Konflikt

Fragender: Ich befinde mich in einem vielfachen Konflikt mit allem, was um mich ist; und auch in mir ist alles in Konflikt. Die Menschen haben von einer göttlichen Ordnung gesprochen; die Natur ist harmonisch. Der Mensch scheint das einzige Tier zu sein, das diese Ordnung verletzt und so viel Elend verursacht – für andere und für sich selbst. Wenn ich am Morgen aufwache, sehe ich von meinem Fenster aus kleine Vögel miteinander kämpfen, aber bald trennen sie sich und fliegen davon, während ich diesen Kampf mit mir und mit anderen ständig in mir trage; da gibt es kein Entrinnen. Ich möchte wissen, ob ich jemals in Frieden mit mir leben kann. Ich muss sagen, dass ich mich gerne in völliger Harmonie mit allem um mich und mit mir selbst befinden möchte. Wenn man von diesem Fenster aus die ruhige See und das Licht auf dem Wasser sieht, hat man das tiefe Gefühl, dass es eine Lebensweise ohne diesen endlosen Streit mit sich und der Welt geben muss. Gibt es überhaupt irgendwo Harmonie, oder gibt es nur ewige Unordnung? Wenn es Harmonie gibt, auf welcher Ebene kann sie vorhanden sein? Oder existiert sie nur auf dem Gipfel eines Berges, von dem die heißen Täler niemals etwas wissen können?

Krishnamurti: Kann man von dem einen zum anderen gehen? Kann man das, was ist, in das verwandeln, was nicht ist? Kann Disharmonie in Harmonie umgewandelt werden?

Fragender: Ist denn Konflikt notwendig? Im Grunde genommen mag er vielleicht die natürliche Ordnung der Dinge sein.

Krishnamurti: Wenn man das annähme, würde man alles akzeptieren müssen, wofür die Gesellschaft einsteht: Kriege, ehrgeiziger Wettstreit, eine aggressive Lebensführung – die ganze brutale Gewalttätigkeit des Menschen innerhalb und außerhalb seiner so genannten heiligen Stätten. Ist das natürlich? Wird das eine Einheit hervorbringen? Wäre es nicht besser für uns, diese beiden Tatsachen eingehend zu betrachten: die Tatsache des Konfliktes mit all seinen komplizierten Kämpfen und die Tatsache, dass der Mensch nach Ordnung, Harmonie, Frieden, Schönheit, Liebe verlangt?

Fragender: Ich weiß nichts über Harmonie. Ich sehe sie am Firmament, in den Jahreszeiten, in der mathematischen Ordnung des Universums. Aber das schafft im eigenen Geist und Herzen keine Ordnung. Die absolute Ordnung der Mathematik ist nicht meine Ordnung. In mir ist keine Ordnung, ich bin im Zustand tiefer Unordnung. Ich weiß, dass es verschiedene Theorien gibt über eine allmähliche Evolution hin zu der so genannten Vollkommenheit politischer Utopien und religiöser Himmel, aber das belässt mich da, wo ich tatsächlich bin. Die Welt mag vielleicht von jetzt an in zehntausend Jahren vollkommen sein, aber in der Zwischenzeit lebe ich in der Hölle. 

Krishnamurti: Wir sehen die Unordnung in uns und in der Gesellschaft. Beide sind sehr komplex. Da gibt es wirklich keine Antworten. Man kann das alles sehr sorgfältig prüfen, es genau analysieren, nach den Ursachen der Unordnung in sich und in der Gesellschaft Ausschau halten, sie dem Licht aussetzen und vielleicht glauben, dass man sich von ihnen befreien wird. Durch diesen analytischen Prozess gehen die meisten Menschen, intelligent oder geistlos, doch bringt es niemanden sehr weit. Der Mensch hat sich seit Jahrtausenden analysiert und nichts als Literatur hervorgebracht! Die vielen Heiligen haben sich in Vorstellungen und ideologischen Gefängnissen paralysiert; sie leben auch in Konflikt. Die Ursache unseres Konfliktes ist die unaufhörliche Dualität des Wünschens, der endlose Korridor der Gegensätze, die Neid, Gier, Ehrgeiz, Aggression, Furcht und alles übrige hervorrufen. Nun möchte ich gern wissen, ob es nicht eine gänzlich andere Einstellung zu diesem Problem gibt. Die Hinnahme dieses Kampfes und unsere ganzen Anstrengungen, um da herauszukommen, sind zur Tradition geworden. Die ganze Einstellung ist traditionsgebunden. In dieser traditionellen Art operiert der Mensch, aber wie wir sehen, wird dadurch nur mehr Unordnung geschaffen. So ist das Problem nicht, wie wir die Unordnung beenden können, sondern vielmehr, ob der Geist, von der Tradition befreit, auf diese Unordnung schauen kann. Und dann mag es überhaupt kein Problem geben.

Fragender: Ich vermag Ihnen überhaupt nicht zu folgen.

