Empfindsamkeit 

1. Juli 1979

Das Erblühen von Güte bedeutet, dass unsere ganze Energie freigesetzt wird. Das heißt nicht Kontrolle oder Unterdrückung von Energie, sondern vielmehr die völlige Freiheit dieser unermesslichen Energie. Sie wird begrenzt, eingeengt durch das Denken, durch die Fragmentierung unserer Sinne. Das Denken selbst ist die Energie, die sich in eine enge Spur manövriert, ein Zentrum des Selbst. Güte kann erst erblühen und sich entfalten, wenn Energie frei ist; aber das Denken hat gerade durch sein Wesen diese Energie begrenzt, und so findet die Fragmentierung der Sinne statt. Es gibt also die Sinne, die Sinneswahrnehmungen, das Verlangen und die Bilder, die das Denken aus den Wünschen heraus erzeugt. All das ist ein Zerteilen der Energie. Kann dieser begrenzte Vorgang sich seiner selbst bewusst sein? Das heißt, können die Sinne sich selbst wahrnehmen? Kann das Verlangen sehen, wie es sich selbst aus den Sinnen erhebt, indem es das Bild wahrnimmt, das das Denken erzeugt hat? Und kann das Denken sich seiner selbst, des eigenen Vorgangs bewusst sein? All das bedeutet: Kann der gesamte Körper sich seiner selbst bewusst sein?

Wir leben durch unsere Sinne. Einer von ihnen dominiert gewöhnlich; das Hören, das Sehen, das Schmecken usw. scheinen getrennt voneinander zu sein, aber ist dies eine Tatsache? Oder ist es so, dass wir dem einen oder dem anderen größere Bedeutung beigemessen haben – beziehungsweise, dass ihm das Denken die größere Bedeutung beigemessen hat? Man kann großartige Musik hören und Freude daran haben und trotzdem gefühllos anderen Dingen gegenüber sein. Man kann einen feinsinnigen Geschmack haben und einer zarten Farbe gegenüber völlig stumpf sein; das ist Fragmentation. Wenn jedes Fragment sich nur seiner selbst bewusst ist, wird die Fragmentation aufrechterhalten. Die Energie wird auf diese Weise zerteilt. Wenn das so ist, und es scheint so zu sein, gibt es dann ein nicht fragmentiertes Bewusstsein aller Sinne? Und das Denken ist Teil der Sinne. Das bedeutet – kann der Körper sich seiner selbst bewusst sein? Nicht Sie sind sich Ihres eigenen Körpers bewusst, sondern der Körper selbst ist sich bewusst. Es ist sehr wichtig, das herauszufinden. Niemand anders kann Sie das lehren: sonst wäre es Information aus zweiter Hand, die das Denken sich selbst auferlegt. Sie müssen für sich selbst entdecken, ob der ganze Organismus, das physische Gebilde, sich seiner selbst bewusst sein kann. Sie sind sich vielleicht der Bewegung eines Armes, eines Beines oder des Kopfes bewusst und haben durch diese Bewegung das Gefühl, dass Sie sich des Ganzen bewusst werden, unsere Frage ist aber: Kann der Körper sich seiner selbst ohne jede Bewegung bewusst sein? Es ist sehr wichtig, dass man das herausfindet, denn das Denken hat dem Körper sein Muster aufgezwungen, d. h. das, was es für die richtige Art körperlicher Übung, Ernährung usw. hält. Das Denken herrscht also über den Organismus; bewusst oder unbewusst besteht ein Kampf zwischen dem Denken und dem Organismus. Auf diese Weise zerstört das Denken die natürliche Intelligenz des Körpers. Hat der Körper, der physische Organismus, seine eigene Intelligenz? Das hat er, wenn alle Sinne harmonisch zusammenwirken, so dass keine Anstrengung besteht und das Verlangen keine emotionalen oder sinnlichen Forderungen stellt. Wenn man hungrig ist, isst man, und gewöhnlich diktiert der Geschmack, der sich durch Gewohnheiten bildet, das was man isst. Also findet Fragmentierung statt. Ein gesunder Körper kann nur durch die Harmonie aller Sinne hervorgebracht werden, und das bedeutet Körperintelligenz. Wir fragen: Bringt nicht Disharmonie Energievergeudung mit sich? Kann die eigene Intelligenz des Organismus, die durch das Denken unterdrückt oder zerstört wurde, geweckt werden?

Erinnerungen verwüsten den Körper. Die Erinnerung an das Vergnügen von gestern macht das Denken zum Herrn über den Körper. Der Körper wird dann ein Sklave dieses Herrn, und die Intelligenz ist ausgeschaltet. Es besteht also ein Konflikt. Dieser Kampf kann sich als Trägheit, Müdigkeit, Gleichgültigkeit oder durch neurotische Reaktionen ausdrücken. Wenn der Körper seine eigene Intelligenz vom Denken befreit hat, obwohl das Denken ein Teil davon ist, wird diese Intelligenz auf das eigene Wohlbefinden achten.

Vergnügen beherrscht unser Leben – in sehr roher oder hochkultivierter Form. Und Vergnügen ist seinem Wesen nach eine Erinnerung – das, was gewesen ist oder erwartet wird. Vergnügen liegt niemals im jetzt. Wenn das Vergnügen abgelehnt, unterdrückt oder blockiert wird, dann entstehen aus dieser Frustration neurotische Handlungen wie Gewalt und Hass. Dann sucht das Vergnügen andere Formen und Auswege: Zufriedenheit und Unzufriedenheit entstehen. Sich all dieser Aktivitäten physisch und psychisch bewusst zu sein, erfordert, dass man den gesamten Vorgang des eigenen Lebens beobachtet.

Wenn sich der Körper seiner selbst bewusst ist, dann können wir eine weitere und vielleicht schwierigere Frage stellen: Kann das Denken, das dieses ganze Bewusstsein zusammengesetzt hat, sich seiner selbst gewahr sein? Die meiste Zeit beherrscht das Denken den Körper, und dadurch verliert der Körper seine Vitalität, seine Intelligenz, seine eigene innere Energie, und daraus entstehen neurotische Reaktionen. Ist die Körperintelligenz verschieden von der totalen Intelligenz, die nur zustande kommen kann, wenn das Denken seine eigene Begrenzung wahrnimmt und seinen richtigen Platz findet?

Wie wir am Anfang unseres Briefes gesagt haben, kann das Erblühen der Güte nur durch das Freisetzen der totalen Energie stattfinden. In diesem Freisetzen gibt es keine Reibung. Nur in dieser höchsten, ungeteilten Intelligenz geschieht das Erblühen. Diese Intelligenz ist nicht das Kind der Vernunft. Die Totalität dieser Intelligenz ist Mitempfinden.

Die Menschheit hat versucht, diese immense Energie freizusetzen: durch verschiedene Formen der Kontrolle, durch anstrengende Disziplin, durch Fasten, durch aufopfernden Verzicht zu Ehren eines höchsten Prinzips oder eines Gottes oder durch Manipulieren der Energie durch verschiedene Zustandsformen. All das bedeutet eine Manipulation des Denkens zu einem gewünschten Zweck. Was wir aber sagen, ist genau das Gegenteil davon.

Kann das dem Schüler vermittelt werden? Es liegt in Ihrer Verantwortung, es zu tun.