Vorwort des Autors – Teil 4

Da es uns um die vollständige Entfaltung des menschlichen Wesens geht, müssen wir seine emotionalen Antriebe und Bedürfnisse verstehen, die viel stärker sind, als das rationale Denken. Wir müssen die emotionale Auffassungsgabe fördern und dürfen nicht dazu beitragen, sie zu unterdrücken. Wenn wir die Probleme und Fragen der Gefühlswelt sowie die des Verstandes verstehen und deshalb in der Lage sind, mit ihnen umzugehen, werden wir keine Angst haben, uns ihnen zu nähern.

Im Hinblick auf die vollständige Entfaltung eines Menschen ist Alleinsein zur Förderung des Empfindungsvermögens absolut notwendig. Man muss wissen, was es heißt, allein zu sein, was es heißt zu meditieren, was es heißt zu sterben; und man kann die Bedeutung des Alleinseins, der Meditation, des Todes nur erkennen, wenn man wirklich danach sucht. Diese Zusammenhänge können nicht gelehrt werden, man muss sie durch Erfahren lernen. Man kann Hinweise geben, aber durch Hinweise zu lernen ist nicht dasselbe wie das Erfahren des Alleinseins oder der Meditation. Um zu erfahren, was Alleinsein ist, was Meditation ist, muss man gewillt sein, es zu erforschen, denn nur ein forschender Geist ist fähig zu lernen. Wird der Forscherdrang aber durch bereits vorhandenes Wissen oder die Autorität oder Erfahrung eines anderen Menschen unterdrückt, dann wird Lernen zur reinen Nachahmung, und Nachahmung bringt einen Menschen lediglich dazu, Gelerntes zu wiederholen, ohne es zu erfahren.

Beim Unterrichten geht es nicht bloß um die Weitergabe von Informationen, sondern um das Entwickeln eines Forschergeistes. Ein solcher Geist wird der Frage, was Religion ist, auf den Grund gehen und nicht einfach die hergebrachten Religionen mit ihren Tempeln und Ritualen akzeptieren. Die Suche nach Gott oder der Wahrheit, oder wie immer man es auch nennen mag, ist wahre Religion – und nicht das bloße Übernehmen eines Glaubens und eines Dogmas.

So wie der Schüler täglich seine Zähne putzt, sich wäscht, neue Dinge lernt, muss er sich auch die Zeit nehmen, täglich allein oder gemeinsam mit anderen in die Stille zu gehen. Dieses Alleinsein kann nicht per Anweisung verordnet oder durch die äußere Autorität der Tradition erzwungen werden und lässt sich auch nicht durch den Einfluss derer, die still sitzen wollen, aber nicht allein sein können, auslösen. Alleinsein hilft dem Geist, sich selbst klar wie in einem Spiegel zu sehen und sich frei zu machen von den vergeblichen Bemühungen des Ehrgeizes mit seinen ganzen Verstrickungen, Ängsten und Frustrationen, die die Folge ichbezogenen Handelns sind. Alleinsein gibt dem Geist eine Festigkeit, eine Beständigkeit, die nicht in Zeit gemessen werden kann. Eine solche geistige Klarheit ist Charakterstärke. Der Mangel an Charakter ist nichts anderes als der Zustand innerer Widersprüchlichkeit. 

Empfindsam sein heißt lieben. Das Wort »Liebe« ist nicht Liebe. Und Liebe kann weder in göttliche Liebe und menschliche Liebe eingeteilt werden, noch lässt sie sich als die Liebe für den Einen und die Liebe für die Vielen bemessen. Liebe verschenkt sich selbst im Überfluss wie eine Blume ihren Duft verströmt. Wir dagegen wollen die Liebe in unseren Beziehungen immer bemessen und zerstören sie dabei.

Liebe ist kein Requisit für den Reformer oder den Sozialarbeiter; sie ist kein politisches Instrument, mit dem man etwas in Gang setzen kann. Wenn Politiker oder Reformer von Liebe sprechen, benutzen sie das Wort, aber sie berühren nicht das Wesen der Liebe. Denn Liebe kann weder in der näheren noch ferneren Zukunft als Mittel zum Zweck eingesetzt werden. Liebe gilt der ganzen Erde und nicht einem bestimmten Feld oder einem bestimmten Wald. Die Liebe zur Wirklichkeit lässt sich nicht in irgendeine Religion einfassen, und wenn organisierte Religionen sie benutzen, hört sie auf zu existieren. Gesellschaften, organisierte Religionen und autoritäre Regierungen zerstören mit ihren unermüdlichen Aktivitäten unwissentlich jene Liebe, die sich als Leidenschaft im Handeln äußert.

Bei der vollständigen Entfaltung des Menschen durch die richtige Erziehung, muss die Fähigkeit zur Liebe von Anfang an genährt und bewahrt werden. Liebe ist weder Sentimentalität noch Aufopferung. Sie ist so stark wie der Tod. Liebe kann nicht durch Wissen erkauft werden, und ein Geist, der ohne Liebe nach Wissen strebt, handelt mit Rücksichtslosigkeit und denkt nur an Effizienz.

Der Erziehende muss also von Anfang an auf diese Fähigkeit zur Liebe achten, die sich in Bescheidenheit, Sanftmut, Rücksichtnahme, Geduld und Höflichkeit äußert. Anständigkeit und Höflichkeit sind dem Menschen eigen, der die richtige Erziehung erhalten hat; er ist rücksichtsvoll gegenüber allen Wesen, einschließlich Pflanzen und Tieren, und das spiegelt sich in seinem Verhalten und seiner Ausdrucksweise wider.

Liegt die Betonung auf dieser Fähigkeit zur Liebe, befreit dies den Geist aus seiner Versunkenheit in seinen Ehrgeiz, seine Habgier und seinen Erwerbstrieb. Geht Liebe nicht mit einer Verfeinerung einher, die sich in Form von Respekt und eines guten Geschmacks äußert? Führt sie nicht auch zu einer Reinigung des Geistes, der ansonsten dazu neigt, sich stolz aufzublasen? Die Verfeinerung des Verhaltens ist weder selbstauferlegte Anpassung noch das Ergebnis einer Forderung von außen; sie ergibt sich spontan mit dieser Fähigkeit zur Liebe. Kommt es zum Verstehen der Liebe, kann man auch normal, das heißt unaufgeregt und angstfrei mit der Sexualität und all den Komplikationen und Feinheiten der zwischenmenschlichen Beziehungen umgehen.