Bedingtsein – Teil 2

Fragender: Wenn Sie gestatten, möchte ich gerne dort fortfahren, wo wir gestern aufhörten. Sie werden sich erinnern, dass ich zwei Fragen stellte. Ich fragte, was Bedingtsein ist, und Sie sagten, dass wir zunächst die erste Frage aufgreifen sollten. Wir hatten nicht die Zeit, um auf die zweite Frage einzugehen, darum würde ich heute gerne fragen, in welchem Zustand sich der Geist befindet, der von allen seinen Beschränkungen frei ist. Nachdem ich gestern mit Ihnen gesprochen hatte, wurde mir sehr klar, wie tief und stark ich begrenzt bin, und ich sah – wenigstens glaube ich, dass ich es sah – eine Lücke, einen Riss in dieser Struktur des Bedingtseins. Ich besprach die Angelegenheit mit einem Freund, und indem wir einige sachliche Beispiele des Bedingtseins aufgriffen, sah ich sehr klar, wie stark und schädlich unsere Handlungen dadurch beeinträchtigt werden. Wie Sie zum Schluss sagten, ist Meditation die Entleerung des Geistes von allem Bedingtsein, so dass es keine Verzerrung oder Illusion mehr gibt. Wie kann man von allen Verzerrungen, allen Illusionen frei sein? Was ist Illusion?

Krishnamurti: Es ist so leicht, sich selbst zu betrügen, so leicht, sich selbst von irgend etwas zu überzeugen. Das Gefühl, etwas sein zu müssen, ist der Anfang der Täuschung, und diese idealistische Haltung führt natürlich zu den verschiedensten Arten der Heuchelei. Wodurch entsteht Illusion? Nun, einer der Faktoren ist der ständige Vergleich zwischen dem was ist und dem was sein sollte oder was sein könnte, dieses Vergleichen zwischen dem Guten und dem Bösen ist das Denken, das versucht sich zu verfeinern, ist die Erinnerung an das Vergnügen mit dem Versuch, mehr Vergnügen zu erlangen und so fort. Dieser Wunsch nach mehr, diese Unzufriedenheit lassen uns irgend etwas annehmen oder an etwas glauben, und das muss unvermeidlich zu jeder Art von Täuschung und Illusion führen. Der Wunsch und die Furcht, Hoffnung und Verzweiflung sind es, die das zu erfahrende Ziel oder Resultat projizieren. Daher ist diese Erfahrung ohne Realität. Alle sogenannten religiösen Erfahrungen ergeben sich aus diesem Schema. Dieser Wunsch nach Erleuchtung muss auch die Anerkennung einer Autorität entstehen lassen, und das ist der Gegensatz zur Erleuchtung. Wunsch, Unzufriedenheit, Furcht, Vergnügen, der Wunsch nach mehr, der Wunsch sich zu verwandeln, was alles Wertungen sind – das sind die Wegbereiter der Illusion.

Fragender: Haben Sie wirklich gar keine Illusion über irgend etwas?

Krishnamurti: Ich beurteile nicht ständig mich oder andere. Die Freiheit vom Bewerten entsteht, wenn Sie wirklich mit dem leben was ist – weder den Wunsch haben es zu ändern, noch es mit Begriffen von Gut und Böse zu beurteilen. Mit etwas zu leben heißt nicht, es anzuerkennen; es ist da, ob Sie es akzeptieren oder nicht. Mit etwas zu leben heißt auch nicht, sich damit zu identifizieren.

Fragender: Können wir auf die Frage zurückkommen, was diese Freiheit ist, nach der man in Wirklichkeit verlangt? Dieser Wunsch nach Freiheit drückt sich in jedermann aus, manchmal auf die törichteste Art, aber ich glaube sagen zu können, dass im menschlichen Herzen immer dieses tiefe Verlangen nach Freiheit vorhanden ist, die niemals verwirklicht wird; immer ist da das unaufhörliche Streben, frei zu sein. Ich weiß, dass ich nicht frei bin; ich bin in so viele Wünsche verstrickt. Wie kann ich frei sein, und was bedeutet es, wirklich, echt frei zu sein?

