Herz und Geist

Fragender: Warum hat sich der Mensch in verschiedene Bereiche eingeteilt – in den Intellekt und die Gefühle? Jedes scheint unabhängig von dem anderen zu existieren. Diese beiden treibenden Kräfte im Leben widersprechen so oft einander, dass sie das Gefüge unseres Seins auseinanderzureißen scheinen. Beide zusammenzubringen, so dass der Mensch als eine totale Einheit handeln kann, war immer eines der Hauptziele des Lebens. Zusätzlich zu diesen beiden Dingen im Menschen ist da ein Drittes, und das ist seine veränderliche Umwelt. So stehen diese beiden gegensätzlichen Dinge in ihm überdies in Opposition zu dem dritten, das außerhalb von ihm zu sein scheint. Hier ist ein Problem, so verwirrend, so widerspruchsvoll, so gewaltig, dass der Intellekt, um sie zusammenzubringen, eine auswärtige Kraft erfindet, die er Gott nennt. Und das wiederum kompliziert das Ganze. Es gibt nur dieses eine Problem im Leben. 

Krishnamurti: Sie scheinen von Ihren eigenen Worten davongetragen zu werden. Ist das für Sie wirklich ein Problem, oder erfinden Sie es, um eine gute Diskussion zu haben? Wenn es um eine Diskussion geht, dann hat es keinen wahren Wert. Aber wenn es ein wirkliches Problem ist, dann können wir es gründlich untersuchen. Hier besteht eine sehr komplexe Situation: das Innere, das sich selbst in verschiedene Bereiche aufteilt und sich ferner von seiner Umwelt abspaltet; zusätzlich teilt es die Umwelt, Gesellschaft genannt, in Klassen, Rassen und ökonomische, nationale und geographische Gruppen ein. Das scheint gegenwärtig in der Welt vor sich zu gehen, und wir nennen es das Leben. Da wir unfähig sind, dieses Problem zu lösen, erfinden wir ein Superwesen, eine äußere Kraft, von der wir hoffen, dass sie Harmonie und ein bindendes Element in uns und zwischen uns hervorbringen wird. Dieses bindende Element, das wir Religion nennen, bringt seinerseits einen anderen trennenden Faktor hervor. So entsteht die Frage: wodurch wird eine vollkommene Harmonie des Lebens ermöglicht, in der es keine Einteilungen gibt, sondern einen Zustand, in dem sowohl der Intellekt als auch das Herz der Ausdruck eines totalen Wesens sind? Dieses Wesen ist kein Fragment. 

Fragender: Ich stimme mit Ihnen überein, aber wie soll das zustande gebracht werden? Danach hat der Mensch immer verlangt und hat es in allen Religionen und allen politischen und sozialen Utopien gesucht. 

Krishnamurti: Sie fragen »wie«. Das »wie« ist das große Missverständnis. Es ist der trennende Faktor. Da ist Ihr »wie« und mein »wie« und das »wie« eines anderen. Wenn wir niemals dieses Wort gebrauchten, würden wir wirklich forschen und nicht eine Methode suchen, um ein bestimmtes Resultat zu erreichen. Können Sie also diese Vorstellung eines Rezeptes, eines Resultates völlig beiseite tun? Wenn Sie ein Resultat genau bezeichnen können, kennen Sie es bereits, und daher ist es bedingt und nicht unabhängig. Wenn wir das Rezept beiseite tun, dann sind wir beide fähig zu erforschen, ob es überhaupt möglich ist, ein harmonisches Ganzes zu schaffen, ohne eine auswärtige Kraft zu erfinden; denn alle auswärtigen Hilfsquellen, ob sie aus der Umwelt stammen oder überdimensional sind, vergrößern nur das Problem. Vor allem ist es der Verstand, der sich selbst als Gefühl, Intellekt und Umwelt aufteilt; es ist der Verstand, der die äußere Hilfe erfindet; es ist der Denker, der das Problem schafft.

