Das Ganze Sehen

Fragender: Wenn ich Ihnen zuhöre, scheine ich das, worüber Sie sprechen, zu verstehen – nicht nur dem Worte nach, sondern auf einer viel tieferen Ebene. Ich bin Teil davon; ich begreife völlig und mit meinem ganzen Sein die Wahrheit dessen, was Sie sagen. Mein Gehör ist geschärft, und da ich die Blumen, die Bäume und jene schneebedeckten Berge sehen, fühle ich, dass ich ein Teil von ihnen bin. In diesem Gewahrsein habe ich keinen Konflikt, gibt es keinen Widerspruch. Es ist so, als ob ich alles tun könnte, und was immer ich auch täte, wäre richtig, würde weder Konflikt noch Leid erzeugen. Aber dieser Zustand hält unglücklicherweise nicht an. Vielleicht währt er eine oder zwei Stunden, während ich Ihnen zuhöre. Wenn ich diese Vorträge verlasse, scheint sich alles zu verflüchtigen, und ich bin wieder dort, wo ich war. Ich versuche meiner selbst bewusst zu sein; ich halte die Erinnerung an den Zustand wach, in dem ich war, als ich Ihren Reden lauschte; ich versuche ihn zu erreichen, ihn festzuhalten, und das wird zu einem Kampf. Sie haben gesagt: "Seien Sie Ihres Konfliktes bewusst, lauschen Sie Ihrem Konflikt, sehen Sie die Ursachen Ihres Konflikts – des Konfliktes, der Sie selbst sind." Ich bin meines Konfliktes, meiner Pein, meiner Sorgen, meiner Verwirrung bewusst, aber dieses Gewahrsein löst in keiner Weise diese Dinge. Im Gegenteil, ihrer bewusst zu sein, scheint ihnen Vitalität und Dauer zu verleihen. Sie sprechen von unterscheidungsfreiem Gewahrsein, was in mir einen weiteren Kampf auslöst, denn ich wähle ständig und bin voller Urteile und Meinungen. Ich habe diese Bewusstheit auf eine besondere, mir eigene Gewohnheit gerichtet, und sie ist nicht vergangen. Wenn man einen Konflikt oder eine Spannung wahrnimmt, schaut dieses selbe Bewusstsein unentwegt darauf, um zu sehen, ob sie bereits verschwunden sind. Und gerade dadurch scheint man daran erinnert zu werden, und man wird sie niemals los. 

Krishnamurti: Gewahrsein ist keine Bindung an etwas. Gewahrsein ist eine Betrachtung sowohl des Äusseren wie des Inneren, in der die Lenkung aufgehört hat. Sie nehmen wahr, aber das Ding, dessen Sie gewahr sind, wird dadurch nicht belebt oder genährt. Gewahrsein ist keine Konzentration auf etwas. Es ist keine Handlung des Willens, der sich aussucht, wessen er gewahr sein will, und der es analysiert, um ein bestimmtes Resultat zu erzielen. Wenn Gewahrsein vorsätzlich auf ein bestimmtes Objekt gerichtet wird, wie zum Beispiel auf einen Konflikt, so ist das eine Handlung des Willens, ist also Konzentration. Wenn Sie sich konzentrieren, das heisst, wenn Sie Ihre ganze Energie und Ihr Denken innerhalb der ausgewählten Begrenzung einsetzen, sei es, dass Sie ein Buch lesen oder Ihren Ärger beobachten, dann wird in dieser Ausschliesslichkeit das Objekt, auf das Sie sich konzentrieren, gestärkt, genährt. Wir müssen hier also die Natur des Gewahrseins verstehen, wir müssen verstehen, worüber wir sprechen, wenn wir das Wort Gewahrsein gebrauchen. Nun, Sie können entweder ein bestimmtes Objekt wahrnehmen oder dieses als Teil des Ganzen sehen. Das Besondere für sich allein hat wenig Bedeutung, aber wenn Sie das Ganze sehen, dann hat das Besondere eine Beziehung zum Ganzen. Nur in dieser Beziehung hat das Besondere seine richtige Bedeutung; es wird nicht übergewichtig, es wird nicht überbewertet. So ist die wirkliche Frage, ob man den ganzen Lebensprozess sieht oder ob man auf das einzelne konzentriert ist, womit man den Gesamtbereich des Lebens nicht erfasst. Des gesamten Bereichs gewahr zu sein, heisst auch das Besondere zu sehen, aber gleichzeitig dessen Beziehung zum Ganzen zu verstehen. Wenn Sie ärgerlich sind und nur an der Beendigung dieses Ärgers interessiert sind, dann konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Ärger, und das Ganze entschlüpft Ihnen, und der Ärger wird verstärkt. Aber der Ärger steht zu dem Ganzen in Wechselbeziehung. Wenn wir daher das Einzelne vom Ganzen trennen, brütet das Einzelne seine eigenen Probleme aus. 

Fragender: Was meinen Sie damit, das Ganze zu sehen? Was ist diese Ganzheit, über die Sie sprechen, dieses umfassende Gewahrsein, in dem das Besondere ein Einzelteil ist? Ist es eine mysteriöse, mystische Erfahrung? Wenn es das ist, sind wir völlig verloren. Oder meinen Sie vielleicht, dass es einen Gesamtbereich des Daseins gibt, von dem der Ärger ein Teil ist, und dass die umfassende Wahrnehmung blockiert wird, wenn man sich mit dem Teil beschäftigt? Aber was ist diese umfassende Wahrnehmung? Ich kann das Ganze doch nur durch alle seine Einzelheiten sehen, und welches Ganze meinen Sie? Sprechen Sie über das Ganze des Geistes oder das Ganze des Daseins oder das Ganze meines Selbst oder das Ganze des Lebens? Welches Ganze meinen Sie, und wie kann ich es sehen?

