Wie man in dieser Welt leben soll – Teil 2

Er kam am nächsten Tag voller Eifer zurück, und in seinen Augen lag die Klarheit des Forschens.

Fragender: Ich möchte, wenn es Ihnen recht ist, weiter in die Frage eindringen, wie ich in dieser Welt leben soll. Ich verstehe jetzt mit Herz und Geist, wie äußerst unwichtig Ideale sind – wie Sie es gestern erklärten. Es gab einen ziemlich langen Kampf darum, und ich habe schließlich eingesehen, wie trivial Ideale sind. Sie sagen doch, dass, wenn es keine Ideale oder Auswege gibt, nur die Vergangenheit da ist, die tausend Gestern, die das »Ich« ausmachen. Wenn ich daher frage, wie ich in dieser Welt leben soll, habe ich nicht nur eine falsche Frage gestellt, sondern ich habe zugleich etwas Widersprüchliches getan, denn ich habe die Welt und das »Ich« in Gegensatz zueinander gebracht. Und diesen Widerspruch nenne ich Leben. Wenn ich also die Frage stelle, wie ich in dieser Welt leben soll, versuche ich tatsächlich, diesen Widerspruch zu verfeinern, ihn zu rechtfertigen, ihn zu modifizieren, weil das alles ist, was ich weiß; ich kenne nichts anderes.

Krishnamurti: Das ist also die Frage, die sich uns jetzt stellt: muss Leben immer in der Vergangenheit sein, muss jede Tätigkeit der Vergangenheit entspringen, sind alle Beziehungen das Ergebnis der Vergangenheit, ist Leben die komplexe Erinnerung der Vergangenheit? Das ist alles, was wir kennen – die Vergangenheit, die die Gegenwart modifiziert. Und die Zukunft ist das Ergebnis dieser Vergangenheit, die durch die Gegenwart handelt. So sind also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft die Vergangenheit. Und diese Vergangenheit nennen wir Leben. Der Geist ist die Vergangenheit, das Gehirn ist die Vergangenheit, die Gefühle sind die Vergangenheit, und die Handlung, die daraus entsteht, ist die positive Tätigkeit des Bekannten. Dieser ganze Prozess ist Ihr Leben mit all den Beziehungen und Tätigkeiten, die Sie kennen. Wenn Sie daher fragen, wie Sie in dieser Welt leben sollen, verlangen Sie nach einer Veränderung des Gefängnisses.

Fragender: Das meine ich nicht. Ich meine folgendes: Ich sehe sehr klar, dass mein Prozess des Denkens und Tuns die Vergangenheit ist, die durch die Gegenwart in die Zukunft wirkt. Das ist alles, was ich weiß, und das ist eine Tatsache. Und ich erkenne, dass ich darin gefangen bin, dass ich es bin, solange sich diese Struktur nicht verändert. Hieraus erhebt sich unvermeidlich die Frage: Wie soll ich mich verwandeln?

Krishnamurti: Um in dieser Welt geistig gesund zu leben, ist eine radikale Verwandlung von Geist und Herz notwendig.

Fragender: Ja, aber was verstehen Sie unter Verwandlung? Wie soll ich mich verwandeln, wenn alles, was ich tue, die Bewegung der Vergangenheit ist? Ich kann mich nur selbst verwandeln, niemand anderes kann das für mich tun. Und ich verstehe nicht, was es bedeutet, sich zu verwandeln.

Krishnamurti: So ist aus der Frage »wie ich in dieser Welt leben soll«, nun geworden: »Wie soll ich mich verwandeln?« – wobei nicht vergessen werden darf, dass das Wie keine Methode bedeutet, sondern ein Erforschen ist, um zu verstehen. Was ist Verwandlung? Gibt es überhaupt eine Verwandlung? Oder kann man danach nur fragen, nachdem eine totale Verwandlung und Revolution stattgefunden hat? Lassen Sie uns wiederum damit beginnen herauszufinden, was dieses Wort bedeutet. Verwandlung umschließt eine Bewegung von dem was ist zu etwas anderem hin. Ist dieses andere nur ein Gegensatz, oder gehört es zu einer gänzlich anderen Ordnung? Wenn es nur ein Gegensatz ist, dann ist es überhaupt nichts anderes, weil alle Gegensätze wechselseitig bedingt sind, wie heiß und kalt, hoch und niedrig. Der Gegensatz ist in seinem Gegensatz enthalten und durch ihn festgelegt; er ist nur im Vergleich vorhanden, und die Dinge, die vergleichbar sind, haben nur verschiedene Maße derselben Beschaffenheit und sind daher gleichartig. So ist eine Verwandlung in einen Gegensatz überhaupt keine Verwandlung. Selbst wenn dieses Hingehen zu dem, was anders erscheint, Ihnen das Gefühl gibt, dass Sie wirklich etwas tun, es ist eine Illusion.

