Furcht

Fragender: Ich pflegte Drogen zu nehmen, aber jetzt bin ich frei davon. Warum fürchte ich mich so vor allem? Ich wache morgens von Furcht gelähmt auf. Ich kann mich kaum aus dem Bett erheben. Ich fürchte mich hinauszugehen, und ich fürchte mich, im Haus zu bleiben. Plötzlich, da ich meinen Wagen fahre, überkommt mich diese Furcht, und ich verbringe einen ganzen Tag schwitzend, nervös, ängstlich, und am Ende des Tages bin ich völlig erschöpft. Manchmal, obgleich sehr selten, verliere ich diese Furcht in Gesellschaft einiger vertrauter Freunde oder im Hause meiner Eltern; ich fühle mich dann ruhig, glücklich, vollkommen entspannt. Als ich heute in meinem Wagen hierherkam, fürchtete ich mich davor, Sie zu sehen. Aber als ich den Fahrweg herauffuhr und zur Tür ging, verlor ich plötzlich diese Furcht, und jetzt, da ich hier in diesem freundlich stillen Raum sitze, fühle ich mich so glücklich, dass ich mich frage, wovor ich mich denn eigentlich gefürchtet habe. Jetzt habe ich keine Angst. Ich kann lächeln und wahrheitsgemäß sagen: Ich freue mich sehr, Sie zu sehen! Aber ich kann nicht für immer hier bleiben, und ich weiß, wenn ich von hier weggehe, wird mich die Wolke der Furcht wieder einhüllen. Dieser Tatsache stehe ich gegenüber. Ich habe sehr viele Psychiater und Analytiker aufgesucht, hier und im Ausland, aber sie graben sich nur in meine Kindheitserinnerungen ein – und ich habe das satt, weil die Furcht durchaus nicht verschwunden ist.

Krishnamurti: Wir wollen Kindheitserinnerungen und diesen ganzen Unsinn vergessen und zur Gegenwart kommen. Hier sind Sie, und Sie sagen, dass Sie sich jetzt nicht fürchten. Im Augenblick sind Sie glücklich und können sich kaum die Furcht vorstellen, in der Sie sich befanden. Warum haben Sie jetzt keine Furcht? Ist es der ruhige, saubere, wohlproportionierte, mit guten Geschmack ausgestattete Raum und dieses Gefühl einer warmherzigen Aufnahme, das Sie empfinden? Sind Sie darum jetzt ohne Furcht?

Fragender: Das ist ein Teil davon; vielleicht sind es auch Sie. Ich hörte Sie in der Schweiz reden, und ich habe Sie hier gehört, und ich empfinde eine Art tiefer Freundschaft für Sie. Aber ich möchte nicht von netten Häusern, einer freundlichen Atmosphäre und guten Freunden abhängig sein, um mich nicht zu fürchten. Wenn ich zu meinen Eltern gehe, habe ich das gleiche Gefühl der Warmherzigkeit. Aber zuhause ist es schrecklich; alle Familien sind tödlich mit ihrem nichtigen, eingeengten Tun, ihren Streitereien, mit der Vulgarität ihrer lauten Reden über nichts und mit ihrer Heuchelei. Ich habe das alles satt. Und doch, wenn ich zu Ihnen gehe und diese gewisse Wärme da ist, fühle ich mich tatsächlich für eine Weile frei von dieser Furcht. Die Psychiater können mir nicht sagen, was es mit meiner Furcht auf sich hat. Sie nennen es eine ‹fluktuierende Furcht›. Es ist ein schwarzer, bodenloser, gespenstischer Abgrund. Ich habe sehr viel Geld und Zeit auf die Analyse verwendet, und es hat mir in Wirklichkeit überhaupt nicht geholfen. Was soll ich also tun?

Krishnamurti: Kommt es daher, dass Sie infolge Ihrer Sensitivität eines gewissen Schutzes, einer gewissen Sicherheit bedürfen, und da Sie das nicht finden, sich vor der hässlichen Welt fürchten? Sind Sie sensitiv?

Fragender: Ja,  ich denke schon. Vielleicht nicht in der Art, wie Sie es meinen, aber ich bin sensitiv. Ich liebe nicht den Lärm, die Geschäftigkeit, die Vulgarität dieses modernen Lebens, die Art, wie sie uns heute überall die Sexualität nachwerfen und den ganzen Aufwand, mit dem man irgendeine scheußliche kleine Stellung erkämpfen muss. Ich fürchte mich wirklich vor diesem allen – nicht, dass ich nicht kämpfen und mir eine Position erringen kann, aber mir wird übel vor Furcht.

Krishnamurti: Die meisten Menschen, die sensitiv sind, brauchen eine friedliche Zufluchtsstätte und eine warme freundliche Atmosphäre. Entweder schaffen sie sich diese selbst oder sie sind von anderen abhängig, die ihnen das geben können – die Familie, die Frau, der Mann, der Freund. Besitzen Sie einen solchen Freund?

