Moral

Fragender: Was bedeutet es, tugendhaft zu sein? Was lässt uns rechtschaffen handeln? Welche Grundlage hat die Moral? Wie kann ich wissen, was Tugend ist, ohne um sie zu kämpfen? Ist es ein Endzustand?

Krishnamurti: Können wir die Moral der Gesellschaft, die in Wirklichkeit völlig unmoralisch ist, ausschalten? Deren Moral ist konventionell geworden, bestätigt durch religiöse Sanktionen: und die Moral einer Gegenrevolution wird auch sehr bald ebenso unmoralisch und konventionell werden wie die der fest etablierten Gesellschaft. Mit dieser Moral zieht man in den Krieg, tötet man, ist aggressiv, sucht Macht und gibt dem Hass nach; sie umfasst die ganze Grausamkeit und Ungerechtigkeit der geltenden Autorität. Das hat nichts mit Moral zu tun. Aber kann man wirklich sagen, dass es keine Moral ist? Denn wir sind ja Teil dieser Gesellschaft, ob wir dessen bewusst sind, oder nicht. Die Gesellschaftsmoral ist unsere Moral, und können wir sie leichthin beiseite tun? Die Leichtigkeit, mit der wir uns davon lossagen, ist das Kennzeichen unserer Moral – nicht die Anstrengung, die es uns kostet, uns von ihr zu trennen, nicht die Belohnung, nicht die Bestrafung für diese Anstrengung, sondern die völlige Leichtigkeit, mit der wir sie fallen lassen. Wenn unser Verhalten durch die Umwelt, in der wir leben, gelenkt wird, durch sie kontrolliert und geformt wird, dann ist dieses Verhalten mechanisch und schwer belastet. Wenn unser Verhalten das Ergebnis unserer beschränkten Reaktion ist, ist das Moral? Wenn Ihre Handlung auf Furcht und Belohnung basiert, ist sie dann rechtschaffen? Wenn Sie sich korrekt nach irgendeinem ideologischen Konzept oder Prinzip ausrichten, kann diese Handlung als tugendhaft betrachtet werden? So müssen wir damit anfangen herauszufinden, wie weitgehend wir die Moral der Autorität, der Nachahmung, der Gleichschaltung und des Gehorsams aufgegeben haben. Ist nicht Furcht die Basis unserer Moral? Wenn man sich diese Fragen nicht selbst grundlegend beantwortet, kann man nicht wissen, was es bedeutet, wahrhaft tugendhaft zu sein. Wie wir sagten, ist es von größter Bedeutung, mit welcher Mühelosigkeit Sie aus dieser Heuchelei herauskommen. Wenn Sie sie nur ignorieren, zeigt das nicht an, dass Sie moralisch sind; Sie sind vielleicht nur Psychopath. Wenn Sie ein Leben der Routine und Zufriedenheit führen, liegt darin auch keine Moral. Die Moral des Heiligen, der sich der fest fundierten Tradition der Heiligkeit anpasst und sich zu ihr bekennt, ist offensichtlich keine Moral. So kann man sehen, dass jede Anpassung an eine Norm, ob sie nun durch die Tradition sanktioniert ist oder nicht, keine lautere Lebenshaltung ist. Nur aus der Freiheit kann Tugend kommen. Kann man sich mit großer Einsicht aus diesem Netzwerk befreien, das für moralisch gehalten wird? Einsichtige Handlung kommt aus der Freiheit und ebenso die Tugend.

Fragender: Kann ich mich von der Gesellschaftsmoral ohne Furcht befreien – mit jener Intelligenz, die Einsicht ist? Ich fürchte mich vor der Vorstellung, von  der Gesellschaft als unmoralisch betrachtet zu werden. Die Jugend kann das tun, aber ich stehe im mittleren Alter und habe eine Familie, und mir liegt die Achtbarkeit, der Geist des Bürgerlichen im Blut. Es ist so, und ich fürchte mich.

Krishnamurti: Entweder nehmen Sie die Gesellschaftsmoral an, oder Sie lehnen sie ab. Sie können nicht auf beiden Seiten stehen. Sie können nicht einen Fuß in der Hölle und den anderen im Himmel haben.

Fragender: Was soll ich also tun? Ich sehe jetzt, was Moral ist und lebe dennoch jederzeit unmoralisch. Je älter ich werde, um so heuchlerischer werde ich. Ich verachte die Gesellschaftsmoral und begehre dennoch ihre Vorteile, ihren Komfort, ihre Sicherheit, psychologisch und materiell, und die Gepflegtheit eines guten Auftretens. Das ist mein wirklicher, jämmerlicher Zustand. Was soll ich tun?

Krishnamurti: Sie können nichts tun als weiterzuleben wie bisher. Es ist weit besser, Schluss zu machen mit dem Versuch, moralisch zu sein und Schluss zu machen mit dem Versuch, sich mit der Tugend zu befassen. 

Fragender: Aber das kann ich nicht; ich verlange nach dem anderen! Ich sehe die Schönheit und die Kraft darin und die Sauberkeit. Das, woran ich festhalte, ist schmutzig und hässlich, aber ich kann es nicht lassen.

Krishnamurti: Dann gibt s kein Problem. Sie können nicht Tugend und Achtbarkeit haben. Tugend ist Freiheit. Freiheit ist keine Idee, kein Begriff. Wo Freiheit ist, ist Achtsamkeit, und nur in dieser Achtsamkeit kann das Gute gedeihen.