Gibt es einen Gott?

Fragender: Ich würde wirklich gerne wissen, ob es einen Gott gibt. Wenn nicht, hat das Leben keinen Sinn. Da der Mensch von Gott nichts weiß, hat er ihn in tausend Glaubenssätzen und Bildern erfunden. Die Spaltungen und die Furcht, die durch diese GlaubenssŠätze verursacht wurden, haben den Menschen von seinen Mitmenschen getrennt. Um dem Leid und dem Unheil dieser Spaltung zu entrinnen, schafft er nur noch mehr GlaubenssŠätze, und das zunehmende Elend und die Verwirrung haben ihn Ÿüberwältigt. Da wir nicht wissen, glauben wir. Kann ich Gott erkennen? Ich habe diese Frage vielen Heiligen sowohl in Indien wie auch hier gestellt, und sie haben alle mit Nachdruck den Glauben betont. »Glaube, und dann wirst du wissen; ohne Glauben kannst du niemals wissen.« Was meinen Sie dazu?

Krishnamurti: Ist der Glaube notwendig, um es herauszufinden? Zu lernen ist weit wichtiger als zu wissen. Über den Glauben zu lernen, ist das Ende des Glaubens. Wenn der Geist vom Glauben frei ist, dann kann er schauen. Es ist der Glaube oder Nichtglaube, der bindet; denn Nichtglaube und Glaube sind dasselbe; sie sind die gegenŸüberliegenden Seiten derselben Münze. Darum können wir den positiven oder negativen Glauben ganz beiseite tun; der Gläubige und der Nichtgläubige sind sich gleich. Wenn das tatsächlich geschieht, dann hat die Frage »Gibt es einen Gott« eine völlig andere Bedeutung. Das Wort Gott mit seiner ganzen Tradition, seiner Erinnerung, seinem intellektuellen und sentimentalen Beiklang – das alles ist nicht Gott. Das Wort ist nicht das Wirkliche. Kann also der Geist von dem Wort frei sein?

Fragender: Ich weiß nicht, was das bedeutet.

Krishnamurti: Das Wort ist die Tradition, die Hoffnung, der Wunsch, das Absolute zu finden, ist das Streben nach dem Höchsten, die Bewegung, die dem Dasein Vitalität gibt. So wird das Wort selbst zum Höchsten, doch wir können sehen, dass das Wort nicht das Ding ist. Der Verstand ist das Wort, und das Wort ist Denken.

Fragender: Und Sie verlangen von mir, dass ich mich des Wortes entäußere? Wie kann ich das tun? Das Wort ist die Vergangenheit, es ist die Erinnerung. Die Frau ist das Wort, und das Haus ist das Wort. Im Anfang war das Wort. Das Wort ist auch das Mittel der Kommunikation, der Identifikation. Ihr Name sind nicht Sie, und dennoch kann ich ohne Ihren Namen nicht nach Ihnen fragen. Und Sie fragen mich, ob der Geist von dem Wort frei sein kann – das heißt, ob der Geist von seiner eigenen Tätigkeit frei sein kann.

Krishnamurti: Wenn es sich um den Baum handelt, steht das Objekt vor unseren Augen, und das Wort bezieht sich aufgrund universeller †Übereinkunft auf den Baum. Nun gibt es bei dem Wort Gott nichts, worauf es sich bezieht, darum kann sich jeder sein eigenes Bild von dem machen, für das es keinen Bezugspunkt gibt. Die Theologen tun es auf eine Art, die Intellektuellen auf eine andere, und der Gläubige und der Nichtgläubige jeweils auf ihre eigene unterschiedliche Weise. Die Hoffnung erzeugt diesen Glauben und dann sucht man. Diese Hoffnung ist das Ergebnis der Verzweiflung – der Verzweiflung aller, die wir rings um uns in der Welt sehen. Aus der Verzweiflung wird die Hoffnung geboren; auch sie sind die beiden Seiten derselben Münze. Wenn es keine Hoffnung gibt, ist die Hölle da, und die Furcht vor der Hölle gibt uns die Vitalität der Hoffnung. Damit beginnt die Illusion. So hat uns das Wort zur Illusion geführt und durchaus nicht zu Gott. Gott ist die Illusion, die wir anbeten; und der Nichtgläubige erschafft die Illusion eines anderen Gottes, den er anbetet – den Staat oder irgendeine Utopie oder ein Buch, von dem er glaubt, dass es die Wahrheit enthält. So fragen wir Sie, ob Sie von dem Wort mit seinem Trugbild frei sein können.