Krishnamurti: Den ganzen Bereich des Lebens: den Geist, die Liebe, jegliches Ding, das es im Leben gibt.

Fragender: Wie ist es für mich möglich, das alles zu sehen? Ich kann verstehen, dass alles, was ich sehe, partiell ist, und dass mein ganzes Gewahrsein ein Wahrnehmen der Einzelheiten ist und dass dadurch das einzelne verstärkt wird. 

Krishnamurti: Wir wollen es auf diese Weise ausdrücken: Nehmen Sie mit Ihrem Geist und Ihrem Herzen getrennt wahr, oder ist Ihr Sehen, Hören, Fühlen, Denken ein Ganzes und nicht bruchstückhaft?

Fragender: Ich weiß nicht, was Sie meinen.

Krishnamurti: Sie hören ein Wort, Ihr Verstand sagt Ihnen, dass es eine Beleidigung ist, Ihr Gefühl sagt Ihnen, dass Sie das nicht mögen, Ihr Verstand mischt sich wiederum ein, um zu kontrollieren oder zu rechtfertigen und so weiter. Und wo der Verstand einen Schlussstrich gezogen hat, übernimmt wiederum das Gefühl die Führung. Auf diese Weise entfesselt ein Ereignis eine Kettenreaktion in verschiedenen Bereichen Ihres Wesens. Was Sie hören, wurde zerbrochen, wurde zerstückelt, und wenn Sie sich auf eines dieser Fragmente konzentrieren, verfehlen Sie den totalen Prozess des Hörens. Hören kann fragmentarisch oder es kann total sein, kann mit Ihrem ganzen Sein geschehen. Mit der Wahrnehmung des Ganzen meinen wir also eine Wahrnehmung mit Ihren Augen, Ihren Ohren, Ihrem Herzen, Ihrem Geist, nicht eine Wahrnehmung mit jedem Organ einzeln. Es bedeutet, Ihre vollkommene Achtsamkeit hinzuwenden. In dieser Achtsamkeit hat das Besondere, wie zum Beispiel der Ärger, eine ganz andere Bedeutung, da er in Wechselbeziehung zu vielen anderen Problemen steht. 

Fragender: Wenn Sie davon sprechen, das Ganze zu sehen, meinen Sie ein Sehen mit dem ganzen Sein; es ist eine Frage der Qualität, nicht der Quantität. Ist das richtig?

Krishnamurti: Ja, genau. Aber sehen Sie ganz und gar auf diese Art, oder formulieren Sie es nur? Sehen Sie den Ärger mit Ihrem Herzen, Ihrem Geist, Ihren Ohren und Augen? Oder sehen Sie den Ärger als etwas, das keine Beziehung zu dem hat, was sonst noch in Ihnen ist, wodurch er so große Bedeutung erlangt? Wenn Sie hingegen dem Ganzen Bedeutung geben, vergessen Sie das Besondere nicht.

Fragender: Aber was geschieht mit dem Besonderen, dem Ärger?

Krishnamurti: Sie nehmen den Ärger mit Ihrem ganzen Wesen wahr. Wenn Sie es tun, ist da noch Ärger? Unachtsamkeit ist Ärger, Achtsamkeit nicht. Wenn Sie also mit Ihrem ganzen Wesen achtsam sind, sehen Sie das Ganze, wenn Sie hingegen unachtsam sind, sehen Sie nur das Einzelne. Des Ganzen und des Einzelnen gewahr zu sein und der Beziehung zwischen den beiden: das ist das Problem. Wir trennen das einzelne von dem übrigen und versuchen es zu lösen; dadurch vergrößert sich der Konflikt, und es gibt keinen Weg da heraus.

Fragender: Wenn Sie also davon sprechen, nur das einzelne, zum Beispiel den Ärger zu sehen, meinen Sie, dass wir dann nur mit einem Teil unseres Seins darauf schauen?

Krishnamurti: Wenn Sie auf das einzelne mit einem Teil Ihres Seins schauen, dann erweitert sich die Kluft zwischen diesem einzelnen und dem Teilstück, das darauf schaut, und dadurch vergrößert sich der Konflikt. Wenn es keine Trennung gibt, ist kein Konflikt da.

Fragender: Meinen Sie, dass es zwischen dem Ärger und mir keine Trennung gibt, wenn ich mit meinem ganzen Sein darauf schaue?

Krishnamurti: Genau. Tun Sie das tatsächlich oder reden Sie nur so? Was geschieht tatsächlich? Das ist weit wichtiger als Ihre Frage.

Fragender: Sie fragen mich, was geschieht. Ich versuche einfach, Sie zu verstehen.

Krishnamurti: Versuchen Sie, mich zu verstehen oder sehen Sie die Wahrheit dessen, worüber wir sprechen – was mit mir gar nichts zu tun hat? Wenn Sie tatsächlich die Wahrheit dessen sehen, worüber wir sprechen, dann sind Sie Ihr eigener Guru und Ihr eigener Schüler, und das heißt, dass Sie sich selbst verstehen. Dieses Verstehen kann nicht von einem anderen gelernt werden.