Glück

Fragender: Was ist Glück? Ich habe immer versucht es zu finden, aber irgendwie ist es mir nicht über den Weg gelaufen. Ich sehe Menschen, die sich auf so mannigfache Art erfreuen, und vieles was sie tun, erscheint so unreif und kindisch. Ich nehme an, dass sie auf ihre Art glücklich sind, aber ich verlange nach einem Glück anderer Art. Mir wurden ungewöhnliche Andeutungen zuteil, dass es möglich sein könnte, es zu erreichen, aber irgendwie hat es sich mir immer entzogen. Ich möchte wissen, was ich tun kann, um mich wirklich vollkommen glücklich zu fühlen.

Krishnamurti: Glauben Sie, dass das Glück ein Ziel an sich ist? Oder kommt es als ein sekundärer Zustand, wenn man einsichtsvoll lebt? 

Fragender: Ich glaube, dass es ein Ziel an sich ist, denn wenn das Glück da ist, dann wird alles was man tut harmonisch sein, dann wird man die Dinge anstrengungslos, leicht und ohne jede Spannung tun. Ich bin sicher, dass alles, was auch immer man aus diesem Glück heraus tut, richtig sein wird. 

Krishnamurti: Aber ist das so? Ist das Glück ein Ziel an sich? Tugend ist kein Endzweck. Wenn das der Fall ist, dann wird sie etwas sehr Armseliges. Können Sie das Glück suchen? Wenn Sie es tun, dann werden Sie wahrscheinlich eine Imitation davon in Zerstreuungen aller Art und im Wohlleben finden. Das ist Genuss. Welche Beziehung besteht zwischen Genuss und Glück?

Fragender: Ich habe mich das nie gefragt.

Krishnamurti: Der Genuss, nach dem wir trachten, wird irrtümlicherweise Glück genannt, aber können Sie dem Glück nachjagen, so wie Sie den Genuss suchen? Sicherlich müssen wir uns sehr klar über die Frage sein, ob Genuss Glück ist. Genuss ist Vergnügen, Befriedigung, Wohlsein, Unterhaltung, Anregung. Die meisten Menschen glauben, Genuss sei Glück, und den größten Genuss halten sie für das höchste Glück. Und ist Glück das Gegenteil von Unglück? Versuchen Sie glücklich zu sein, weil Sie unglücklich und unzufrieden sind? Hat Glück überhaupt einen Gegensatz? Hat Liebe einen Gegensatz? Fragen Sie nach dem Glück, weil Sie unglücklich sind? 

Fragender: Ich bin unglücklich wie die übrigen Menschen auch, und natürlich möchte ich es nicht sein, und das treibt mich dazu, das Glück zu suchen.

Krishnamurti: So ist das Glück für Sie das Gegenteil von Unglück. Wenn Sie glücklich wären, würden Sie nicht danach suchen. Von Bedeutung ist also nicht das Glück, sondern ob das Unglück aufhören kann. Das ist das wirkliche Problem, nicht wahr? Sie fragen nach dem Glück, weil Sie unglücklich sind, und Sie stellen die Frage ohne herauszufinden, ob das Glück der Gegensatz zum Unglück ist.

Fragender: Wenn Sie es auf diese Art ausdrücken, akzeptiere ich es. Mein Anliegen ist also, wie ich von dem Elend, in dem ich mich befinde, frei sein kann. 

Krishnamurti: Was ist wichtiger – das Unglück zu verstehen oder nach Glück zu trachten? Wenn Sie nach Glück trachten, wird das zu einer Flucht vor dem Unglück, und das Unglück wird daher immer bleiben, überdeckt vielleicht und verborgen, aber es ist immer da und nagt im Innern. Wie lautet nun Ihre Frage?

Fragender: Meine Frage ist jetzt, warum ich so elend bin. Sie haben sehr treffend meinen wirklichen Zustand aufgezeigt, statt mir die gewünschte Antwort zu geben. So stehe ich jetzt der Frage gegenüber, wie ich das Elend, in dem ich mich befinde, los werden kann.

Krishnamurti: Kann eine äußere Kraft Ihnen helfen, Ihr Elend loszuwerden, ganz gleich, ob dieser äußere Vermittler Gott, ein Meister, eine Droge oder ein Erlöser ist? Oder kann man durch Intelligenz das Unglück seinem Wesen nach verstehen und augenblicklich damit fertig werden? 

Fragender: Ich bin zu Ihnen gekommen, weil ich dachte, Sie könnten mir helfen; so könnten Sie sich selbst einen äußeren Vermittler nennen. Ich wünsche Hilfe, und es kümmert mich nicht, wer sie mir gibt.

Krishnamurti: Hilfe anzunehmen oder sie zu geben schließt mehrere Dinge in sich. Wenn Sie sie blind annehmen, werden Sie in der Falle der einen oder anderen Autorität hängen bleiben, was verschiedene andere Probleme, wie Gehorsam und Furcht mit sich bringt. Wenn Sie nun davon ausgehen, dass Sie Hilfe brauchen, dann werden Sie nicht nur keine Hilfe erlangen – weil Ihnen niemand irgendwie helfen kann –, sondern zusätzlich kommt eine ganze Reihe neuer Probleme auf Sie zu; Sie stecken dann tiefer im Schlamm als je zuvor. 

