Vorwort des Autors – Teil 6

Aufmerksamkeit ergibt sich also spontan, wenn der Schüler von einer Atmosphäre umgeben ist, in der er sich wohl fühlt, wenn er das Gefühl hat, sicher zu sein, und unbefangen ist und sich des uneigennützigen Handelns bewusst ist, das der Liebe entspringt. Liebe vergleicht nicht, und damit haben der Neid und die Qual, etwas »werden« zu müssen, ein Ende.

Die allgemeine Unzufriedenheit, die wir alle, ob jung oder alt, spüren, findet früh irgendeine Form der Befriedigung, was dazu führt, dass unser Geist allmählich einschläft. Ab und zu wird diese Unzufriedenheit durch Leiden erneut ausgelöst, aber der Geist sucht schnell wieder nach einer befriedigenden Lösung. So ist der menschliche Geist in diesem Kreislauf von Unzufriedenheit und Befriedigung gefangen, und das ständige Gewecktwerden durch Schmerz ist Teil unserer Unzufriedenheit. Unzufriedenheit gehört zum Forschen, aber es ist unmöglich, zu forschen, wenn der Geist durch die Fesseln bestimmter Traditionen oder Ideale gebunden ist. Forschen ist das Feuer der Aufmerksamkeit.

Mit Unzufriedenheit meine ich jenen Zustand, in welchem der Geist das, »was ist«, also die tatsächlichen Gegebenheiten versteht und ständig forscht, um den Dingen auf den Grund zu gehen. Unzufriedenheit ist der Drang, über die Grenzen dessen, »was ist« hinauszugehen, und wenn man Mittel und Wege findet, diese Unzufriedenheit zu besänftigen oder zu überwinden, wird man die Beschränkungen der Ichbezogenheit und der Gesellschaft, in der man lebt, hinnehmen.

Unzufriedenheit ist die Flamme, die den Müll der seichten Befriedigung verbrennt, aber die meisten von uns wollen diese Flamme lieber auf verschiedene Weisen vergeuden. Unsere Unzufriedenheit wird dann zum Streben nach »mehr«, zum Wunsch nach einem größeren Haus, einem besseren Auto und so weiter. Und all das befindet sich im Bereich des Neids; und es ist der Neid, der diese Form von Unzufriedenheit aufrechterhält. Aber ich spreche von einer anderen Unzufriedenheit, in der es weder Neid noch Gier nach mehr gibt – einer Unzufriedenheit, die nicht vom Verlangen nach Befriedigung aufrechterhalten wird. Diese Unzufriedenheit ist ein unverfälschter, ursprünglicher Zustand, der in jedem von uns existiert, wenn er nicht durch falsche Erziehung, oberflächliche Befriedigungen, Ehrgeiz oder durch das Streben nach der Verwirklichung eines Ideals abgetötet wird. Wenn wir das Wesen wirklicher Unzufriedenheit verstehen, werden wir erkennen, dass Aufmerksamkeit Teil dieser lodernden Flamme ist, die alle Belanglosigkeit verbrennt und den Geist von den Beschränkungen der Bestrebungen und Befriedigungen befreit, durch die er sich selbst abkapselt.

Aufmerksamkeit ist also nur möglich, wenn das Forschen nicht von dem Wunsch nach persönlichem Wachstum oder nach Befriedigung ausgeht. Diese Aufmerksamkeit muss von Anfang an beim Kind gefördert werden. Wenn Liebe da ist – die sich in Bescheidenheit, Höflichkeit, Geduld und Freundlichkeit äußert –, werden Sie feststellen, dass Sie bereits von jenen inneren Barrieren frei sind, die durch einen Mangel an Empfindungsvermögen entstehen, und so tragen Sie dazu bei, dass dieser Zustand der Aufmerksamkeit im Kind vom zartesten Alter an entsteht.

Aufmerksamkeit ist nicht etwas, das erlernt werden kann oder muss, aber Sie können dazu beitragen, sie im Schüler zu wecken, indem Sie darauf verzichten, eine Atmosphäre von Zwang zu schaffen, die zu innerer Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit führt. Dann kann diese Aufmerksamkeit in jedem Augenblick auf jedes beliebige Thema oder Fach gerichtet werden und hat nichts mit dem verengenden Zustand der Konzentration zu tun, der durch das zwanghafte Streben entsteht, sich etwas anzueignen oder etwas zu erreichen.

Eine Generation, die auf diese Weise erzogen wurde, wird frei sein von Habgier und Angst, dem psychischen Erbe ihrer Eltern und der Gesellschaft, in die sie hineingeboren wurden. Und weil sie so erzogen wurden, werden sie auch nicht abhängig von der Vererbung materieller Güter sein. Solche Erbschaften verhindern echte Unabhängigkeit und schränken die Intelligenz ein, denn sie nähren ein trügerisches Sicherheitsgefühl, indem sie eine Selbstsicherheit vermitteln, die keine Grundlage hat, und eine Trübung des Geistes bewirkt, in der nichts Neues gedeihen kann. Aber eine Generation, die auf diese völlig andere Art erzogen wurde, über die wir gesprochen haben, wird eine neue Gesellschaft schaffen. Denn ihr wird die aus jener Intelligenz geborene Auffassungsgabe zur Verfügung stehen, die nicht durch Angst eingeengt ist.

Da Eltern und Lehrer eine gemeinsame Verantwortung für die Erziehung der Kinder haben, müssen wir lernen, zusammen zu arbeiten, und das ist nur möglich, wenn jeder von uns erkennen kann, was wahr ist. Das Erkennen der Wahrheit bringt uns zusammen und nicht Meinungen, Überzeugungen oder Theorien. Es besteht eine riesige Kluft zwischen Vorstellung und Wirklichkeit. Konzepte und Vorstellungen mögen uns vorübergehend zusammenbringen, aber es wird auch wieder eine Trennung stattfinden, wenn unsere Zusammenarbeit eine Frage der Überzeugung ist. Wenn jeder von uns die Wahrheit erkennt, kann man in Einzelheiten unterschiedlicher Ansicht sein, aber man wird nicht den Wunsch haben, sich zu trennen. Es ist dumm, sich nur wegen eines Details zu trennen. Wenn die Wahrheit von allen erkannt wird, kann eine Einzelheit nie zu einer Frage führen, über die es zum Streit kommt.

Die meisten von uns sind es gewöhnt, gemäß den Vorgaben einer bestehenden Autorität zusammenzuarbeiten. Wir kommen zusammen, um ein Konzept auszuarbeiten oder ein Ideal zu verwirklichen, und dazu bedarf es der Überzeugungsarbeit, Überredung und Propaganda. Eine solche Zusammenarbeit zur Verwirklichung eines Konzeptes oder Ideals unterscheidet sich völlig von der Zusammenarbeit, die sich aus dem Erkennen der Wahrheit ergibt und aus der Notwendigkeit, diese Wahrheit in die Tat umzusetzen. Arbeitet man infolge des Anreizes einer Autorität – sei es die Autorität eines Ideals oder die Autorität einer Person, die dieses Ideal vertritt –, so ist dies keine echte Zusammenarbeit.