Fragender: Diese Einteilung liegt nicht nur im Verstand; sie ist noch stärker in den Gefühlen vorhanden. Die Moslems und Hindus denken sich nicht getrennt, sie fühlen sich getrennt, und es ist dieses Gefühl, das sie tatsächlich getrennt sein lässt und sie dazu bringt, sich gegenseitig zu zerstören.

Krishnamurti: Genau: Denken und Fühlen sind eins; sie sind von Anbeginn eines gewesen, und genau das haben wir gesagt. So ist unser Problem nicht die Integration der verschiedenen Teile, sondern wir müssen diesen Geist und dieses Herz, die eines sind, verstehen. Unser Problem ist nicht, wie wir uns von den Klassen befreien oder wie wir bessere Utopien aufbauen oder bessere politische Führer oder neue religiöse Lehrer hervorbringen. Unser Problem ist der Mensch. Zu diesem Kernpunkt zu gelangen, nicht theoretisch, sondern ihn tatsächlich zu sehen, ist die höchste Form der Intelligenz. Denn dann gehören Sie keiner Klasse oder religiösen Gruppe an; dann sind Sie kein Moslem, kein Hindu, kein Jude oder Christ. So haben wir jetzt nur ein Problem; warum teilt der Geist des Menschen ein? Er teilt nicht nur seine eigenen Funktionen in Gefühle und Gedanken auf, sondern trennt sich selbst als das »Ich« von dem »Du« und das »Wir« von den »anderen«. Geist und Herz sind eines. Lassen Sie uns das nicht vergessen. Erinnern Sie sich daran, wenn Sie das Wort »Geist« gebrauchen. So ist unser Problem, warum der Geist trennt.

Fragender: Ja!

Krishnamurti: Der Geist ist das Denken. Jede Tätigkeit des Denkens ist Spaltung, Zerstückelung. Gedanken sind das Echo der Erinnerung, das heißt des Gehirns. Das Gehirn muss reagieren, wenn es eine Gefahr sieht. Das ist Intelligenz. Aber dieses selbe Gehirn ist irgendwie so beschaffen, dass es die Gefahr der trennenden Teilung nicht sieht. Seine Handlungen sind wirksam und notwendig, wenn sie sich mit Fakten befassen. So wird es auch intelligent handeln, wenn es die Tatsache sieht, dass Trennung und Zerstückelung eine Gefahr sind. Das ist keine Idee oder Ideologie oder ein Prinzip oder eine Meinung – das alles ist idiotisch und trennend –, es ist eine Tatsache. Um eine Gefahr zu sehen, muss das Gehirn sehr rege und wachsam sein, das ganze Gehirn und nicht nur ein Teil. 

Fragender: Wie ist es möglich, das ganze Gehirn wach zu halten?

Krishnamurti: Wie wir sagten, gibt es kein »wie«, sondern nur das Sehen der Gefahr; darauf allein kommt es an. Das Sehen ist nicht das Resultat von Propaganda oder Voreingenommenheit; am Sehen ist das ganze Gehirn beteiligt. Wenn das Gehirn vollkommen wach ist, dann wird der Geist ruhig. Wenn das Gehirn vollkommen wach ist, gibt es keine Zersplitterung, keine Spaltung, keine Dualität. Die Art dieser Ruhe ist von höchster Bedeutung. Sie können den Geist durch Drogen und alle möglichen Tricks beruhigen, aber solche Betrügereien bringen andere, verschiedenartige Formen der Illusion und des Widerspruchs hervor. Die wahre Ruhe ist höchste Intelligenz, die niemals persönlich oder unpersönlich ist, niemals Ihre oder meine. Anonym zu sein heißt vollkommen und makellos zu sein. Es widersetzt sich allen Beschreibungen, denn es ist ohne Eigenschaften. Das ist Gewahrsein, das ist Achtsamkeit, das ist Liebe, das ist das Höchste. Das Gehirn muss vollkommen wach sein; das ist alles. Wie sich der Mensch im Dschungel äußerst wach halten muss, um zu überleben, so muss sich der Mensch im Dschungel der Welt außerordentlich wach halten, um vollkommen zu leben.