Fragender: Ich glaube das zu verstehen und akzeptiere es. Ich habe es nie zuvor klar zu Ende gedacht. Wie aber kann ich die Intelligenz entwickeln, um mit dem Unglück selbst fertig zu werden – und zwar augenblicklich? Wenn ich diese Intelligenz besäße, wäre ich bestimmt nicht hier und würde Sie nicht bitten, mir zu helfen. So lautet meine Frage jetzt, kann ich diese Intelligenz erlangen, um das Problem des Unglücklichseins zu lösen und dadurch glücklich zu werden?

Krishnamurti: Sie behaupten, dass diese Intelligenz von ihrer Handlung getrennt ist. Die Handlung dieser Intelligenz liegt im Sehen und Verstehen des Problems. Diese beiden sind nicht getrennt und folgen nicht aufeinander. Sie erlangen nicht zuerst Intelligenz, um sie dann für das Problem wie ein Werkzeug zu gebrauchen. Es ist eine der Schwächen des Denkens, zu behaupten, dass man zuerst die Fähigkeit haben muss und sich dann ihrer bedient, zuerst die Idee oder das Prinzip und dann deren Anwendung. Darin zeigt sich der wahre Mangel an Intelligenz, und hier liegt der Ursprung der Probleme. Das ist Zersplitterung. Wir leben auf diese Art, und darum sprechen wir von Glück und Unglück, Hass und Liebe und so fort.

Fragender: Vielleicht liegt das in der Struktur der Sprache.

Krishnamurti: Vielleicht ist es so, aber wir wollen davon nicht zu viel Aufhebens machen und vom Problem abschweifen. Wir sagen, dass Intelligenz und die Handlung dieser Intelligenz – die darin besteht, das Problem des Unglücklichseins klar zu sehen – eines sind und unteilbar und dass davon auch nicht getrennt ist, das Unglück zu beenden oder das Glück zu erlangen.

Fragender: Wie kann ich diese Intelligenz erlangen?

Krishnamurti: Haben Sie verstanden, was wir gesagt haben?

Fragender: Ja.

Krishnamurti: Aber wenn Sie verstanden haben, haben Sie eingesehen, dass dieses Sehen Intelligenz ist. Das einzige, das Sie tun können, ist, zu sehen. Sie können Intelligenz nicht züchten, um zu sehen. Sehen ist nicht die Kultivierung der Intelligenz. Sehen ist weit wichtiger als Intelligenz oder Glück oder Unglück. Es gibt nur Sehen oder Nicht-Sehen. Alles übrige – Glück, Unglück und Intelligenz – sind bloße Worte.

Fragender: Was bedeutet es dann, zu sehen?

Krishnamurti: Zu sehen bedeutet zu verstehen, wie das Denken die Gegensätze hervorruft. Was das Denken erschafft, ist nicht real. Zu sehen bedeutet, die Natur des Denkens, der Erinnerung, des Konflikts, der Ideen zu verstehen. Das alles als einen totalen Prozess zu sehen, heißt zu verstehen. Das ist Intelligenz; umfassend zu sehen ist Intelligenz; bruchstückhaft zu sehen ist Mangel an Intelligenz.

Fragender: Ich bin ein wenig verwirrt. Ich glaube zu verstehen, aber es ist ziemlich dürftig; ich muss langsam vorangehen. Was Sie sagen bedeutet, umfassend zu sehen und zu hören. Sie sagen, dass diese Achtsamkeit Intelligenz ist, und Sie sagen, dass sie unmittelbar sein muss. Man kann nur jetzt sehen. Ich möchte wissen, ob ich wirklich jetzt sehe, oder gehe ich nach Hause, um über das, was Sie gesagt haben, nachzudenken in der Hoffnung, später zu sehen?

Krishnamurti: Dann werden Sie niemals sehen. Wenn Sie darüber nachdenken, werden Sie es niemals sehen, weil Denken das Sehen verhindert. Wir beide haben verstanden, was es bedeutet zu sehen. Dieses Sehen ist keine Essenz oder eine Abstraktion oder eine Idee. Sie können nicht sehen, wenn es nichts zu sehen gibt. Jetzt haben Sie das Problem des Unglücklichseins. Sehen Sie es umfassend, einschließlich Ihres Wunsches, glücklich zu sein und wie das Denken den Gegensatz schafft. Sehen Sie das Verlangen nach Glück und das Suchen nach Hilfe, um das Glück zu erlangen. Sehen Sie die Enttäuschung, die Hoffnung, die Furcht. Alles das muss umfassend als ein Ganzes gesehen werden, nicht getrennt. Sehen Sie das alles jetzt, schenken Sie dem Ihre ganze Aufmerksamkeit. 

Fragender: Ich bin weiterhin verwirrt. Ich weiß nicht, ob ich das Wesentliche davon mitbekommen habe, den Kern der Sache. Ich möchte meine Augen schließen und in mich versinken,  um zu sehen, ob ich das wirklich verstanden habe. Wenn ich es verstanden habe, dann habe ich mein Problem gelöst.