Meditation und Energie – Teil 1

Fragender: An diesem Morgen würde ich gerne in die tiefere Bedeutung oder den tieferen Sinn der Meditation eindringen. Ich habe viele ihrer Formen praktiziert, einschliesslich ein wenig Zen. Es gibt verschiedene Schulen, die Bewusstheit lehren, aber sie scheinen alle ziemlich oberflächlich zu sein; können wir das alles beiseite lassen und tiefer darin eindringen?

Krishnamurti: Wir müssen auch die Autorität in ihrer ganzen Bedeutung beiseite tun, weil in der Meditation jede Form der Autorität, sei es die eigene oder die eines anderen, zu einem Hemmnis wird und die Freiheit verhindert – uns daran hindert, frisch und neu zu sein. Darum müssen Autorität, Anpassung und Nachahmung völlig beiseite getan werden. Sonst imitieren Sie nur, folgen dem, was gesagt worden ist, und das macht den Geist schwerfällig und stumpf. Darin liegt keine Freiheit. Ihre vergangene Erfahrung mag lenken, anweisen oder einen neuen Pfad festlegen, und auch das muss aufhören. Dann nur kann man in das eindringen, was ungewöhnlich, bedeutungsvoll und tief ist – das man Meditation nennt. Meditation ist das Wesen der Energie.

Fragender: Viele Jahre lang habe ich zu vermeiden versucht, dass ich zum Sklaven der Autorität eines anderen oder einer Schablone werde. Natürlich besteht die Gefahr, sich selbst zu betrügen, doch wenn wir weitergehen, werde ich das sicherlich feststellen. Aber wenn Sie sagen, dass Meditation das Wesen der Energie ist, was meinen Sie mit den Worten Energie und Meditation?

Krishnamurti: Jede Regung des Denkens, jede Handlung erfordert Energie. Was immer Sie auch tun oder denken, es erfordert Energie, und diese Energie kann durch Konflikt, durch verschiedene Arten nutzloser Gedanken, emotionaler Strebungen und sentimentaler Aktivität verzettelt werden. Energie wird durch Konflikt verschwendet, der in der Dualität entsteht, durch das »Ich« und das »Nicht-Ich«, durch die Trennung des Beobachters von dem Beobachteten, des Denkers von dem Gedanken. Wenn diese Verschwendung nicht länger geschieht, ist eine Energie da, die Bewusstheit genannt werden kann – eine Bewusstheit, in der es keine Bewertung, kein Urteil, keine Verdammung und keinen Vergleich gibt, sondern nur eine achtsame Betrachtung, ein Sehen der Dinge genau wie sie sind, sowohl innerlich wie äusserlich, ohne die Einmischung des Denkens, das die Vergangenheit ist.

Fragender: Das zu verstehen finde ich sehr schwer. Wenn es überhaupt kein Denken gäbe, wäre es dann möglich, einen Baum wieder zu erkennen oder meine Frau oder meinen Nachbarn? Wiedererkennen ist doch wohl notwendig, wenn man einen Baum anschaut oder die Frau nebenan? 

Krishnamurti: Ist Wiedererkennen notwendig, wenn Sie einen Baum betrachten? Wenn Sei diesen Baum anschauen, sagen Sie dann, es ist ein Baum oder schauen Sie einfach? Wenn Sie anfangen, ihn als eine Ulme zu erkennen, als eine Eiche oder als einen Mangobaum, dann mischt sich die Vergangenheit in die unmittelbare Betrachtung ein. Ebenso ist es, wenn Sie Ihre Frau anschauen. Wenn sie aus der Erinnerung an Ärgernisse oder Vergnügungen betrachten, dann sehen Sie sie nicht wirklich, sondern nach dem Bilde, das Sie in Ihrem Geist von ihr haben. Das verhindert eine direkte Wahrnehmung; direkte Wahrnehmung bedarf keines Wiedererkennens. Das rein äußerliche Erkennen Ihrer Frau, Ihrer Kinder, Ihres Hauses oder Ihres Nachbarn ist natürlich notwendig, aber warum sollte sich die Vergangenheit in Augen, Geist und Herz einmischen? Wird dadurch nicht ein klares Sehen verhindert? Wenn Sie etwas verurteilen oder eine Meinung über etwas haben, entstellt diese Meinung oder dieses Vorurteil die Betrachtung.

Fragender: Ja, das sehe ich ein. Diese subtile Form des Wiedererkennens entstellt wirklich; ich erkenne das. Sie sagen, dass diese Einmischungen des Denkens Energieverschwendung sind. Sie sagen, beobachten Sie ohne jedes Wiedererkennen, ohne Verdammung oder Urteil, beobachten Sie ohne Benennung, denn dieses Benennen, Wiedererkennen und Beurteilen ist Energievergeudung. Das kann logisch und aktuell verstanden werden. Dann ist da der nächste Punkt, die Trennung, die Absonderung oder vielmehr, wie Sie es häufig in Ihren Reden ausgedrückt haben, der Raum, der zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten besteht, wodurch die Dualität erzeugt wird. Sie sagen, dass das auch Energieverschwendung sei und Konflikt hervorbringe. Ich finde alles, was Sie sagen, logisch, aber ich finde es ausserordentlich schwer, diesen Raum zu beseitigen, eine Harmonie zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten herzustellen. Wie kann das getan werden?

