Beziehung – Teil 2

Fragender: Wenn es gestattet ist, würde ich gerne dort fortfahren, wo wir gestern aufgehört haben. Sie sagten, dass der Mensch die Hülle, die um ihn ist, selbst erzeugt, und dass diese Hülle der Mensch ist. Ich verstehe das wirklich nicht. Intellektuell kann ich zustimmen, aber die eigentliche Wahrnehmung entzieht sich mir. Ich würde es sehr gerne verstehen – nicht verbal, sondern es wirklich empfinden, so dass es in meinem Leben keinen Konflikt gibt. 

Krishnamurti: Da ist der Raum zwischen dem, was der Mensch die Hülle nennt, die er geschaffen hat, und sich selbst. Da ist der Raum zwischen dem Ideal und der Handlung. In dieser Zerstückelung des Raumes zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten oder zwischen den verschiedenen Dingen, die er beobachtet, liegt aller Konflikt und Kampf und die ganze Problematik des Lebens. Da ist die Trennung zwischen der Hülle, die mich umgibt, und der Hülle um einen anderen. In diesem Raum liegt unsere ganze Existenz, liegen unsere Beziehungen und Kämpfe.

Fragender: Wenn Sie von der Trennung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten sprechen, meinen Sie damit diese Zersplitterung des Raumes in unserem Denken und unseren täglichen Handlungen?

Krishnamurti: Was ist dieser Raum? Es gibt den Raum zwischen Ihnen und Ihrer Hülle, den Raum zwischen einem anderen und seiner Hülle, und es gibt den Raum zwischen den beiden Hüllen. Diese Räume zeigen sich alle dem Beobachter. Woraus sind diese Räume gemacht? Wie entstehen sie? Welche Beschaffenheit haben diese geteilten Räume? Was würde geschehen, wenn wir diese fragmentarischen Räume beseitigen könnten?

Fragender: Dann würde ein wahrer Kontakt auf allen Ebenen unseres Seins bestehen.

Krishnamurti: Ist das alles?

Fragender: Es würde keinen Konflikt mehr geben, denn aller Konflikt ist Beziehung quer durch diese Räume.

Krishnamurti: Ist das alles? Wenn dieser Raum tatsächlich verschwindet – nicht verbal oder intellektuell, sondern tatsächlich verschwindet –, dann besteht vollkommene Harmonie, Einheit zwischen Ihnen und ihm, zwischen Ihnen und einem anderen. In dieser Harmonie hören Sie und er auf, und es gibt nur diesen weiten Raum, der nie zerstört werden kann. Die enge Struktur des Verstandes nimmt ein Ende, denn der Verstand ist Stückwerk.

Fragender: Ich kann das alles wirklich nicht verstehen, obgleich ich ein tiefes Gefühl in mir habe, dass es so ist. Ich kann sehen, dass sich das tatsächlich ereignet, wenn Liebe da ist, aber ich kenne diese Liebe nicht; sie ist nicht ständig in mir. Sie ist nicht in meinem Herzen. Ich sehe sie nur wie durch ein trübes Glas. Aber ich kann sie, ehrlich gesagt, nicht mit meinem ganzen Wesen erfassen. Könnten wir, wie Sie vorschlugen, eingehend betrachten, woraus diese Räume gemacht sind, wie sie entstehen?

Krishnamurti: Wir wollen völlig sicher sein, dass wir beide dasselbe verstehen, wenn wir das Wort Raum gebrauchen. Es gibt den physischen Raum zwischen Menschen und Dingen, und es gibt den psychologischen Raum zwischen Menschen und Dingen. Dann gibt es auch den Raum zwischen der Idee und der Wirklichkeit. Das alles – das Physische und das Psychologische – ist also Raum, mehr oder weniger begrenzt und festgelegt. Wir sprechen jetzt nicht von dem physischen Raum. Wir sprechen von dem psychologischen Raum zwischen den Menschen und dem psychologischen Raum im Menschen selbst, in seinen Gedanken und Tätigkeiten. Wie entsteht dieser Raum? Ist er erfunden, illusorisch oder ist er real? Fühlen Sie es, seien Sie dessen gewahr, vergewissern Sie sich, dass Sie nicht bloß ein geistiges Bild davon haben, denken Sie daran, dass die Beschreibung niemals das Ding ist. Seien Sie ganz sicher, dass Sie wissen, worüber wir sprechen. Seien Sie sich völlig klar darüber, dass dieser begrenzte Raum, diese Trennung in Ihnen existiert; Gehen Sie nicht weiter, wenn Sie nicht verstehen. Nun, wie entsteht dieser Raum?

Fragender: Wir sehen den physischen Raum zwischen den Dingen …

Krishnamurti: Erklären Sie nichts; fühlen Sie sich nur da hinein. Wir fragen, wie dieser Raum entstanden ist. Geben Sie keine Ursache an, keine Erklärung, sondern verbleiben Sie mit diesem Raum und empfinden Sie ihn. Dann werden die Ursache und die Beschreibung nur wenig Bedeutung haben und ohne Wert sein. Dieser Raum ist entstanden durch das Denken, durch das »Ich« das Wort – worin die ganze Einteilung liegt. Der Gedanke selbst ist dieser Zwischenraum, diese Einteilung. Das Denken zerbricht sich immer selbst in Fragmente und erzeugt die Teilung. Das Denken zerlegt in Fragmente, was es innerhalb des Raumes betrachtet – als Du und Ich, Dein und Mein, als das Ich und seine Gedanken und so fort. Dieser Abstand, den das Denken zu dem, was es beobachtet, geschaffen hat, ist real geworden; und es ist dieser Zwischenraum, der trennt. Dann versucht das Denken eine Brücke über diese Kluft zu schlagen, überlistet sich auf diese Weise ständig, betrügt sich selbst und erhofft Einigkeit.

Fragender: Das erinnert mich an die alte Erklärung des Denkens: Es ist ein Dieb, der sich als Polizist maskiert, um den Dieb zu fangen.

Krishnamurti: Quälen Sie sich nicht mit Zitaten ab, so alt diese auch sein mögen. Wir betrachten, was tatsächlich vor sich geht. Indem wir die Wahrheit über die Beschaffenheit und die Tätigkeit des Denkens sehen, wird das Denken ruhig. Wenn das Denken ruhig ist, nicht ruhig gemacht, ist da noch Abstand?

Fragender: Es ist der Gedanke selbst, der jetzt hereinstürzt, um diese Frage zu beantworten.

Krishnamurti: Genau! Darum stellen wir eben diese Frage nicht. Der Geist ist jetzt vollkommen harmonisch, ohne Zersplitterung; der kleine Zwischenraum hat aufgehört, und da ist nur noch Raum. Wenn der Geist vollkommen ruhig ist, ist die Weite des Raumes und das Schweigen da.

Fragender: So beginne ich zu sehen, dass meine Beziehung zu anderen aus Denkvorgängen besteht. Was immer ich auch antworte, es ist das Geräusch des Denkens, und indem ich das erkenne, schweige ich.

Krishnamurti: Dieses Schweigen ist Segen.