Leiden

Fragender: Ich glaube, dass ich in meinem ganzen Leben sehr viel gelitten habe, nicht körperlich, sondern durch Tod und Einsamkeit und die absolute Nutzlosigkeit meines Daseins. Ich hatte einen Sohn, den ich sehr liebte; er starb durch einen Unfall. Meine Frau verließ mich, und das verursachte mir sehr viel Schmerz. Ich vermute, dass ich bin wie tausend andere Menschen der Mittelklasse mit genügend Geld und fester Arbeit. Ich beklage mich nicht über meine Umstände, aber ich möchte verstehen, was das Leid bedeutet, warum es überhaupt entsteht. Es ist gesagt worden, dass aus dem Leid Weisheit kommt, aber ich habe genau das Gegenteil gefunden.

Krishnamurti: Ich möchte wissen, was Sie vom Leiden gelernt haben. Haben Sie überhaupt etwas gelernt? Was hat das Leid Sie gelehrt?

Fragender: Sicherlich hat es mich gelehrt, niemals den Menschen verhaftet zu sein; es hat mir eine gewisse Verbitterung, eine gewisse Zurückhaltung beigebracht und mich gelehrt, meinen Gefühlen nicht zu erlauben, mit mir durchzugehen. Es hat mich gelehrt, sorgfältig darauf zu achten, nicht wiederum verletzt zu werden. 

Krishnamurti: So hat es Sie, wie Sie sagen, nicht Weisheit gelehrt; im Gegenteil, es hat Sie klüger, empfindungsloser gemacht. Lehrt das Leid überhaupt etwas, ausgenommen die Reaktionen, die offensichtlich dem Selbstschutz dienen?

Fragender: Ich habe das Leid immer als Teil meines Lebens hingenommen, aber irgendwie fühle ich jetzt, dass ich gerne davon frei sein möchte, frei von der ganzen billigen Bitterkeit und Indifferenz, ohne wiederum durch die Pein der Bindung zu gehen. Mein Leben ist so sinnlos und leer, völlig abgekapselt und unbedeutend. Es ist ein Leben der Mittelmäßigkeit, und vielleicht ist diese Mittelmäßigkeit das größte Leid von allem.

Krishnamurti: Es gibt das persönliche Leid und das Leid der Welt. Es gibt das Leid der Unwissenheit und das Leid der Zeit. Unwissenheit ist der Mangel an Selbsterkenntnis, und das Leid der Zeit ist die Täuschung, dass die Zeit heilen, versöhnen und verwandeln kann. Die meisten Menschen sind in dieser Täuschung befangen und beten entweder das Leid an oder erklären es hinweg. Aber in jedem Fall besteht es weiter, und man fragt sich nie, ob es aufhören kann.

Fragender: Aber ich frage jetzt, ob es zu einem Ende kommen kann und wie. Wie kann ich es enden? Ich verstehe, dass es keinen Zweck hat, davor davonzulaufen oder ihm mit Bitterkeit und Zynismus Widerstand zu leisten. Was soll ich tun, um den Kummer zu beenden, den ich so lange mit mir herumgetragen habe? 

Krishnamurti: Selbstbemitleidung ist eines der Elemente des Leidens. Ein anderes Element ist, von jemandem abhängig zu sein und seine Bindung an Sie zu nähren und ihn darin zu bestärken. Leid ist nicht nur vorhanden, wenn eine Bindung Sie enttäuscht, sondern sein Keim liegt schon im Anfang dieser Verhaftung. Die Schwierigkeit darin liegt in dem völligen Mangel an Selbsterkenntnis. Sich selbst zu kennen ist das Ende des Leides. Wir scheuen uns davor, uns selbst zu erkennen, weil wir uns eingeteilt haben in das Gute und das Schlechte, das Böse und das Edle, das Reine und das Unreine. Das Gute urteilt ständig über das Schlechte, und diese Fragmente befinden sich im Krieg miteinander. Dieser Krieg ist Leid. Den Krieg zu beenden heißt die Tatsache zu sehen und nicht ihren Gegensatz zu erfinden, denn die Gegensätze bedingen einander. In diesem Engpass der Gegensätze herumzuspazieren ist Leid. Diese Zerstückelung des Lebens in das Hohe und das Niedere, das Edle und das Unedle, in Gott und den Teufel erzeugt Konflikt und Schmerz. Wo Leid ist, gibt es keine Liebe. Liebe und Leid können nicht zusammen existieren. 

Fragender: Ah! Aber Liebe kann einem anderen Leid zufügen. Ich mag jemanden lieben und ihm doch Leid bringen.

Krishnamurti: Bringen Sie es, wenn Sie lieben, oder tut er es? Wenn ein anderer Ihnen verhaftet ist, mit oder ohne Ermutigung, und Sie wenden sich von ihm ab, und er leidet, sind Sie es oder ist er es, der dieses Leid hervorgerufen hat?

Fragender: Sie meinen, dass ich für das Leid eines anderen nicht verantwortlich bin, selbst wenn ich die Ursache bin? Wie soll das Leid dann jemals enden?

Krishnamurti: Wie wir gesagt haben, hört das Leid nur auf, wenn man sich vollkommen kennt. Kennen Sie sich selbst auf den ersten Blick oder hoffen Sie darauf nach einer langen Analyse? Durch Analyse können Sie sich nicht kennen lernen. Sie können sich nur ohne aufgespeichertes Wissen kennen lernen, in Ihren Beziehungen von Augenblick zu Augenblick. Das bedeutet, dass man wahrnehmen muss, was tatsächlich geschieht – ohne wertende Unterscheidung. Es bedeutet, sich zu sehen wie man ist, ohne den Gegensatz, das Ideal, ohne das Wissen darum, was man gewesen ist. Wenn Sie mit Augen voller Groll und Erbitterung auf sich schauen, dann ist das was Sie sehen, durch die Vergangenheit gefärbt. Das ständige Abwerfen der Vergangenheit, wann immer Sie sich sehen, ist die Freiheit von der Vergangenheit. Das Leid endet nur im Licht des Verstehens. Und dieses Licht wird nicht durch eine Erfahrung oder durch ein Aufblitzen des Verstehens entzündet; dieses Verstehen entzündet sich jederzeit selbst. Niemand kann es Ihnen geben – kein Buch, kein Trick, kein Lehrer oder Erlöser. Sich selbst zu verstehen ist das Ende des Leides.