Fragender: Nein, ich fürchte mich davor, einen solchen Freund zu haben. Ich fürchte mich davor, von ihm abhängig zu sein. 

Krishnamurti: Es besteht also folgende Situation: Sie sind sensitiv, verlangen einen gewissen Schutz und sind davon abhängig, dass andere Ihnen diesen Schutz geben. Da ist die Sensitivität und die Abhängigkeit; die beiden gehen oft zusammen. Und wenn man von einem anderen abhängig ist, hat man Angst, ihn zu verlieren. So werden Sie immer abhängiger und dann verstärkt sich die Furcht im Verhältnis zu Ihrer Abhängigkeit. Es ist ein Teufelskreis. Haben Sie erforscht, warum Sie abhängig sind? Wir hängen von dem Postboten ab, vom physischen Komfort und so fort; das ist ziemlich einfach. Wir sind für unser körperliches Wohlsein und unser Überleben von Menschen und Dingen abhängig; das ist ganz natürlich und normal. Wir müssen uns auf das verlassen, was wir die organisierte Seite der Gesellschaft nennen mögen. Aber wir sind außerdem psychologisch abhängig, und diese Abhängigkeit, obgleich tröstend, erzeugt Furcht. Warum sind wir psychologisch abhängig? 

Fragender: Sie sprechen jetzt zu mir über Abhängigkeit, aber ich kam hierher, um über Furcht zu diskutieren.

Krishnamurti: Wir wollen beides prüfen, weil sie in Wechselbeziehung stehen, wie wir sehen werden. Haben Sie etwas dagegen, wenn wir beides diskutieren? Wir sprachen über Abhängigkeit. Was ist Abhängigkeit? Warum ist man psychologisch von einem anderen abhängig? Ist nicht Abhängigkeit die Verneinung der Freiheit? Nehmen Sie das Haus, den Gatten, Die Kinder, den Besitz hinweg – was ist der Mensch, wenn das alles nicht mehr da ist? Er ist in sich selbst unzulänglich, leer, verloren. Infolge dieser Leere, vor der er sich fürchtet, hängt er am Besitz, an Menschen und Glaubenssätzen. Sie mögen all dieser Dinge, von denen Sie abhängen, so sicher sein, dass Sie sich nicht vorstellen können, sie jemals zu verlieren – die Liebe Ihrer Familie und den Komfort. Doch die Furcht bleibt. Darum müssen wir uns klar darüber sein, dass jede Form psychologischer Abhängigkeit unvermeidlich Furcht erzeugt, obgleich die Dinge, von denen Sie abhängig sind, fast unzerstörbar zu sein scheinen. Die Furcht erhebt sich aus dieser inneren Unzulänglichkeit, Armut und Leere. So haben wir jetzt, wie Sie sehen, drei Probleme: Sensitivität, Abhängigkeit und Furcht. Die drei stehen in gegenseitiger Beziehung. Nehmen Sie die Sensitivität. Je sensitiver Sie sind, um so abhängiger sind Sie – es sei denn, Sie verstehen es, sensitiv zu bleiben ohne Abhängigkeit, verwundbar zu sein ohne Schmerz. Nehmen Sie nun die Abhängigkeit. Je abhängiger Sie sind, um so stärker ist der Abscheu und das Verlangen frei zu sein. Dieses Verlangen nach Freiheit verstärkt die Furcht, denn dieses Verlangen ist eine Reaktion, ist keine Freiheit von der Abhängigkeit. 

Fragender: Sind Sie von irgendetwas abhängig?

Krishnamurti: Natürlich. Ich bin physisch von Nahrung, Kleidung und Obdach abhängig, aber psychologisch, innerlich bin ich von nichts abhängig – nicht von Göttern, nicht von sozialer Moral, nicht von Glaubenssätzen, nicht von Menschen. Aber es ist belanglos, ob ich abhängig bin oder nicht. Um also fortzufahren: Furcht ist die Wahrnehmung unserer inneren Leere, Einsamkeit und Armut und unserer Unfähigkeit, etwas dagegen zu tun. Wir sind nur mit dieser Furcht beschäftigt, die die Abhängigkeit erzeugt und die wiederum durch Abhängigkeit vergrößert wird. Wenn wir die Furcht verstehen, verstehen wir auch die Abhängigkeit. Um also die Furcht zu verstehen und zu entdecken, wie sie entsteht, ist Empfindsamkeit erforderlich. Wenn man empfindsam ist, wird man sich seiner eigenen außerordentlichen Leerheit bewusst, eines bodenlosen Abgrundes, der nicht durch die übliche Ablenkung mit Drogen gefüllt werden kann, noch durch kirchliche Veranstaltungen, oder durch gesellschaftliche Vergnügungen – nichts kann ihn jemals füllen. Das zu wissen vergrößert die Furcht. Das treibt Sie in die Abhängigkeit, und diese Abhängigkeit macht Sie immer empfindungsloser. Und da Sie wissen, dass es so ist, fürchten Sie  sich davor. So ist nun unsere Frage: Wie kann man über diese Leere, diese Einsamkeit hinausgelangen – nicht, wie man selbstgenügsam werden kann, nicht, wie man diese Leere ständig tarnen kann. 