Krishnamurti: Es gibt kein Wie. Das Wie bedeutet ein System, eine Methode, eine Übung, und das wird mechanisch. Wir dürfen also keinen Wert auf das Wort "wie" legen.

Fragender: Ist das möglich? Ich weiss, dass das Wort »möglich« eine Zukunft, eine Anstrengung in sich schliesst, ein Sich-Mühen, um Harmonie zu schaffen; aber man muss bestimmte Worte gebrauchen. Ich hoffe, dass wir diese Worte hinter uns lassen können; ist es also möglich, eine Vereinigung zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten zustande zu bringen? 

Krishnamurti: Der Beobachter wirft immer seinen Schatten auf das, was er beobachtet. Darum muss man die Struktur und die Natur des Beobachters verstehen und nicht, wie man die beiden vereinen kann. Man muss die Beschaffenheit des Beobachters verstehen, und in diesem Verstehen existiert der Beobachter vielleicht nicht mehr. Wir müssen prüfen, was der Beobachter ist; er ist die Vergangenheit mit allen ihren Erinnerungen, den bewussten und den unbewussten, ihrer rassischen Erbschaft, ihren angehäuften Erfahrungen, die Wissen genannt werden, ihren Reaktionen. Der Beobachter ist in Wirklichkeit das bedingte Wesen. Er ist derjenige, der behauptet, dass er ist, und dass ich bin. Indem er sich selbst schützt, widersetzt er sich, herrscht er, sucht er Trost und Sicherheit. Der Beobachter trennt sich dann ab und hält sich für etwas anderes als das, was er innerlich oder äusserlich beobachtet. Das erzeugt eine Dualität, und durch diese Dualität entsteht der Konflikt, die Energieverschwendung. Um des Beobachters gewahr zu sein, seiner Regungen, seiner egozentrischen Aktivität, seiner Behauptungen, seiner Vorurteile, muss man alle diese unbewussten Regungen wahrnehmen, die das separatistische Gefühl aufbauen, dass er etwas anderes ist. Er muss ohne jegliche Bewertung beobachtet werden, ohne Zuneigung oder Abneigung; beobachten Sie ihn im täglichen Leben, in seinen Beziehungen. Wenn diese Betrachtung durchdringend ist, gibt es dann nicht eine Freiheit von dem Beobachter?

Fragender: Sie sagen, dass der Beobachter in Wirklichkeit das Ego ist. Sie sagen, solange das Ego existiert, muss der Beobachter Widerstand leisten, muss er einteilen, trennen, denn in dieser Abspaltung, dieser Einteilung fühlt er sich lebendig. Es gibt ihm die Vitalität, sich zu widersetzen, zu kämpfen, und er hat sich an diesen Kampf gewöhnt; es ist seine Art zu leben. Sagen Sie nicht, dass sich dieses Ego, dieses »Ich« auflösen muss durch eine Beobachtung, in der es kein Gefühl von Zuneigung oder Abneigung gibt, keine Meinung, kein Urteil, sondern nur das Beobachten dieses »Ich« in der Aktion? Aber kann so etwas wirklich geschehen? Kann ich mich so vollkommen, so wahrhaftig, ohne Verzerrung betrachten? Wenn ich mich in solcher Klarheit sehe, so sagen Sie, haben alle ichhaften Regungen aufgehört. Und Sie sagen, das sei Teil der Meditation. 

Krishnamurti: Natürlich. Das ist Meditation.

Fragender: Diese Beobachtung verlangt sicherlich ungewöhnliche Selbstdisziplin.

Krishnamurti: Was verstehen Sie unter Selbstdisziplin? Meinen Sie eine Disziplinierung, bei der das Selbst in eine Zwangsjacke gesteckt wird, oder meinen Sie, das Selbst ganz und gar kennen zu lernen – jenes Selbst, das sich behauptet, das herrscht, das ehrgeizig, gewalttätig ist und so fort – das ständige Lernen darüber? Das Lernen selbst ist Disziplin. Das Wort Disziplin bedeutet zu lernen, und wenn man lernt ohne anzuhäufen, wenn man wirklich lernt, wozu Achtsamkeit notwendig ist, erzeugt dieses Lernen seine eigene Verantwortlichkeit, seine eigene Aktivität, seine eigenen Dimensionen; dann gibt es keine Disziplin, die aufgezwungen worden ist. Wo gelernt wird, gibt es keine Nachahmung, keine Gleichschaltung, keine Autorität. Wenn Sie das mit dem Wort Disziplin meinen, dann besteht gewiss die Freiheit zu lernen.