Die Schönheit und der Künstler

Fragender: Ich würde gerne wissen,was ein Künstler ist. Dort, an den Ufern des Ganges sitzt in einem dunklen, kleinen Raum ein Mensch und webt den herrlichsten Sari in Seide und Gold, und in Paris malt ein anderer Mensch in seinem Atelier ein Bild, von dem er hofft, dass es ihm Ruhm bringen werde. Irgendwo lebt da ein Schriftsteller, der kluge Geschichten ausspinnt, in denen er das ewige alte Problem von Mann und Frau behandelt. Dann gibt es den Wissenschaftler in seinem Laboratorium und den Techniker, der eine Million Teile zusammensetzt, damit eine Rakete zum Mond fliegen kann. Und in Indien lebt ein Musiker in großer Einfachheit, um getreulich die höchste Schönheit seiner Musik zu übermitteln. Da ist die Hausfrau, die eine Mahlzeit vorbereitet, und der Dichter, der allein durch die Wälder wandert. Sind sie nicht alle Künstler, jeder in seiner Art? Ich glaube, dass Schönheit in den Händen eines jeden liegt, aber sie wissen es nicht. Der Mann, der schöne Kleider oder ausgezeichnete Schuhe anfertigt, die Frau, die diese Blumen auf Ihrem Tisch anordnete, sie alle scheinen ihre Arbeit in Schönheit zu verrichten. Ich frage mich oft, warum der Maler, der Bildhauer, der Komponist, der Schriftsteller – die sogenannten schöpferischen Künstler – eine so ungewöhnliche Bedeutung in dieser Welt haben und nicht ebenso der Schuhmacher oder der Koch. Sind sie nicht auch schöpferisch? Wenn man alle Varianten der Darstellung betrachtet, die die Menschen als schön bezeichnen, welche Rolle spielt dann ein wahrer Künstler im Leben, und wer ist der wahre Künstler? Es wird gesagt, dass Schönheit das Wesentliche des Lebens ist. Ist jenes Gebäude dort drüben, das als so schön bezeichnet wird, der Ausdruck dieses Wesentlichen? Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie auf diesen ganzen Bereich der Schönheit und des Künstlers eingehen würden. 

Krishnamurti: Sicher ist der Künstler jemand, der für seine Arbeit begabt ist. Sein Tun liegt innerhalb des Lebens und nicht außerhalb. Darum ist die Ausübung seines Könnens tatsächlich das, was den Künstler ausmacht. Diese künstlerische Fähigkeit kann sich während einiger Stunden am Tage auswirken, wenn er ein Instrument spielt, Gedichte schreibt oder Bilder malt, oder sie kann noch etwas wirksamer werden, wenn er auf vielen dieser Teilgebiete begabt ist – gleich jenen großen Menschen der Renaissance, die in mehreren unterschiedlichen Medien arbeiteten. Aber die wenigen Stunden der Musik oder des Schreibens mögen zu seinem übrigen Leben im Widerspruch stehen, das voller Unordnung und Verwirrung ist. Ist nun ein solcher Mensch überhaupt ein Künstler? Der Mensch, der die Violine mit Vollendung spielt und nach Ruhm ausschaut, ist nicht an der Violine interessiert, er nutzt sie nur um des Ruhmes willen aus; das »Ich« ist für ihn weit wichtiger als die Musik, und ebenso ist es mit dem Schriftsteller oder dem Maler, die mit einem Auge nach dem Ruhm ausschauen. Der Musiker identifiziert sein »Ich« mit dem, was er für schöne Musik hält, und der religiöse Mensch identifiziert sein »Ich« mit dem, was er für das Höchste hält. Sie alle sind auf ihren besonderen, kleinen Gebieten begabt, aber der Rest des unermesslichen Lebensbereiches wird missachtet. Darum müssen wir herausfinden, was Kunstfertigkeit in der Handlung, im Leben bedeutet, nicht nur beim Malen oder Schreiben oder in der Technologie, sondern wie man das ganze Leben wie ein Künstler mit Schönheit füllen kann. Sind künstlerisches Tun und Schönheit dasselbe? Kann ein Mensch – ganz gleich, ob er ein Künstler ist oder nicht – sein ganzes Leben künstlerisch und in Schönheit zubringen? Leben ist Handlung, und wenn diese Handlung Leid hervorbringt, hört sie auf, ein Kunstwerk zu sein. Kann also der Mensch ohne Kummer leben, ohne Reibung, ohne Eifersucht und Habgier, ohne Konflikt irgendwelcher Art? Die Frage ist nicht, wer ein Künstler ist und wer nicht, sondern ob der Mensch, Sie oder ein anderer, ohne Qual und Verkrampfung leben kann. Natürlich ist es nicht richtig, große Tonkunst, große Bildhauerkunst, große Dichtkunst oder Tanzkunst zu schmälern oder darüber zu spötteln, das hieße im eigenen Leben unkünstlerisch zu sein. Künstlertum und Schönheit, das heißt Vollendung im Tun, sollten während des ganzen Tages wirksam sein, nicht nur während einiger Stunden. Das ist die eigentliche Herausforderung und nicht nur schön Klavier zu spielen. Wenn man überhaupt Klavier spielt, sollte man es schön tun, aber das ist nicht genug. Es ist so, als kultiviere man eine kleine Ecke eines großen Feldes. Wir befassen uns mit dem ganzen Bereich, und dieser Bereich ist das Leben. Wir vernachlässigen immer das Ganze und konzentrieren uns auf Teilbereiche, auf unsere eigenen oder auf die anderer Menschen. Künstlertum heißt vollkommen wach zu sein und daher künstlerisch in jeder Handlung des gesamten Lebensbereichs – und das ist Schönheit. 

