Disziplin

Fragender: Ich bin in einer eng begrenzten Umwelt aufgewachsen, in strenger Disziplin, nicht nur hinsichtlich des äußeren Verhaltens, vielmehr wurde ich auch angehalten, mich selbst zu disziplinieren, meine Gedanken und Gelüste zu kontrollieren und bestimmte Dinge regelmäßig zu tun. Das Resultat ist, dass ich mich so eingeengt fühle, dass ich nichts leicht, unbeschwert und frohen Herzens tun kann. Wenn ich sehe, was um mich herum in dieser Gesellschaft geschieht, die alles zulässt – die Schlampigkeit, den Schmutz, das nachlässige Benehmen, die Gleichgültigkeit gegen gute Sitten, bin ich schockiert, obgleich ich zur gleichen Zeit heimlich wünsche, selbst etwas von diesen Dingen zu tun. Die Disziplin hat gewisse Werte gesetzt, wenngleich sie Frustrationen und Verzerrung mit sich brachte; aber sicherlich ist eine gewisse Disziplin notwendig – zum Beispiel schicklich zu sitzen, zu essen wie es sich gehört, mit Sorgfalt zu sprechen. Ohne Disziplin kann man die Schönheiten der Musik, der Literatur oder der Malerei nicht empfinden. Gute Manieren und Schulung lassen im täglichen gesellschaftlichen Verkehr viele Nuancen sichtbar werden. Wenn ich die moderne Generation beobachte, besitzen diese Menschen die Schönheit der Jugend; aber ohne Disziplin wird sie bald dahinschwinden, und sie werden ziemlich unangenehme alte Männer und Frauen werden. Es liegt etwas Tragisches darin. Man sieht einen jungen Menschen, geschmeidig, voller Eifer, schön, mit klaren Augen und einem freundlichen Lächeln, und einige Jahre später sieht man ihn wieder, und er ist fast nicht wieder zu erkennen – nachlässig, abgestumpft, gleichgültig, voller Plattitüden, höchst ehrbar, streng, hässlich, verschlossen und sentimental. Sicherlich würde Disziplin ihn gerettet haben. Ich, der ich fast bis an die Grenze des Ertragbaren diszipliniert worden bin, würde gerne wissen, wo der mittlere Weg liegt zwischen dieser freizügigen Gesellschaft und der Kultur, in der ich erzogen worden bin. Gibt es nicht eine Möglichkeit, ohne die Verformung und Verkümmerung der Disziplin zu leben und dennoch im Geiste höchst diszipliniert zu sein? 

Krishnamurti: Disziplin bedeutet zu lernen; sie bedeutet nicht, sich anzupassen, zu unterdrücken, das Vorbild nachzuahmen, das eine anerkannte Autorität für edel hält. Das ist eine sehr komplexe Frage, weil verschiedene Dinge darin enthalten sind: zu lernen, einfach zu sein, frei zu sein, sensitiv zu sein und die Schönheit der Liebe zu sehen.

Im Lernen gibt es kein Anhäufen. Wissen ist etwas anderes als Lernen. Wissen ist Anhäufung, Schlussfolgerung, festgelegte Formel, aber Lernen ist eine ständige Bewegung, eine Bewegung ohne ein Zentrum, ohne einen Anfang oder ein Ende. Um sich selbst kennenzulernen, darf es dabei kein Anhäufen geben. Wenn man aufspeichert, ist es kein Lernen über sich selbst, sondern man fügt nur zu dem angesammelten Wissen über sich etwas hinzu. Lernen ist die Freiheit der Wahrnehmung, des Sehens. Und Sie können nicht lernen, wenn Sie nicht frei sind. So ist dieses Lernen Disziplin an sich – Sie brauchen sich nicht zu disziplinieren und dann lernen. Darum ist Disziplin Freiheit und verneint alle Gleichschaltung und Kontrolle, denn Kontrolle ist die Nachahmung einer Schablone. Eine Schablone ist Unterdrückung, Unterdrückung dessen »was ist«, und das Erfahren dessen »was ist« wird unmöglich gemacht, wenn es eine Formulierung gibt für das, was gut ist, und das, was schlecht ist. Das Lernen über das »was ist« ist die Freiheit von dem »was ist«. So ist Lernen die höchste Form der Disziplin. Lernen verlangt Intelligenz und Sensitivität. 

