Vorwort des Autors – Teil 7

Eine Autoritätsperson, die eine Menge weiß oder eine starke Persönlichkeit hat und an bestimmten Vorstellungen festhält, kann möglicherweise andere zwingen oder auf subtile Weise dazu bringen, mit ihr für die Verwirklichung dessen zusammenzuarbeiten, was sie als Ideal bezeichnet; aber das ist eindeutig keine Zusammenarbeit wacher und lebendiger Individuen. Erkennt dagegen jeder von uns für sich selbst die Wahrheit einer bestimmten Sache, dann führt unser gemeinsames Verstehen dieser Wahrheit zum Handeln, und dieses Handeln ist echte Zusammenarbeit. Ein Mensch, der zusammenarbeitet, weil er das Wahre als das Wahre, das Falsche als das Falsche und die Wahrheit im Falschen erkennt, wird auch wissen, wann er nicht zusammenarbeiten sollte – was genauso wichtig ist.

Wenn jedem von uns die Notwendigkeit einer grundlegenden Umwälzung in der Erziehung bewusst ist und wenn wir alle die Wahrheit in dem, was wir besprochen haben, erkennen, können wir ohne irgendeine Form der Überredung zusammenarbeiten. Überredung kommt nur ins Spiel, wenn jemand einen Standpunkt einnimmt, von dem er sich nicht abbringen lassen will. Wenn er bloß von einer Idee überzeugt ist oder an einer Meinung festhält, erzeugt er entgegengesetzte Positionen und dann muss entweder er oder die andere Person überredet, beeinflusst oder sonstwie dazu gebracht werden, anders zu denken. Eine solche Situation wird niemals entstehen, wenn jeder von uns die Wahrheit einer Sache für sich selbst erkennt. Aber wenn wir die Wahrheit nicht sehen und nur auf der Basis verbaler Überzeugung oder intellektueller Überlegung handeln, wird es zwangsläufig Streit, Zustimmung oder Ablehnung geben, mit den ganzen Verdrehungen des Sachverhaltes und den nutzlosen Bemühungen, die damit einhergehen.

Es ist unbedingt notwendig, dass wir zusammenarbeiten – es ist, als würden wir gemeinsam ein Haus bauen. Wenn ein paar von uns aufbauen und die anderen einreißen, wird das Haus natürlich niemals fertig. Wir – das heißt jeder Einzelne für sich – müssen uns vollkommen gewiss sein, dass wir wirklich die Notwendigkeit erkennen und verstehen, eine Erziehung zu verwirklichen, die eine neue Generation hervorbringt. Eine Generation, die in der Lage ist, die Probleme des Lebens als Ganzes anzugehen und nicht als separate Teile, die nichts mit dem Ganzen zu tun haben.

Um auf diese wirklich kooperative Weise miteinander arbeiten zu können, müssen wir uns oft treffen und darauf achten, dass wir uns nicht in Einzelheiten verlieren. Diejenigen von uns, die sich mit ganzem Herzen dem Verwirklichen der richtigen Erziehung widmen, sind nicht nur dafür verantwortlich, all das, was wir erkannt und verstanden haben, in der Praxis umzusetzen, sondern auch dafür, anderen zu helfen, zu diesem Verständnis zu gelangen. Lehren ist der edelste Beruf – wenn man es überhaupt als Beruf bezeichnen kann. Es ist eine Kunst, die nicht nur intellektuelle Fähigkeiten erfordert, sondern unendliche Geduld und Liebe. Wahrhaft erzogen und gebildet zu sein heißt, im weiten Bereich des menschlichen Daseins unsere eigene Beziehung zu allen Dingen zu verstehen: zum Geld, zum Besitz, zu anderen Menschen, zur Natur.

Schönheit ist Teil dieses Verständnisses, aber Schönheit ist nicht nur eine Sache der Proportionen, der äußeren Form, des Geschmacks und des Verhaltens. Schönheit ist jener Zustand, in dem der Geist durch die Leidenschaft für die Einfachheit das Ich als Zentrum aufgegeben hat. Einfachheit hat weder Ziel noch Zweck. Und sie kann nur mit einer Genügsamkeit einhergehen, die nicht das Ergebnis einer darauf angelegten Selbstdisziplin und Selbstverleugnung ist. Diese Genügsamkeit ist jene Abkehr von der Selbstbezogenheit, die allein die Liebe hervorbringen kann. Wenn wir ohne Liebe sind, schaffen wir eine Zivilisation, in der wir nach der Schönheit der äußeren Form ohne die innere Lebensenergie und die Genügsamkeit streben, die aus der einfachen Abkehr von der Selbstbezogenheit kommt. Es ist keine solche Abkehr, wenn man sich für gute Werke, Ideale und Überzeugungen aufopfert. Diese Aktivitäten scheinen selbstlos zu sein, aber in Wirklichkeit ist das Ich unter dem Deckmantel verschiedener Namen weiter aktiv. Nur der lautere Geist kann das Unbekannte ergründen. Aber eine beabsichtigte Lauterkeit, die ein Lendentuch oder eine Mönchskutte trägt, ist weit entfernt von jener Leidenschaft der Selbstaufgabe, die sich in Höflichkeit, Sanftmut, Bescheidenheit und Geduld ausdrückt – den Ausdrucksformen der Liebe.

Die meisten von uns kennen Schönheit nur durch das, was erschaffen oder erbaut wurde – beispielsweise die Schönheit eines menschlichen Körpers oder eines Tempels. Wir sagen, dass ein Baum oder ein Haus oder der breit dahinfließende Fluss schön sind. Und durch Vergleichen wissen wir, was Hässlichkeit ist – zumindest glauben wir das. Aber ist Schönheit vergleichbar? Ist Schönheit das, was sichtbar und greifbar gemacht wurde? Wir betrachten ein bestimmtes Gemälde, ein Gedicht oder ein Gesicht als schön, weil wir durch das, was wir gelernt haben oder womit wir vertraut sind und worüber wir uns eine Meinung gebildet haben, bereits wissen, was Schönheit ist. Aber hört Schönheit durch den Vergleich nicht auf zu existieren? Ist Schönheit nur eine Vertrautheit mit dem Bekannten oder ist sie ein Seinszustand, in welchem die geschaffene Form möglicherweise da ist oder auch nicht?

Wir streben immer nach dem Schönen und meiden das Hässliche, und dieses Streben nach Bereicherung durch das Eine und Vermeidung des Anderen, muss zwangsläufig zu Gefühllosigkeit führen. Um zu verstehen oder zu spüren, was Schönheit ist, muss man sowohl für das so genannte Schöne als auch für das so genannte Hässliche empfänglich sein. Ein Gefühl ist weder schön noch hässlich, es ist einfach ein Gefühl. Aber wir betrachten es durch die Brille unserer religiösen oder gesellschaftlichen Konditionierung und drücken ihm ein Etikett auf; wir sagen, es ist ein gutes Gefühl oder ein schlechtes Gefühl, und so verfälschen oder zerstören wir es. Wenn man ein Gefühl nicht mit einem Etikett versieht, bleibt es intensiv, und genau diese leidenschaftliche Intensität ist wesentlich, um das zu verstehen, was weder Hässlichkeit noch sichtbar gewordene Schönheit ist. Das Wichtigste ist, sich dieses Fühlen zu bewahren, diese Leidenschaft, die nichts mit einer bloßen Sucht nach persönlicher Befriedigung und Erfüllung zu tun hat; denn es ist diese Leidenschaft, die Schönheit hervorbringt und, da sie nicht vergleichbar ist, kein Gegenteil hat.