche die Eltern und die Gesellschaft dem Schüler auferlegt haben, oder mit der Vorstellung, die er selbst erzeugt hat. Nur im Handeln kann Beziehung bestehen, und im allgemeinen ist eine Beziehung zwischen zwei Vorstellungen eine Illusion.

Physische und psychische Probleme vergeuden unsere Energie. Kann der Erzieher in diesen Schulen physisch sicher und doch von psychischen Problemen frei sein? Es ist wirklich wichtig, das zu verstehen. Wenn das Gefühl der physischen Sicherheit nicht besteht, schafft die Unsicherheit psychische Unruhe. Dies verstärkt ein Abstumpfen des Geistes, und damit schwindet die Leidenschaft, die für unser tägliches Leben so notwendig ist, und Begeisterung tritt an ihre Stelle.

Begeisterung ist etwas Gefährliches, denn sie ist nie gleichbleibend. Sie erhebt sich wie eine Woge und ist dahin. Dies hält man irrtümlicherweise für Ernsthaftigkeit. Man mag eine Zeitlang begeistert sein für das, was man tut, eifrig und aktiv, aber die Begeisterung verliert sich. Es ist wiederum wichtig, das zu verstehen, denn die meisten Beziehungen neigen zu dieser Art von Vergeudung.

Leidenschaft ist etwas völlig anderes als Begierde, Interesse oder Begeisterung. Das Interesse an etwas kann sehr groß sein, und man kann es für Profit oder Macht benutzen, aber ein solches Interesse ist nicht Leidenschaft. Interesse kann durch ein Objekt oder eine Idee stimuliert werden. Interesse ist Sichgehenlassen. Leidenschaft ist frei vom Selbst. Begeisterung besteht immer in Bezug auf etwas. Leidenschaft ist selbst eine Flamme. Begeisterung kann durch einen anderen geweckt werden, durch etwas außerhalb von Ihnen. Leidenschaft ist die Summe aller Energie, die nicht das Ergebnis irgendeiner Stimulation ist. Leidenschaft ist jenseits vom Selbst.

Haben die Lehrer dieses Gefühl der Leidenschaft? – Denn daraus entsteht Schöpfung. Im Unterrichten von Fächern muss man neue Wege der Übermittlung von Informationen finden, ohne dass diese Information den Geist zu mechanisch macht. Können Sie Geschichte lehren – was die Geschichte der Menschheit ist –, und zwar nicht als indische, englische, amerikanische Geschichte usw., sondern als globale Geschichte des Menschen? Dann ist der Geist des Erziehers immer frisch und eifrig und entdeckt einen völlig neuen Weg zum Lehren. Dabei ist der Lehrer sehr lebendig, und mit dieser Lebendigkeit geht Leidenschaft einher.

Kann das an allen unseren Schulen verwirklicht werden? – Denn wir befassen uns damit, eine andere Gesellschaft hervorzubringen und mit dem Erblühen der Güte, mit einem nicht mechanistischen Geist. Das ist wahre Erziehung. Wollen Sie, die Erzieher, diese Verantwortung auf sich nehmen? In dieser Verantwortung liegt es, dass Sie und der Schüler in Güte aufblühen. Wir sind für die gesamte Menschheit verantwortlich – das sind Sie und der Schüler. Dort müssen Sie beginnen und dann die ganze Erde erfassen. Man kann sehr weit gehen, wenn man sehr nahe beginnt. Das Nächste sind Sie und Ihr Schüler. Wir beginnen gewöhnlich mit dem Entlegensten – dem höchsten Prinzip, dem größten Ideal – und verlieren uns in irgendeinem nebulösen Traum fantastischen Denkens. Wenn Sie aber sehr nahe beginnen, beim Nächsten, d. h. bei sich selbst, dann ist die Welt offen, denn Sie sind die Welt, und die Welt jenseits von Ihnen ist nur Natur. Natur ist nichts Imaginäres: Sie ist Wirklichkeit, und das, was Ihnen jetzt geschieht, ist Wirklichkeit. Von der Wirklichkeit müssen Sie ausgehen – von dem., was gerade geschieht –, und das Jetzt ist zeitlos.