Fragender: Warum sagen Sie, dass es nicht eine Frage der Selbstgenügsamkeit ist?

Krishnamurti: Weil Sie nicht länger sensitiv sind, wenn Sie selbstgenügsam sind; Sie werden selbstgefällig und gefühllos, gleichgültig und abgekapselt. Ohne abhängig zu sein, über die Abhängigkeit hinauszugehen bedeutet nicht, selbstgenügsam zu werden. Kann der Mensch dieser Leere ins Auge sehen und mit ihr leben, ohne in irgendeine Richtung zu entfliehen?

Fragender: Es würde mich verrückt machen zu denken, dass ich damit für immer leben müsste.

Krishnamurti: Jede Bewegung hinweg von dieser Leere ist eine Flucht. Und diese Flucht, die von etwas hinweg führt, hinweg von dem »was ist«, ist Furcht. Was ist, ist nicht die Furcht; es ist die Flucht, die die Furcht ist, und das wird Sie verrückt machen, nicht die Leere an sich. Was ist nun diese Leere, diese Einsamkeit? Wie entsteht sie? Sicherlich entsteht sie durch Vergleichen und Werten, nicht wahr? Ich vergleiche mich mit dem Heiligen, dem Meister, dem großen Musiker, dem Mann, der weiß, dem Mann, der es zu etwas gebracht hat. In diesem Vergleich finde ich mich selbst dürftig und unzulänglich; ich habe kein Talent, ich bin mittelmäßig, ich habe nicht verwirklicht, ich bedeute nichts, und jener ist etwas. So entsteht aus dem Werten und Vergleichen der enorme Hohlraum des Leerseins und der Nichtigkeit. Und die Flucht aus dieser Höhle ist Furcht. Und die Furcht hindert uns daran, diesen bodenlosen Abgrund zu verstehen. Es ist eine Neurose, die sich selbst nährt. Um es zu wiederholen: dieses Werten, dieses Vergleichen ist das eigentliche Wesen der Abhängigkeit. So sind wir wieder bei der Abhängigkeit angelangt – ein Teufelskreis.

Fragender: Wir haben in dieser Diskussion einen langen Weg zurückgelegt, und die Dinge sind klarer geworden. Da ist die Abhängigkeit; ist es möglich, nicht abhängig zu sein? Ja, ich glaube, es ist möglich. Dann haben wir die Furcht; ist es möglich, vor der inneren Leere nicht davonzulaufen, und das bedeutet, nicht aus Furcht zu fliehen? Ja, ich glaube, es ist möglich. Damit sind wir dem Leersein ausgeliefert. Ist es nun möglich, dieser Leere ins Auge zu schauen, nachdem wir aufgehört haben, aus Furcht vor ihr davonzulaufen? Ja, ich glaube, es ist möglich. Ist es schließlich möglich, nicht zu werten, nicht zu vergleichen? Denn wenn wir so weit gekommen sind – und ich denke, wir sind es –, bleibt nur diese Leere, und man sieht ein, dass diese Leere das Ergebnis des Vergleichens ist. Und man erkennt, dass Abhängigkeit und Furcht das Ergebnis dieser Leere sind. Es sind also da: Vergleichen, Leerheit, Furcht, Abhängigkeit. Kann ich wirklich ein Leben ohne Vergleich, ohne Messen führen? 

Krishnamurti: Natürlich müssen Sie messen, um einen Teppich auf den Boden zu legen!

Fragender: Ja, ich meine, ob ich ohne psychologischen Vergleich leben kann.

Krishnamurti: Wissen Sie, was es bedeutet, ohne psychologischen Vergleich zu leben, wenn Sie Ihr Leben lang darauf eingestellt waren, zu vergleichen – in der Schule, beim Spielen, auf der Universität und im Büro? Alles ist Vergleich. Leben Sie ohne Vergleich! Wissen Sie, was das heißt? Es bedeutet: keine Abhängigkeit, keine Selbstgenügsamkeit, kein Suchen, kein Fragen – und das bedeutet zu lieben. Liebe kennt keinen Vergleich, und darum ist Liebe ohne Furcht. Liebe ist sich ihrer selbst nicht als Liebe bewusst, denn das Wort ist nicht das Ding.