Fragender: Darüber muss ich meditieren.

Krishnamurti: Was bleibt Ÿübrig, wenn es keine Illusion gibt?

Fragender: Nur was ist.

Krishnamurti: Das »was ist«, ist das Heiligste.

Fragender: Wenn das »was ist«, das Heiligste ist, dann ist der Krieg das Heiligste und Hass, Unordnung, Leid, Habsucht und Raub. Dann dürfen wir Ÿüberhaupt nicht von einer Wandlung sprechen. Wenn das »was ist« heilig ist, dann kann jeder Mörder und Plünderer und Ausbeuter sagen, »lassen Sie mich in Ruhe, was ich tue, ist heilig«.

Krishnamurti: Die Einfachheit dieser Äußerung: »was ist, ist das Heiligste«, führt zu großem Missverständnis, weil wir ihre Wahrheit nicht erkennen. Wenn Sie sehen, dass das was ist, heilig ist, morden Sie nicht, führen Sie keinen Krieg, hoffen Sie nicht, beuten Sie nicht aus. Wenn Sie solche Dinge getan haben, können Sie nicht Immunität durch eine Wahrheit beanspruchen, die Sie vergewaltigt haben. Der weiße Mann, der zu dem schwarzen Aufrührer sagt, »was ist ist heilig, mischen Sie sich nicht ein, regen Sie sich nicht auf«, hat nicht verstanden, denn wenn er verstanden hätte, wäre der Neger für ihn heilig, und es wäre nicht notwendig, in Erregung zu geraten. Wenn also jeder von uns diese Wahrheit sieht, muss die Verwandlung eintreten. Das Sehen der Wahrheit ist Verwandlung.

Fragender: Ich kam her, um herauszufinden, ob es einen Gott gibt, und Sie haben mich vollkommen verwirrt.

Krishnamurti: Sie kamen, um zu fragen, ob es einen Gott gibt. Wir sagten, dass das Wort zu einer Illusion führt, die wir anbeten, und dass wir um dieser Illusion willen bereitwillig einander zerstören. Wenn es keine Illusion gibt, ist das »was ist« das Heiligste. Nun wollen wir betrachten, was tatsächlich ist. In einem bestimmten Augenblick mag das »was ist« Furcht sein oder Šäußerste Verzweiflung oder eine flüchtige Freude. Diese Dinge Šändern sich ständig. Und dann ist da auch der Beobachter, der sagt: »Diese Dinge um mich herum verändern sich alle, aber ich bleibe beständig«. Ist das eine Tatsache, ist das das Reale? Verändert er sich nicht auch, indem er etwas hinzufügt und etwas von sich hinweg tut, sich modifiziert, sich anpasst, etwas wird oder nicht wird? So verwandeln sich sowohl der Beobachter wie das Beobachtete ständig. Was ist, ist Wandel. Das ist eine Tatsache. Das ist es, was ist.

Fragender: Dann ist Liebe wandelbar? Wenn alles der Verwandlung unterliegt, ist nicht Liebe dann auch ein Teil dieser Bewegung? Und wenn Liebe wandelbar ist, dann kann ich heute eine Frau lieben und morgen mit einer anderen schlafen.

Krishnamurti: Ist das Liebe? Oder wollen Sie damit sagen, dass Liebe etwas anderes ist als ihre Ausdrucksform? Oder geben Sie der Ausdrucksform größere Bedeutung als der Liebe und schaffen dadurch einen Widerspruch und einen Konflikt? Kann Liebe jemals in das Räderwerk ständiger Veränderung geraten? Wenn es so ist, dann kann sie auch Hass sein; dann ist Liebe Hass. Nur wenn es keine Täuschung gibt, ist das »was ist« das Heiligste. Wenn es keine Illusion gibt, ist das »was ist« Gott, oder es kann dafür auch jeder andere Name gesetzt werden. So ist Gott da, wenn Sie nicht sind. Wenn Sie sind, ist er nicht. Wenn Sie nicht sind, ist Liebe. Wenn Sie sind, ist keine Liebe.