Krishnamurti: Vielleicht mag uns das folgende zum Verständnis verhelfen: totale Verneinung ist diese Freiheit. Alles abzulehnen, was wir als positiv ansehen, die ganze soziale Moral zu verneinen, jede innere Anerkennung von Autorität zu verneinen, alles abzulehnen, was man über Realität gesagt oder gefolgert hat, alle Tradition, jede Lehre, jedes Wissen zu verneinen, ausgenommen das technologische, jede Erfahrung abzulehnen, jeden Anreiz zu verwerfen, der aus erinnerten oder vergessenen Genüssen stammt, jede Erfüllung zu verneinen, jede Verpflichtung abzulehnen, auf eine bestimmte Art zu handeln, alle Ideen, alle Prinzipien, alle Theorien zu verneinen. Eine solche Verneinung ist die positivste Handlung, daher ist sie Freiheit. 

Fragender: Wenn ich daran Stück für Stück herummeißele, werde ich ewig damit zu tun haben, und gerade das wird meine Fessel sein. Kann es alles blitzhaft dahinschwinden, kann ich die ganze menschliche Selbsttäuschung verneinen, alle die Werte und Bestrebungen und Maßstäbe – augenblicklich? Ist das wirklich möglich? Erfordert es nicht gewaltige Fähigkeit, deren ich ermangele, sehr großes Verstehen, das alles, das alles im Nu zu sehen und es unverhüllt dem Licht preiszugeben, jener Intelligenz, von der Sie gesprochen haben? Ich möchte wissen, ob Ihnen klar ist, was das zur Folge hat. Mich, einen Durchschnittsmenschen mit einer normalen Erziehung zu veranlassen, in etwas hineinzuspringen, das einem unvorstellbaren Nichts gleicht ... Kann ich das tun? Ich weiß nicht einmal, was dieser Sprung bedeutet! Ebenso könnten Sie mich bitten, ganz plötzlich das schönste, unschuldigste, liebenswerteste menschliche Wesen zu werden. Sie sehen, dass ich jetzt wirklich erschreckt bin, nicht in der Art, wie ich es vordem war. Ich werde jetzt mit etwas konfrontiert, von dem ich weiß, dass es wahr ist, und doch hindert mich meine völlige Unfähigkeit, es zu tun. Ich sehe die Schönheit, die darin liegt, wirklich ganz und gar nicht zu sein, aber …

Krishnamurti: Sehen Sie, nur wenn in uns Leere ist, nicht die Leerheit eines oberflächlichen Geistes, sondern die Leere, die sich einstellt mit der völligen Verneinung alles dessen, was man gewesen ist und sein sollte und sein möchte – nur in dieser Leere liegt Schöpfung, nur in dieser Leere kann etwas Neues entstehen. Furcht ist der Gedanke an das Unbekannte, darum fürchten Sie sich in Wirklichkeit davor, das Bekannte zu lassen, die Verhaftungen, das Genügehaben, die angenehmen Erinnerungen, die Stetigkeit und die Sicherheit, die Trost geben. Der Gedanke vergleicht es mit dem, was er für Leere hält. Diese Vorstellung der Leere ist Furcht, so ist Furcht Denken. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Kann der Mensch alles verneinen, was er gekannt hat, den ganzen Inhalt seines bewussten und unbewussten Selbst, welches seine eigene Substanz ist? Können Sie sich selbst vollkommen verneinen? Wenn nicht, dann gibt es keine Freiheit. Freiheit ist nicht Freiheit von etwas, das ist nur eine Reaktion. Freiheit stellt sich mit der totalen Verneinung ein. 

Fragender: Aber was ist an solcher Freiheit Gutes? Sie verlangen von mir zu sterben, nicht wahr?

Krishnamurti: Natürlich! Ich möchte wissen, wie Sie das Wort »gut« gebrauchen, wenn Sie fragen, was das Gute an dieser Freiheit ist? Gut in welcher Hinsicht? Hinsichtlich des Bekannten? Freiheit ist das absolut Gute, und ihre Handlung ist die Schönheit des alltäglichen Lebens. In dieser Freiheit allein ist Leben, und wie kann es ohne sie Liebe geben? Jegliches Ding existiert in dieser Freiheit und hat dort sein Wesen. Sie ist überall und nirgends. Sie hat keine Grenzen. Können Sie sich jetzt von jeglichem Ding, das Sie kennen, lösen und nicht auf morgen warten, um ihm zu ersterben? Diese Freiheit ist Ewigkeit und Ekstase und Liebe.