Fragender: Was ist mit dem Fabrikarbeiter oder dem Büroangestellten? Ist er ein Künstler? Schließt nicht seine Arbeit jedes künstlerische Tun aus und stumpft ihn derart ab, dass er auch sonst keine künstlerische Begabung mehr hat? Wird er nicht durch seine Arbeit einseitig festgelegt?

Krishnamurti: Natürlich wird er das. Aber wenn er wach wird, wird er entweder seine Arbeit aufgeben oder sie so verwandeln, dass sie zur Kunst wird. Wichtig ist nicht die Arbeit, sondern sich ihrer bewusst zu werden. Wichtig ist nicht die Begrenztheit der Arbeit, sondern das Erwachen.

Fragender: Was meinen Sie mit Erwachen?

Krishnamurti: Werden Sie nur durch die Umstände aufgerüttelt, durch Herausforderungen, durch irgendein Missgeschick oder eine Freude? Oder gibt es einen Zustand des Wachseins ohne jede Ursache? Wenn Sie durch ein Ereignis, eine Ursache wach gemacht werden, dann sind Sie davon abhängig, und wenn Sie auf irgend etwas angewiesen sind – sei es auf eine Droge, Sex, Malen oder Musik –, lassen Sie es zu, in Schlaf versetzt zu werden. So ist jede Abhängigkeit das Ende des Künstlertums.

Fragender: Welches ist dieser andere wache Zustand, der keine Ursache hat? Sie sprechen über einen Zustand, in dem es weder eine Ursache noch eine Wirkung gibt. Gibt es einen Zustand des Geistes, der nicht das Resultat irgendeiner Ursache ist? Ich verstehe das nicht, weil sicherlich alles, was wir denken und was wir tun, das Resultat einer Ursache ist. Es besteht die endlose Kette von Ursache und Wirkung.

Krishnamurti: Diese Kette von Ursache und Wirkung ist endlos, weil die Wirkung zur Ursache wird und die Ursache weiterhin Wirkungen erzeugt. 

Fragender: Welche Handlung gibt es nun außerhalb dieser Kette? 

Krishnamurti: Alles was wir kennen, ist Handlung aus einer Ursache, einem Motiv, ist Handlung als Resultat. Jede Handlung hat Bezugspunkte. Wenn die Beziehungen auf Ursachen basieren, ist das kluge Anpassung und führt daher unvermeidlich zu einer anderen Form des Stumpfsinns. Liebe ist das einzige, das ursachlos, das unabhängig ist; sie ist Schönheit, sie ist Vollkommenheit, sie ist Kunst. Ohne Liebe gibt es keine Kunst. Wenn der Künstler ergreifend spielt, ist kein »Ich« da; da ist Liebe und Schönheit, und das ist Kunst, das ist Vollkommenheit in der Handlung. Vollkommenheit in der Handlung ist die Abwesenheit des »Ich«. Kunst ist die Abwesenheit des »Ich«. Aber wenn man das Leben in seiner Ganzheit vernachlässigt und sich nur auf einen kleinen Teil konzentriert – so sehr auch das »Ich« dabei abwesend sein mag–, lebt man dennoch unvollkommen und ist daher kein Lebenskünstler. Die Abwesenheit des »Ich« im Leben ist Liebe und Schönheit, die ihre eigene Vollkommenheit hervorbringen. Das ist die größte Kunst; im gesamten Bereich des Lebens künstlerisch zu sein.

Fragender: Du lieber Gott! Wie soll ich das fertig bringen? Ich sehe und fühle es in meinem Herzen, aber wie kann ich es bewahren?

Krishnamurti: Es gibt keinen Weg, es zu bewahren, es gibt keinen Weg, es zu nähren, man kann es nicht üben; man kann es nur sehen. Sehen ist die größte aller Künste.