Vorwort des Autors – Teil 5

Der Erziehende, für den die vollständige Entfaltung des Kindes am wichtigsten ist, muss die Bedeutung des Sexualtriebes verstehen, der eine so große Rolle in unserem Leben spielt, und muss von Anfang an in der Lage sein, mit der natürlichen Neugier des Kindes umzugehen, ohne ein übersteigertes Interesse zu wecken. Die bloße Vermittlung biologischer Informationen im jugendlichen Alter kann zu einem Experimentieren mit der Lust führen, wenn die Fähigkeit fehlt, Liebe zu empfinden. Liebe reinigt den Geist vom Bösen. Ohne Liebe und Verständnis auf Seiten des Erziehenden nur die Jungen von den Mädchen zu trennen – sei es durch Stacheldraht oder Verbote –, verstärkt nur deren Neugier und weckt jene Leidenschaft, die zwangsläufig zu bloßer Sinnesbefriedigung verkommt. Deshalb ist es wichtig, dass Jungen und Mädchen gemeinsam auf die richtige Weise erzogen werden.

Diese Fähigkeit zur Liebe muss sich auch in der Arbeit mit den Händen ausdrücken, wie beispielsweise beim Gärtnern, Schreinern, Malen und bei Handarbeiten. Ebenso über die Sinne: durch das bewusste Wahrnehmen der Bäume, der Berge, des Reichtums der Erde, der Armut, die Menschen untereinander verursacht haben, sowie durch das Hören von Musik, von Vogelgesang, von plätscherndem Wasser.

Unser Anliegen beschränkt sich aber nicht auf die Schulung des Verstandes und das Erwecken emotionaler Empfindsamkeit, sondern bezieht auch eine gesunde Entwicklung des Körpers ein, auf die wir sorgfältig achten müssen. Denn wenn der Körper nicht gesund und vital ist, wird er unweigerlich einen negativen Einfluss auf das Denken haben und so die Gefühllosigkeit begünstigen. Das ist so offensichtlich, dass wir an dieser Stelle nicht im Einzelnen darauf eingehen müssen. Der Körper muss bei bester Gesundheit sein; er muss richtig ernährt werden und genügend Schlaf bekommen. Wenn die Sinne nicht hellwach sind, behindert der Körper die vollständige Entfaltung des Menschen. Die Anmut der Bewegungen und eine harmonische Körperbeherrschung müssen durch verschiedene Sportarten, Tanz und Spiele gefördert werden. Ein Körper, der nicht sauber gehalten wird, der schlampig ist und keine gute Haltung hat, ist für die geistige und emotionale Empfindsamkeit nicht förderlich. Der Körper ist nicht das Instrument des Geistes, aber Körper, Geist und Gefühlswelt machen zusammen den ganzen Menschen aus, und wenn sie nicht harmonisch zusammenwirken, sind innere Konflikte unvermeidlich.

Innere Konflikte führen zu Gefühllosigkeit. Der Geist kann den Körper vielleicht beherrschen und die Sinne unterdrücken, aber dadurch macht er den Körper gefühllos, und ein gefühlloser Körper wird zu einem Hindernis für den Höhenflug des Geistes. Die Kasteiung des Körpers ist definitiv nicht förderlich für das Erforschen der tieferen Bewusstseinsschichten, denn das ist nur möglich, wenn Geist, Gefühlswelt und Körper nicht im Widerstreit zueinander stehen, sondern ein übergeordnetes Ganzes bilden und miteinander im Einklang stehen – ohne Anstrengung, ohne irgendeinem Konzept, Glauben oder Ideal zu folgen.

Bei der Verfeinerung des Geistes sollte die Betonung nicht auf Konzentration, sondern auf Aufmerksamkeit liegen. Konzentration ist ein Prozess, bei dem der Geist gezwungen wird, sich auf einen kleinen Bereich zu beschränken, während Aufmerksamkeit grenzenlos ist. Beim Konzentrieren wird der Geist immer durch eine Grenze eingeschränkt, aber wenn uns daran gelegen ist, den Geist in seiner Ganzheit zu verstehen, wird bloße Konzentration zu einem Hindernis. Aufmerksamkeit ist grenzenlos: frei von den Grenzen des Wissens. Wissen ist ein Ergebnis der Konzentration, und jede Erweiterung des Wissens bleibt immer noch innerhalb seiner eigenen Grenzen. Ist der Geist aufmerksam, kann und wird er Wissen benutzen, das notwendigerweise das Resultat der Konzentration ist, aber ein Teil ist nie das Ganze, und das Zusammenfügen von Einzelteilen führt nicht zur Wahrnehmung des Ganzen. Angehäuftes Wissen als Ergebnis der Konzentration lässt uns das Unermessliche nicht verstehen. Das Ganze findet sich nie innerhalb der Begrenzungen eines konzentrierten Geistes.

Aufmerksamkeit ist also von höchster Bedeutung, aber sie entsteht nicht durch Konzentration. Aufmerksamkeit ist ein Zustand, in dem der Geist unaufhörlich lernt – aber ohne ein Zentrum, um das herum sich Wissen in Form von gesammelten Erfahrungen anhäuft. Ein Geist, der auf sich selbst konzentriert ist, benutzt Wissen als Mittel, um seine eigene Bedeutung zu steigern, ein Vorgehen, das sich gegen ihn selbst wendet und unsozial ist.

Lernen – im wahren Sinne des Wortes – ist nur in jenem Zustand der Aufmerksamkeit möglich, in dem kein äußerer oder innerer Zwang existiert. Richtiges Denken kann sich nur einstellen, wenn der Geist sich nicht zum Sklaven der Tradition und der Erinnerungen macht. Im Zustand der Aufmerksamkeit kann der Geist still werden, und Stille öffnet die Tür zur Schöpfung. Deshalb ist Achtsamkeit von allerhöchster Wichtigkeit.

In praktischer Hinsicht ist Wissen für die Schulung des menschlichen Geistes notwendig, aber es ist nicht das eigentliche Ziel. Es geht uns nicht um die Entfaltung nur einer Fähigkeit, beispielsweise der eines Mathematikers, Wissenschaftlers oder Musikers, sondern um die vollständige Entfaltung des Schülers als menschliches Wesen.

Wie kann nun der Zustand der Aufmerksamkeit herbeigeführt werden? Auf keinen Fall durch Überreden, Vergleichen, Belohnen oder Bestrafen, denn das sind ausnahmslos Methoden, bei denen Druck ausgeübt wird. Aufmerksamkeit beginnt mit der Beseitigung der Angst. Angst ist zwangsläufig da, solange ein Drang besteht, etwas zu sein oder zu werden, also das Streben nach Erfolg mit all seinen Enttäuschungen und verwickelten inneren Konflikten. Konzentration kann man lehren, Aufmerksamkeit dagegen kann ebenso wenig gelehrt werden wie Angstfreiheit. Aber wir können anfangen, die Ursachen der Angst aufzuspüren, und im Verstehen dieser Ursachen liegt der Schlüssel zur Beseitigung der Angst.