Was ist

Fragender: Ich habe mich sehr viel mit Philosophie, Psychologie, Religion und Politik beschäftigt, die alle mehr oder weniger die menschlichen Beziehungen zum Gegenstand haben. Ich habe auch Ihre Bücher gelesen, die sich alle mit Gedanken und Ideen befassen, und irgendwie habe ich das alles satt. Ich bin in einem Ozean von Worten geschwommen, und wo immer ich gehe, sind es nur mehr Worte – und von diesen Worten abgeleitet werden mir Handlungen empfohlen: Ratschläge, Ermahnungen, Versprechungen, Theorien, Analysen, Hilfsmittel. Natürlich tut man das alles beiseite – Sie haben es ja selbst getan. Aber für die meisten Menschen, die Sie gelesen oder gehört haben, sind das, was Sie sagen, bloße Worte. Es mag Menschen geben, für die das alles mehr bedeutet als Worte, für die es äusserst real ist, aber ich spreche von uns übrigen. Ich würde gern über das Wort, über die Idee hinausgelangen und in einer totalen Beziehung zu allen Dingen leben. Denn schließlich ist das das Leben. Sie haben gesagt, dass man sein eigener Lehrer und Schüler sein muss. Kann ich in grösster Einfachheit, ohne Prinzipien, Glaubenssätze und Ideale leben? Kann ich frei leben, wohl wissend, dass ich in die Welt verstrickt bin? Krisen klopfen nicht vor ihrem Erscheinen an die Tür: Herausforderungen des täglichen Lebens sind da, bevor man ihrer gewahr ist. Wenn man das alles weiss, wenn man in viele dieser Dinge verstrickt war, verschiedenen Phantomen nachjagend, frage ich mich, wie ich richtig und mit Liebe in Klarheit und anstrengungsloser Freude leben kann. Ich frage nicht nach dem wie, sondern nach dem Leben; das »wie« verneint das aktuelle Leben. Ein adeliges Leben übt sich nicht im Adel. 

Krishnamurti: Nachdem Sie das alles festgestellt haben, wo sind Sie? Möchten Sie wirklich ein gesegnetes und liebevolles Leben führen? Wenn ja, wo liegt dann das Problem?

Fragender: Ich wünsche es wirklich, aber irgendwie gelingt es mir nicht. Ich habe seit Jahren das Verlangen, so zu leben, aber ich kann es nicht. 

Krishnamurti: Obgleich Sie das Ideal, den Glauben und die Vorschriften ablehnen, stellen Sie spitzfindig und verschlagen dieselben Fragen, die jeder stellt: das ist der Konflikt zwischen dem »was ist« und dem »was sein sollte«.

Fragender: Selbst ohne das »was sein sollte« sehe ich, dass das »was ist« hässlich ist. Mich selbst zu betrügen, indem ich es nicht sehe, wäre noch schlimmer. 

Krishnamurti: Wenn Sie sehen »was ist«, dann sehen Sie das Universum, und das »was ist« zu verneinen, ist der Ursprung des Konflikts. Die Schönheit des Universums liegt in dem »was ist«; und mit dem »was ist« ohne Anstrengung zu leben, ist Tugend.

Fragender: Das »was ist« schliesst auch Verwirrung, Gewalt, jede Art menschlicher Abirrung ein. Damit zu leben ist also das, was Sie Tugend nennen. Aber ist das nicht Gefühllosigkeit, Verrücktheit? Vollkommenheit besteht nicht einfach darin, alle Ideale abfallen zu lassen! Das Leben verlangt, dass ich es schön lebe gleich dem Adler in den Lüften. Das Wunder des Lebens nicht in seiner vollen Schönheit zu leben, ist unannehmbar. 

Krishnamurti: Dann leben Sie es!

Fragender: Ich kann es nicht, und ich tue es nicht.

Krishnamurti: Wenn Sie es nicht können, dann leben Sie doch weiter in Verwirrung und schlagen Sie sich nicht damit herum. Da Sie das ganze Elend kennen, leben Sie doch damit: das ist das »was ist«. Und damit ohne Konflikt zu leben befreit uns davon. 

Fragender: Wollen Sie damit sagen, dass unser einziger Fehler darin besteht, selbstkritisch zu sein?

Krishnamurti: Durchaus nicht. Sie sind nicht kritisch genug! Sie gehen in Ihrer Selbstkritik nicht weit genug. Eben dieses Wesen, das kritisiert, muss kritisiert, muss geprüft werden. Wenn die Prüfung ein Vergleichen ist, ein Prüfen mit der Elle, dann ist diese Elle das Ideal. Wenn es überhaupt keinen Maßstab gibt – mit anderen Worten, wenn es keinen Verstand gibt, der immer vergleicht und misst –, können Sie das »was ist« betrachten, und dann ist das »was ist« nicht länger dasselbe. 

Fragender: Ich beobachte mich ohne einen Meßstab und bin weiterhin hässlich. 

Krishnamurti: Alles Prüfen bedeutet, dass ein Meßstab da ist. Aber ist es möglich, so zu beobachten, dass nur beobachtet, nur gesehen wird und nichts sonst – so dass nur Wahrnehmung da ist ohne einen Wahrnehmenden?

Fragender: Was meinen Sie?

Krishnamurti: Da ist das unmittelbare Schauen. Das bewertende Schauen ist Einmischung, ist Verzerrung: das ist kein Schauen; es ist vielmehr ein abschätzendes Schauen – die beiden sind verschiedenartig wie Kreide und Käse. Können Sie sich selbst wahrnehmen ohne Verzerrung, nur sich selbst absolut wahrnehmen so wie Sie sind?

Fragender: Ja.

Krishnamurti: Gibt es in dieser Wahrnehmung Hässlichkeit?

Fragender: In der Wahrnehmung liegt keine Hässlichkeit, nur in dem, was wahrgenommen wird.

Krishnamurti: Die Art wie Sie wahrnehmen, ist das, was Sie sind. Im reinen Schauen liegt die Redlichkeit, das heisst die Achtsamkeit, die ohne Entstellung durch Wertung und Idee ist. Sie kamen, um zu erforschen, wie Sie in Schönheit und mit Liebe leben können. Ohne Verzerrung zu schauen ist Liebe, und die Handlung dieser Wahrnehmung ist die Handlung der Tugend. Diese Klarheit der Wahrnehmung wird jederzeit im Leben handeln. Das bedeutet, gleich dem Adler in den Lüften zu leben; das heisst in Schönheit und voller Liebe zu leben.