Krishnamurti: Da ist die Tatsache der Unordnung. Darüber gibt es keinen Zweifel: das ist eine wirkliche Tatsache. Die traditionelle Einstellung auf diese Tatsache ist, sie zu analysieren, zu versuchen, die Ursache zu entdecken und sie zu überwinden oder ihren Gegensatz zu erfinden und dafür zu kämpfen. Das ist die traditionelle Einstellung mit ihren Vorschriften, ihrem Drill, ihren Kontrollen, Unterdrückungen, Sublimierungen. Der Mensch hat das seit vielen Jahrtausenden getan; es hat nirgendwohin geführt. Können wir diese Einstellung völlig aufgeben und gänzlich anders auf das Problem schauen – das heißt, ohne den Versuch, darüber hinauszugelangen oder es zu lösen oder es zu überwinden oder davor zu fliehen? Kann der Mensch das tun?

Fragender: Vielleicht …

Krishnamurti: Antworten Sie nicht so schnell! Das ist eine gewaltige Frage, die ich Ihnen stelle. Seit dem Anfang der Zeiten hat der Mensch versucht, mit seinen Problemen dadurch fertig zu werden, dass er entweder darüber hinausging, sie löste, sie überwand oder vor ihnen floh. Glauben Sie bitte nicht, Sie könnten das alles so leicht beiseite stoßen, einfach durch eine verbale Zustimmung; daraus besteht ja die eigentliche Struktur des menschlichen Geistes. Kann sich der Mensch nun, wenn er das alles nicht nur dem Worte nach versteht, tatsächlich von der Tradition befreien? Der traditionelle Weg, mit dem Konflikt fertig zu werden, löst ihn niemals, sondern fügt nur mehr Konflikt hinzu. Wenn ich gewalttätig bin – und das bedeutet Konflikt –, führe ich durch den Versuch, nicht gewalttätig zu werden, einen zusätzlichen Konflikt herbei. Jede soziale Moral und alle religiösen Vorschriften sind dieser Art. Verstehen wir uns?

Fragender: Ja!

Krishnamurti: Sehen Sie nun, wie weit wir gekommen sind? Welches ist jetzt der tatsächliche Zustand des Geistes, nachdem wir durch Verständnis alle traditionellen Einstellungen verworfen haben? Denn der Zustand des Geistes ist weit wichtiger als der Konflikt selbst.

Fragender: Ich weiß es wirklich nicht.

Krishnamurti: Warum wissen Sie es nicht? Warum sind Sie des Zustandes Ihres Geistes nicht gewahr, wenn Sie tatsächlich die traditionelle Einstellung aufgegeben haben? Warum wissen Sie es nicht? Entweder Sie haben sie aufgegeben, oder Sie haben es nicht getan. Wenn Sie es getan haben, würden Sie es wissen. Wenn Sie sie aufgegeben haben, dann kann Ihr unschuldig gewordener Geist auf dieses Problem schauen. Sie können auf das Problem schauen, als geschähe es zum ersten Mal. Und wenn Sie es tun, gibt es dann überhaupt noch das Problem des Konflikts? Weil Sie mit den alten Augen auf das Problem schauen, wird es nicht nur verstärkt, sondern bewegt sich weiter auf seinem ausgetretenen Pfad. Wichtig ist also, wie Sie auf das Problem schauen, ob Sie es mit neuen oder alten Augen tun. Die neuen Augen sind von den beschränkten Reaktionen auf das Problem befreit. Schon das Problem durch Wiedererkennen zu benennen, bedeutet, sich ihm in der traditionellen Art zu nähern. Rechtfertigung, Verdammung oder die Übertragung des Problems in Begriffe von Lust und Leid gehören alle zu dieser gewohnheitsmäßigen, traditionellen Einstellung, etwas dafür zu tun. Das wird im allgemeinen positive Handlung in Bezug auf das Problem genannt. Aber wenn der Geist das alles beiseite fegt, weil es unwirksam, unintelligent ist, dann ist er in hohem Maße sensitiv geworden, voller Ordnung und frei.

Fragender: Sie verlangen zu viel von mir; ich kann es nicht tun. Ich bin dazu unfähig. Sie verlangen von mir, übermenschlich zu sein! 

Krishnamurti: Sie schaffen sich selbst Schwierigkeiten, blockieren sich, wenn Sie sagen, Sie müssten übermenschlich werden. Es ist nichts dergleichen. Sie schauen weiterhin auf die Dinge mit Augen, die sich einmischen wollen, die etwas für das tun wollen, was die Augen sehen. Hören Sie auf, irgend etwas in dieser Richtung zu tun, denn was immer Sie auch tun, es gehört zu der traditionellen Einstellung. Das ist alles. Seien Sie einfach. Das ist das Wunder der Wahrnehmung – wahrzunehmen mit einem Herzen und einem Geist, die vollkommen gereinigt sind von der Vergangenheit. Negation ist die positivste Handlung.