Tradition

Fragender: Kann man wirklich frei von Tradition sein? Kann man überhaupt von irgend etwas frei sein? Oder weicht man einfach aus und kümmert sich um nichts? Sie sprechen viel über die Vergangenheit und wie sie abhängig macht – aber kann ich wirklich von diesem ganzen Hintergrund meines Lebens frei sein? Oder kann ich den Hintergrund nur entsprechend den vielfältigen äußeren Erfordernissen und Herausforderungen modifizieren, mich ihm mehr anpassen als davon frei zu werden? Für mich scheint das eines der wichtigsten Dinge zu sein, und ich würde das gerne verstehen, denn ich habe immer das Gefühl, dass ich eine Last mit mir herumtrage – das Gewicht der Vergangenheit. Ich würde die Vergangenheit gerne abstreifen und von dannen gehen und niemals dahin zurückkehren. Ist das möglich?

Krishnamurti: Bedeutet Tradition nicht das Hinübertragen der Vergangenheit in die Gegenwart? Die Vergangenheit ist nicht nur unsere individuelle Kette von Erbanlagen, sondern auch die Last aller kollektiven Gedanken einzelner Menschengruppen, die in einer bestimmten Kultur und Tradition gelebt haben. Man trägt das angehäufte Wissen und die Erfahrung der Rasse und der Familie in sich. Das alles gehört zur Vergangenheit – das Hinübertragen des Bekannten in die Gegenwart, wodurch die Zukunft geformt wird. Ist nicht der gesamte Geschichtsunterricht eine Form der Tradition? Sie wollen wissen, ob man von dem allen frei sein kann. Zunächst, warum wünscht man frei zu sein? Warum möchte man diese Last ablegen? Warum?

Fragender: Ich denke, das ist ziemlich einfach. Ich möchte nicht die Vergangenheit sein – ich wünsche ich selbst zu sein. Ich möchte von dieser ganzen Tradition gereinigt sein, so dass ich ein neuer Mensch sein kann. Ich glaube, dass die meisten Menschen diesen Wunsch empfinden, neu geboren zu werden. 

Krishnamurti: Sie können unmöglich ein neuer Mensch werden, nur weil Sie sich das wünschen oder darum kämpfen. Sie müssen nicht nur die Vergangenheit verstehen, sondern müssen auch herausfinden, wer Sie sind. Sind Sie nicht die Vergangenheit? Sind Sie nicht die Fortdauer dessen, was gewesen ist, modifiziert durch die Gegenwart?

Fragender: Meine Handlungen und meine Gedanken sind es, aber mein Wesen ist es nicht.

Krishnamurti: Können Sie die beiden – Handlung und Denken – von dem Wesen trennen? Sind nicht Denken, Handlung, Dasein, Leben und Beziehung eines? Diese Aufspaltung in »Ich« und »Nicht-Ich« ist teil dieser Tradition. 

Fragender: Meinen Sie, dass ich ausgelöscht bin, dass ich aufgehört habe zu existieren, wenn ich nicht denke, wenn die Vergangenheit nicht wirksam ist?

Krishnamurti: Wir wollen nicht zu viele Fragen stellen, sondern das betrachten, womit wir begonnen haben. Kann man von der Vergangenheit frei sein, nicht nur von der jüngsten, sondern von der unvordenklichen, der kollektiven, der rassischen, der menschlichen, der animalischen? Das alles sind Sie; Sie sind davon nicht getrennt, und Sie fragen, ob Sie das alles beiseite tun und neu geboren werden können. Sie sind das, und wenn Sie wünschen, als ein neues Wesen wiedergeboren zu werden, dann ist das neue Wesen, das Sie sich vorstellen, eine Projektion des alten, überdeckt mit dem Wort »neu«. Aber darunter sind Sie die Vergangenheit. So lautet die Frage: Kann die Vergangenheit beiseite getan werden oder besteht eine modifizierte Form der Tradition für immer fort, die sich verändert, die anhäuft, verwirft, aber immer die Vergangenheit in verschiedenen Kombinationen ist? Die Vergangenheit ist die Ursache, und die Gegenwart ist die Folge, und das Heute, das die Auswirkung des Gestern ist, wird die Ursache von Morgen. Diese Kette ist der Weg des Denkens, denn das Denken ist die Vergangenheit. Sie fragen, ob man diese Bewegung des Gestern in das Heute stoppen kann. Kann man die Vergangenheit betrachten, um sie zu prüfen, oder ist das überhaupt nicht möglich? Um darauf zu schauen, muss der Beobachter außerhalb davon sein – und er ist es nicht. So ergibt sich ein anderes Problem. Wenn der Beobachter selbst die Vergangenheit ist, wie kann dann die Vergangenheit isoliert werden, um sie zu betrachten?

