Bedingtsein – Teil 1

Fragender: Sie haben sehr viel über das Bedingtsein (conditioning) gesprochen und haben gesagt, dass man von dieser Fessel frei sein muss, sonst bleibt man immer engstirnig. Eine Aussage dieser Art scheint unerhört und unannehmbar! Die meisten Menschen sind zutiefst konditioniert, und sie hören diese Behauptung und schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und laufen vor einer solchen übertriebenen Äußerung davon. Aber ich habe Sie ernst genommen – denn schließlich haben Sie Ihr Leben mehr oder weniger dieser Sache gewidmet, nicht als ein Hobby, sondern mit tiefem Ernst –, und darum würde ich gerne mit Ihnen darüber diskutieren, um zu sehen, inwieweit der Mensch sich von der Bedingtheit befreien kann. Ist es wirklich möglich und wenn, was bedeutet es? Ist es für mich möglich, der ich in einer Welt der Gewohnheiten, der Traditionen und der Billigung orthodoxer Begriffe hinsichtlich so vieler Dinge gelebt habe, ist es für mich wirklich möglich, dieses tiefverwurzelte Bedingtsein abzuschütteln? Was verstehen Sie genau genommen unter Bedingtsein, und was meinen Sie mit der Freiheit vom Bedingtsein?

Krishnamurti: Lassen Sie uns die erste Frage zuerst aufgreifen. Wir sind bedingt – physisch, nervlich, geistig – durch das Klima, in dem wir leben, durch die Nahrung, die wir essen, durch die Kultur, in der wir leben, durch unsere ganze soziale, religiöse und wirtschaftliche Umwelt, durch unsere Erfahrung, durch Erziehung und durch familiäre Bedrängnisse und Einflüsse. Das alles sind die Faktoren, die uns begrenzen. Unsere bewussten und unbewussten Reaktionen auf alle Herausforderungen unserer Umwelt – unsere intellektuellen, emotionellen, unsere äußeren und inneren –, sie alle sind bedingte Handlungen. Die Sprache ist Bedingtsein; jeder Gedanke ist die Auswirkung, die Reaktion des Bedingtseins. 

Da wir von dieser Beschränkung wissen, erfinden wir eine göttliche Kraft, von der wir kindlich hoffen, dass sie uns aus diesem mechanischen Zustand hinausführen wird. Wir postulieren ihre Existenz entweder außerhalb von uns oder in uns – als den Atman, die Seele, das Himmelreich in uns und wer weiß was sonst noch. An diese Glaubenssätze klammern wir uns verzweifelt und erkennen nicht, dass diese selbst ein Teil des bedingten Faktors sind, den sie erwartungsgemäß zerstören oder ablösen sollen. Da wir also nicht fähig sind, uns in dieser Welt von den Beschränkungen zu befreien und nicht einmal einsehen, dass das Bedingtsein das Problem ist, glauben wir, dass die Freiheit im Himmel, im Moksha, im Nirvana liege. Im christlichen Mythos von der Erbsünde und in der ganzen östlichen Doktrin des Samsara sieht man, dass der Faktor des Bedingtseins empfunden worden ist, obgleich ziemlich unklar. Wenn er klar gesehen worden wäre, würden diese Doktrinen und Mythen selbstverständlich nicht entstanden sein. Heutzutage versuchen auch die Psychologen dieses Problem in den Griff zu bekommen, und indem sie es tun, beschränken sie uns nur weiterhin. So haben uns die religiösen Spezialisten konditioniert, die soziale Ordnung hat es getan, und die Familie, die ein Teil davon ist, desgleichen. Das alles ist die Vergangenheit, die in den unverhüllten wie in den verborgenen Schichten des Geistes wirksam ist. Nebenbei bemerkt: es ist interessant, zur Kenntnis zu nehmen, dass das sogenannte Individuum überhaupt nicht existiert, denn sein Geist greift zurück auf das allgemeine Reservoir des Bedingtseins, das er mit jedem anderen teilt. Darum ist die Trennung zwischen Gemeinschaft und Individuum falsch: es gibt nur das Bedingtsein. Dieses Bedingtsein wirkt in allen Beziehungen – zu Dingen, Menschen und Ideen. 