Fragender: Lassen Sie mich das für einen Augenblick in mich aufnehmen.

Krishnamurti: Womit sind wir also jetzt beschäftigt? Ist es möglich, die Geburt einer gänzlich neuen Ordnung in uns herbeizuführen, die nicht auf die Vergangenheit bezogen ist? Die Vergangenheit ist für dieses Forschen belanglos und unbedeutend, weil sie auf die neue Ordnung nicht anwendbar ist.

Fragender: Wie können Sie sagen, dass sie unbedeutend und belanglos ist? Wir haben ständig gesagt, dass die Vergangenheit das Problem ist, und nun sagen Sie, sie sei nebensächlich.

Krishnamurti: Die Vergangenheit scheint das einzige Problem zu sein, weil sie allein unseren Geist und unsere Herzen beherrscht. Sie allein ist für uns wichtig. Aber warum geben wir ihr diese Bedeutung? Warum ist dieser kleine Raum so äußerst wichtig? Wenn Sie durch die Vergangenheit völlig in Anspruch genommen und darauf festgelegt sind, werden Sie niemals der Verwandlung Gehör schenken. Der Mensch, der nicht völlig festgelegt ist, ist als einziger fähig, zu lauschen, zu forschen und zu fragen. Nur dann wird er imstande sein, die Trivialität dieses kleinen Raumes zu sehen. – Sind Sie nun völlig versunken oder ist Ihr Kopf über dem Wasser? Wenn Ihr Kopf über dem Wasser ist, dann können Sie sehen, dass dieses kleine Ding belanglos ist. Dann haben Sie Spielraum, um herauszuschauen. Wie tief sind Sie versunken? Niemand als Sie selbst kann diese Frage beantworten. In dieser Fragestellung liegt bereits die Freiheit, und dann fürchtet man sich nicht mehr. Dann ist Ihre Einsicht umfassend. Wenn aber diese Schablone der Vergangenheit Sie fest an der Kehle hält, dann fügen Sie sich, dann akzeptieren, gehorchen, folgen, glauben Sie. Nur wenn Sie gewahr sind, dass das nichts mit Freiheit zu tun hat, beginnen Sie herauszusteigen. So fragen wir wiederum: was ist Verwandlung, was ist Revolution? Verwandlung ist nicht eine Bewegung vom Bekannten zum Bekannten, und alle politischen Revolutionen sind das. über diese Art der Verwandlung sprechen wir hier nicht. Sich vom Zustand eines Sünders zu dem eines Heiligen fortzuentwickeln, ist ein Fortschreiten von einer Illusion zu einer anderen. So, jetzt sind wir frei von der Verwandlung als einer Bewegung von diesem zu jenem.

Fragender: Habe ich das wirklich verstanden? Was soll ich mit dem Arger, der Gewalttätigkeit und der Furcht tun, wenn sie in mir aufsteigen? Soll ich ihnen freien Lauf lassen? Was soll ich mit ihnen anfangen? Es muss da eine Verwandlung stattfinden, sonst bin ich, was ich zuvor war.

Krishnamurti: Ist Ihnen klar, dass diese Dinge nicht durch ihren Gegensatz überwunden werden können? Wenn ja, dann ist nur die Gewalt da, der Neid, der Ärger, die Gier. Das Gefühl stellt sich als das Resultat einer Herausforderung ein, und dann wird es benannt. Dieses Benennen des Gefühls setzt es erneut in die alte Schablone ein. Wenn Sie es nicht benennen, das heißt, wenn Sie sich nicht damit identifizieren, dann ist das Gefühl neu und wird von selbst vergehen. Das Benennen verstärkt es und gibt ihm Fortdauer, und das ist der ganze Prozess des Denkens.

Fragender: Ich fühle mich in eine Ecke getrieben, wo ich mich sehe, wie ich tatsächlich bin, und ich erkenne, wie trivial ich bin. Was kommt von da aus als Nächstes?

Krishnamurti: Jede Bewegung von dem hinweg, was ich bin, verstärkt was ich bin. So ist Verwandlung ganz und gar keine Bewegung. Verwandlung ist die Verneinung der Veränderung, und nun erst kann ich diese Frage stellen: gibt es überhaupt eine Verwandlung? Diese Frage kann nur gestellt werden, wenn jede Bewegung des Denkens aufgehört hat, denn das Denken muss um der Schönheit der Nicht-Verwandlung willen verneint werden. In der totalen Negation jeder Bewegung des Denkens, hinweg von dem was ist, liegt das Ende dessen was ist.