Fragender: Ich kann objektiv auf etwas schauen …

Krishnamurti: Aber Sie, der Sie der Beobachter sind, Sie sind die Vergangenheit, die versucht, sich selbst zu betrachten. Sie können sich selbst nur als ein Bild objektivieren, das Sie durch die Jahre hindurch aus allen Ihren Beziehungen zusammengebaut haben, und so ist das »Ich«, dass Sie objektivieren, Erinnerung und Einbildung, es ist die Vergangenheit. Sie versuchen sich zu betrachten, als wären sie unterschieden von dem Wesen, das schaut; aber Sie sind die Vergangenheit mit ihren alten Urteilen, Bewertungen und so fort. Die Erinnerung an die Vergangenheit bewirkt ein Handeln aus der Vergangenheit. Darum gibt es niemals eine Befreiung von der Vergangenheit. Die unausgesetzte Prüfung der Vergangenheit durch die Vergangenheit lässt die Vergangenheit fortbestehen; eben das ist die Handlung der Vergangenheit, und eben das ist der Kern der Tradition.

Fragender: Welche Handlung ist dann möglich? Wenn ich die Vergangenheit bin – und ich kann sehen, dass es so ist –, dann vermehrt alles, was ich tue, um sie auszumerzen, die Vergangenheit. So stehe ich hilflos da! Was kann ich tun? Ich kann nicht beten, weil die Erfindung eines Gottes wiederum die Handlung der Vergangenheit ist. Ich kann nicht auf einen anderen zählen, denn der andere ist auch eine Schöpfung meiner Verzweiflung. Ich kann vor dem allen nicht davonlaufen, weil ich letztlich doch stets mit meiner Vergangenheit da bin. Ich kann mich mit keinem Bild identifizieren, das nicht aus der Vergangenheit stammt, weil jedes Bild auch meine eigene Projektion ist. Wenn ich das alles sehe, stehe ich wirklich hilflos und hoffnungslos da. 

Krishnamurti: Warum nennen Sie es Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit? Übertragen Sie nicht das, was Sie als Vergangenheit sehen, in eine emotionale Angst, weil Sie ein bestimmtes Resultat nicht erreichen können? Indem Sie das tun, lassen Sie wieder die Vergangenheit handeln. Können Sie nun auf alle Regungen der Vergangenheit und deren gesamte Traditionen schauen, ohne den Wunsch, davon frei zu sein, sie zu verändern, zu modifizieren oder davor davonzulaufen – sie einfach betrachten, ohne jede Reaktion? 

Fragender: Aber wie wir während dieses ganzen Gesprächs gesagt haben: wie kann ich die Vergangenheit betrachten, wenn ich die Vergangenheit bin? Ich kann sie überhaupt nicht betrachten!

Krishnamurti: Können Sie sich, der Sie die Vergangenheit sind, betrachten ohne jede Regung des Denkens, das ja die Vergangenheit ist? Wenn Sie ohne Denken schauen können, ohne Bewertung, Zuneigung, Abneigung, Urteil, dann ist es ein Schauen mit Augen, die nicht durch die Vergangenheit berührt sind. Es bedeutet, schweigend zu schauen – ohne den Lärm der Gedanken. In diesem Schweigen gibt es weder den Beobachter noch das, worauf er als die Vergangenheit schaut. 

Fragender: Wollen Sie sagen, dass die Vergangenheit verschwunden ist, wenn man ohne Bewertung oder Urteil schaut? Aber sie ist nicht verschwunden – da gibt es weiterhin Tausende von Gedanken und Handlungen und die vielen Nichtigkeiten, die noch kurz zuvor gewuchert haben. Ich betrachte sie, und sie sind noch da. Wie können Sie sagen, dass die Vergangenheit verschwunden ist? Sie mag im Augenblick aufgehört haben, aktiv zu sein …

Krishnamurti: Wenn der Geist ruhig ist, ist dieses Schweigen eine neue Dimension, und wenn da irgendeine Belanglosigkeit auftaucht, wird sie im Augenblick aufgelöst, weil der Geist jetzt eine andere Art von Energie besitzt, die nichts mit der Energie zu tun hat, die von der Vergangenheit erzeugt wurde. Es kommt allein darauf an, diese Energie zu besitzen, die das Weitertragen der Vergangenheit auflöst. Das Hinübertragen der Vergangenheit ist eine Energie anderer Art; das Schweigen löscht sie aus; die größere absorbiert die geringere und bleibt unberührt. Sie ist gleich dem Meer, das die schmutzigen Flüsse aufnimmt und selbst sauber bleibt; darauf kommt es an. Nur diese Energie kann die Vergangenheit auslöschen. Entweder ist das Schweigen da oder der Lärm der Vergangenheit. In diesem Schweigen hört der Lärm auf, und das Neue ist dieses Schweigen. Es ist nicht so, dass Sie neu erschaffen werden. Dieses Schweigen ist unendlich, und die Vergangenheit bricht in der Fülle des Schweigens zusammen.