Fragender: Was soll ich dann tun, um mich von dem allen zu befreien? In diesem mechanischen Zustand zu leben ist überhaupt kein Leben, und doch ist alles Tun, jeder Wille, jedes Urteil bedingt; so gibt es augenscheinlich nichts, was ich aus meinem Bedingtsein hinsichtlich dessen tun kann, was nicht bedingt ist! Ich bin an Händen und Füßen gefesselt. 

Krishnamurti: Der eigentliche Faktor des Bedingtseins in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft ist das »Ich«, das in Begriffen der Zeit denkt, das »Ich« ist die eigentliche Substanz der Vergangenheit, das »Ich« ist Zeit, das »Ich« ist Leid – das »Ich« versucht, sich von sich selbst zu befreien, das »Ich« strengt sich an, es müht sich, etwas zu erreichen, zu verneinen, zu werden. Dieses Streben, etwas zu werden, ist Zeit, die Verwirrung und die Gier nach dem Mehr und dem Besseren in sich birgt. Das »Ich« sucht Sicherheit, und da es sie nicht findet, sucht es statt dessen den Himmel. Dieses »Ich«, das sich mit etwas Größerem identifiziert in der Hoffnung, sich darin zu verlieren – sei es die Nation, das Ideal oder irgendein Gott –, ist der Faktor des Bedingtseins. 

Fragender: Sie haben mir alles weggenommen. Was bin ich ohne dieses »Ich«? 

Krishnamurti: Wenn kein »Ich« da ist, sind Sie unbelastet, und das bedeutet, Sie sind nichts.

Fragender: Kann das »Ich« enden ohne die Anstrengung des »Ich«?

Krishnamurti: Die Anstrengung etwas zu werden, ist die Reaktion, die Handlung des Bedingtseins. 

Fragender: Wie kann das »Ich« aufhören zu handeln? 

Krishnamurti: Es kann nur aufhören, wenn Sie das Ganze sehen, alles was damit zusammenhängt. Wenn Sie es in der Handlung sehen, das heißt in Ihren Beziehungen, dann ist dieses Sehen das Ende des »Ich«. Dieses Sehen ist nicht nur eine Handlung, die frei ist vom Bedingtsein, sondern es wirkt auch auf das Bedingtsein ein.

Fragender: Wollen Sie damit sagen, dass das Gehirn, welches das Resultat einer gewaltigen Evolution mit unbegrenztem Bedingtsein ist, sich selbst befreien kann?

Krishnamurti: Das Gehirn ist das Resultat der Zeit; es ist darauf eingestellt, sich physisch zu schützen; wenn es aber versucht, sich psychisch zu schützen, dann beginnt das »Ich«, und damit fängt unser ganzes Elend an. Diese Anstrengung, sich seelisch zu schützen, ist die Bejahung des »Ich«. Das Gehirn kann lernen, kann technologisches Wissen erwerben, aber wenn es psychologisches Wissen erwirbt, dann behauptet sich dieses Wissen in seinen Beziehungen zur Umwelt als das »Ich« mit seinen Erfahrungen, seinem Willen und seiner Gewalttätigkeit. Dadurch entstehen Spaltung, Konflikt und Leid innerhalb der Beziehungen.

Fragender: Kann dieses Gehirn still sein und nur dann funktionieren, wenn es technologisch arbeiten muss – nur funktionieren, wenn für das Handeln Wissen verlangt wird, wie zum Beispiel beim Lernen einer Sprache, beim Fahren eines Wagens oder Bauen eines Hauses?

Krishnamurti: Die Gefahr darin ist die Einteilung des Gehirns in das Psychologische und das Technische. Daraus entsteht ein Widerspruch, ein Bedingtsein, eine Theorie. Die wirkliche Frage lautet, ob das Gehirn in seiner Ganzheit still und ruhig sein kann und nur dann leistungsfähig reagiert, wenn es in der Technologie oder im Leben notwendig ist. So sind wir nicht mit dem Psychologischen oder Technologischen beschäftigt; wir fragen nur, ob dieser Geist in seiner Ganzheit völlig still sein kann und nur dann funktioniert, wenn er muss. Wir sagen, dass er das kann, und damit versteht man, was Meditation ist.