Vorwort des Autors – Teil 2

Ein menschlicher Geist, der außer seinem Gedächtnis keine andere Fähigkeit entwickelt hat, ist wie ein moderner Computer, der immer eine Maschine bleibt, auch wenn er mit erstaunlicher Leistungsfähigkeit und Genauigkeit funktioniert. Der Geist kann durch Autorität dazu gebracht werden, in einer bestimmten Richtung zu denken. Aber wenn man in bestimmten Bahnen oder gemäß vorgefasster Meinungen denkt, denkt man überhaupt nicht, man funktioniert nur wie eine menschliche Maschine, was zu nicht verstandener Unzufriedenheit und damit zu Frustration und anderen Nöten führt.

Uns geht es um die vollständige Entfaltung jedes einzelnen Menschen; darum, ihm zu helfen, seine Anlagen und Fähigkeiten voll und ganz zu verwirklichen – und nicht ein erdachtes Potenzial, das der Lehrer als Vorstellung oder Ideal im Sinn hat. Jede Geisteshaltung, die vergleicht, verhindert dieses volle Aufblühen des Einzelnen, ob er einmal Wissenschaftler oder Gärtner wird. Die voll entfaltete Fähigkeit des Gärtners ist das gleiche wie die voll entfaltete Fähigkeit des Wissenschaftlers, wenn kein Vergleichen stattfindet. Kommt jedoch das Vergleichen hinzu, folgen Geringschätzung und Neid, und das beschwört Konflikte zwischen den Menschen herauf. Wie das Leid entzieht sich auch die Liebe jedem Vergleich, man kann sie nicht vergleichen im Sinne von »größer« oder »kleiner«. Leid ist Leid und Liebe ist Liebe – und das ist bei Reichen und Armen gleich.

Die Entfaltung des vollen Potenzials eines jeden Individuums bringt eine Gesellschaft von Ebenbürtigen hervor. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Bemühungen um Gleichheit auf der ökonomischen oder spirituellen Ebene sind völlig sinnlos. Soziale Reformen, die Gleichheit herstellen sollen, lösen wiederum andere Formen gesellschaftsfeindlicher Aktivitäten aus; doch mit der richtigen Erziehung ist es überhaupt nicht nötig, Gleichheit durch soziale oder andere Reformen anzustreben, weil der Neid mit seinem Vergleichen der geistigen Fähigkeiten wegfällt.

Wir müssen hier zwischen Tätigkeit und Status unterscheiden. Status, mit all seinen emotionalen und hierarchischen Begleiterscheinungen durch das Prestige, entsteht nur dadurch, dass Tätigkeiten als höher oder niedriger eingestuft werden. Wenn jedes Einzelwesen mit voll entfalteten Fähigkeiten erblüht, findet kein Vergleichen der Tätigkeiten statt; dann finden nur die Anlagen und Fähigkeiten eines Lehrers oder eines Premierministers oder eines Gärtners ihren Ausdruck und der Status verliert seinen Stachel des Neids.

Praktische oder technische Leistungsfähigkeit wird gegenwärtig durch den Titel vor dem Namen erkannt; aber wenn unser Anliegen wirklich die vollständige oder ganzheitliche Entfaltung des menschlichen Wesens ist, muss unser Ansatz ein völlig anderer sein. Ein Mensch, der die entsprechende Begabung hat, kann einen akademischen Grad erwerben und seinem Namen einen Titel voranstellen – oder auch nicht, wie es ihm gefällt. Er wird jedoch seine eigenen tiefer liegenden Fähigkeiten kennen, die sich nicht auf einen Titel beschränken lassen; und der Ausdruck dieser Fähigkeiten wird nicht zu einer ichbezogenen Selbstsicherheit führen, die im Allgemeinen von einer rein technischen Leistungsfähigkeit hervorgerufen wird. Diese Art von Selbstsicherheit ist vergleichend und deshalb unsozial. Vergleichen mag aus Nützlichkeitserwägungen sinnvoll sein, aber es ist nicht die Sache des Lehrers, das Leistungsvermögen seiner Schüler zu vergleichen und es als besser oder schlechter zu bewerten.

Da uns die vollständige Entfaltung des Individuums am Herzen liegt, darf man dem Schüler anfangs nicht erlauben, seine Fächer selbst zu wählen, denn seine Wahl wird wahrscheinlich auf vorübergehenden Launen und Vorurteilen beruhen oder darauf, was er für das Einfachste hält. Vielleicht soll sie auch ein gerade vorhandenes Verlangen befriedigen. Hilft man ihm aber, seine angeborenen Fähigkeiten selbst zu entdecken und zu entwickeln, wird er auch ganz von selbst nicht unbedingt die einfachsten Fächer wählen, sondern jene, durch die er die ganze Dimension und Fülle seiner Fähigkeiten ausdrücken kann. Wenn man dem Schüler von Anfang an hilft, das Leben als Ganzes zu betrachten – mit all seinen psychischen, intellektuellen und emotionalen Problemen –, wird er keine Angst davor haben.

Intelligenz ist die Fähigkeit, dem Leben in seiner Ganzheit zu begegnen. Noten und Zensuren sind keine Garantie für Intelligenz. Im Gegenteil, sie untergraben die Menschenwürde. Diese vergleichende Bewertung verkrüppelt den Geist – was nicht heißt, dass der Lehrer die Fortschritte des Schülers nicht im Blick haben und darüber Buch führen muss. Die Eltern, die natürlich unbedingt über die Fortschritte ihrer Kinder Bescheid wissen wollen, werden ein Zeugnis verlangen. Aber wenn sie unglücklicherweise nicht verstehen, was der Lehrer zu tun versucht, wird das Zeugnis zu einem Druckmittel, um die von ihnen gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Und damit machen sie die Arbeit des Lehrers zunichte.

Eltern sollten die Bildungs- und Erziehungsziele der Schule verstehen. Aber normalerweise sind sie damit zufrieden, wenn sich ihr Kind auf irgendeinen akademischen Grad vorbereitet, der ihm den Lebensunterhalt sichert. Nur sehr wenige interessieren sich für mehr. Natürlich möchten sie ihre Kinder glücklich sehen, aber über diesen unklaren und unbestimmten Wunsch hinaus verschwenden nur sehr wenige einen Gedanken an die vollständige Entfaltung ihrer Kinder. Weil sich die meisten Eltern für ihre Kinder vor allem eine erfolgreiche Karriere wünschen, versuchen sie sie durch Einschüchtern oder liebevollen Druck dazu zu bringen, sich Wissen anzueignen. Und damit wird das Bücherwissen sehr wichtig, was zur bloßen Schulung des Gedächtnisses, zur bloßen Wiederholung von Lernstoff, ohne eigenes Denken, führt.