Die Einfachheit, die Strenge des Priesters und des Mönchs ist hart. Sie verneinen bestimmte Triebe, aber nicht solche, die Gewohnheit entschuldigt hat. Der Heilige ist der Triumph harter Gewalt. Strenge wird im allgemeinen gleichgesetzt mit der Selbstverleugnung durch die Brutalität der Disziplin, des Drills und der Gleichschaltung. Der Heilige versucht gleich dem Athleten einen Rekord zu brechen. Das Unrichtige daran zu sehen, erzeugt seine eigene Strenge. Der Heilige ist stumpf und talmihaft. Das einzusehen ist Intelligenz. Solche Intelligenz wird nicht aus dem Gleichgewicht geraten und in das entgegengesetzte Extrem verfallen. Intelligenz ist die Sensitivität, die versteht und daher die Extreme vermeidet. Aber sie ist nicht die berechnende Mittelmäßigkeit, die auf halbem Wege zwischen den beiden stehen bleibt. Das alles klar zu sehen heißt darüber zu lernen. Um es kennen zu lernen, muss man von allen Festlegungen und Vorurteilen frei sein. Solche Festlegungen und Vorurteile sind Beobachtungen von einem Zentrum aus, dem Selbst, das bestimmt und dirigiert.

Fragender: Sagen Sie damit nicht einfach, dass man objektiv sein muss, um richtig zu schauen?

Krishnamurti: Ja, aber das Wort objektiv reicht nicht aus. Das, worüber wir sprechen, ist nicht die harte Objektivität des Mikroskops, sondern ein Zustand, in dem es Mitleid, Sensitivität und Tiefe gibt. Disziplin ist, wie wir sagten, Lernen, und über Strenge zu lernen, erzeugt keine Gewalttätigkeit gegen sich oder andere. Disziplin, wie sie im allgemeinen verstanden wird, ist ein Akt des Willens und ist damit Gewaltsamkeit.

Die Menschen in der ganzen Welt scheinen zu glauben, dass Freiheit die Frucht anhaltender Disziplin ist. Klar zu sehen ist an sich Disziplin. Um klar zu sehen, ist Freiheit erforderlich, nicht ein gesteuertes Wunschbild. So liegt Freiheit nicht am Ende der Disziplin, sondern das Verstehen der Freiheit ist Disziplin. Die beiden gehen untrennbar zusammen; wenn man sie trennt, ist Konflikt da. Um diesen Konflikt zu überwinden, tritt der Wille in Aktion und erzeugt weiteren Konflikt. Das ist eine endlose Kette. So ist Freiheit am Anfang und nicht am Ende: der Anfang ist das Ende. Das alles verstehen zu lernen ist Disziplin. Das Lernen verlangt Sensitivität. Wenn Sie nicht vor sich selbst, vor Ihrer Umwelt, vor Ihren Freunden und Bekannten sensitiv sind – wenn Sie nicht feinfühlig vor dem sind, was um Sie herum geschieht, in der Küche oder in der Welt, dann werden Sie so sehr Sie sich auch selbst disziplinieren mögen, nur immer unempfindlicher, immer egozentrischer –, und das ruft unzählige Probleme hervor. Zu lernen heißt gegenüber sich selbst und der Welt draußen sensitiv zu sein, denn die Welt draußen sind Sie. Wenn Sie im Hinblick auf sich selbst sensitiv sind, sind Sie es gezwungenermaßen auch gegenüber der Welt. Diese Sensitivität ist die höchste Form der Intelligenz. Es ist nicht die Sensitivität eines Spezialisten, des Arztes, des Wissenschaftlers oder des Künstlers. Solche Zerstückelung bringt keine Sensitivität hervor.

Wie kann man lieben, wenn man nicht sensitiv ist? Sentimentalität und Gefühlsschwelgerei schließen die Sensitivität aus, weil sie schrecklich grausam sind: sie sind für die Kriege verantwortlich. So ist Disziplin nicht der Drill des Sergeanten, sei es auf dem Exerzierplatz oder in Ihnen selbst – das ist Zwang. Den ganzen Tag zu lernen und auch während des Schlafes, das trägt seine eigene ungewöhnliche Disziplin in sich, die so zart ist wie das frische Frühlingsblatt und so schnell wie das Licht. Darin ist Liebe. Liebe hat ihre eigene Disziplin, deren Schönheit einem Menschen entgeht, der gedrillt, geformt, gequält, kontrolliert wird. Ohne eine solche Disziplin kann der Mensch nicht sehr weit kommen.