Vorwort des Autors – Teil 8

Bei unserem Versuch, den Menschen vollständig zur Entfaltung zu bringen, müssen wir offensichtlich das Unbewusste genauso wichtig nehmen, wie den bewussten Teil der Psyche. Lediglich den bewussten Teil zu schulen und zu erziehen, ohne den unbewussten zu verstehen, bringt innere Widersprüchlichkeit mit ihrer ganzen Frustration und all ihrem Elend ins Leben der Menschen hinein. Das verborgene Bewusstsein ist viel vitaler als unser Oberflächenbewusstsein. Den meisten Lehrern ist nur daran gelegen, dem Oberflächenbewusstsein Informationen oder Wissen zu vermitteln, um es darauf vorzubereiten, eine Arbeit zu bekommen und sich an die Gesellschaft anzupassen. Daher wird das verborgene Bewusstsein nie berührt. Diese ganze so genannte Erziehung oder Bildung überlagert es lediglich mit einer Schicht aus Wissens und Fertigkeiten und einer gewissen Fähigkeit, sich an seine Umgebung anzupassen.

Das verborgene Bewusstsein ist viel mächtiger als das Oberflächenbewusstsein, wie gebildet und anpassungsfähig dieses auch sein mag – und es ist gar nicht so geheimnisvoll. Der verborgene oder unbewusste Teil der Psyche ist das Reservoir des kollektiven Gedächtnisses. Religion, Aberglaube, Sinnbilder, besondere Traditionen einer bestimmten Volksgruppe, der Einfluss religiöser und profaner Literatur, Hoffnungen, Frustrationen, Eigenarten und verschiedenartige Ernährungsweisen – all das ist im Unbewussten verwurzelt. Die offenen und verborgenen Wünsche mit den damit verbundenen Motiven, Hoffnungen, Ängsten, Sorgen und Freuden, und die Überzeugungen, die durch das Sicherheitsbedürfnis, das sich auf verschiedene Weisen ausdrückt, aufrechterhalten werden: All das ist ebenfalls im verborgenen Bewusstsein enthalten, welches nicht nur über die außerordentliche Aufnahmefähigkeit verfügt, die Überbleibsel der Vergangenheit zu speichern, sondern das auch die Zukunft beeinflussen kann. Durch Träume und auf anderen Wegen bekommt das Oberflächenbewusstsein Hinweise auf diese Dinge, wenn es nicht gerade ausschließlich mit Alltagsdingen beschäftigt ist.

Das verborgene Bewusstsein ist weder etwas Heiliges noch etwas, das man fürchten muss, und man braucht auch keinen Spezialisten, um es dem Oberflächenbewusstsein zugänglich zu machen. Aber auf Grund der enormen Macht, die das verborgene Bewusstsein besitzt, kann das Oberflächenbewusstsein nicht mit ihm umgehen, wie es will. Das Oberflächenbewusstsein ist größtenteils ohnmächtig in Bezug auf den zu ihm gehörenden verborgenen Teil. Wie sehr es auch versuchen mag, das Verborgene zu dominieren, zu formen oder zu kontrollieren, es kann auf Grund seiner unmittelbaren sozialen Ansprüche und Beschäftigungen nur an der Oberfläche des Verborgenen kratzen, und deshalb besteht eine Kluft oder ein Widerspruch zwischen beiden. Wir versuchen, diese Kluft durch Disziplin, verschiedene Methoden oder Sanktionen zu überbrücken, aber sie kann auf diese Weise nicht überbrückt werden.

Der bewusste Teil der Psyche ist mit dem Unmittelbaren beschäftigt, mit der begrenzten Gegenwart, während das Unbewusste der Last von Jahrhunderten unterliegt und nicht durch unmittelbare Notwendigkeiten eingedämmt oder beiseite geschoben werden kann. Das Unbewusste reicht weit zurück in der Zeit, und das Bewusste mit seiner neueren Kultur kann damit nicht gemäß seinen vorübergehenden Dringlichkeiten umgehen. Um die innere Widersprüchlichkeit gründlich zu beseitigen, muss das Oberflächenbewusstsein diese Tatsache verstehen und stillhalten – was nicht bedeutet, den unzähligen Antrieben und Impulsen des Verborgenen Raum zu geben. Wenn es keinen Widerstand zwischen dem Offenen und dem Verborgenen gibt, wird das Verborgene, weil es die Langmut der Zeit besitzt, das Unmittelbare nicht stören oder überwältigen.

Das verborgene, unerforschte und unverstandene Bewusstsein mit seinem oberflächlichen Teil, der erzogen und ausgebildet wurde, kommt in Kontakt mit den Herausforderungen und Anforderungen der unmittelbaren Gegenwart. Das Oberflächenbewusstsein mag angemessen auf die Herausforderungen reagieren, aber weil zwischen dem Oberflächlichen und dem Verborgenen ein Widerspruch besteht, verstärkt jede Erfahrung des Oberflächlichen nur den Konflikt zwischen ihm und dem Verborgenen. Und das zieht weitere Erfahrungen nach sich, die die Kluft zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit wiederum verbreitern. Das Oberflächenbewusstsein, das äußere Erfahrungen macht, ohne das Innere, das Verborgene zu verstehen, schafft so nur noch tiefer gehende und größere Konflikte.

Wir glauben im Allgemeinen, Erfahrung befreie und bereichere den Geist, aber das ist nicht der Fall. Solange die Erfahrung den Erfahrenden stärkt, sind Konflikte unausweichlich. Indem er Erfahrungen macht, stärkt ein konditionierter Geist lediglich seine Konditionierung und erhält so den inneren Widerspruch und das Leid aufrecht. Nur für einen Geist, der in der Lage ist, sich selbst ganz und gar zu verstehen, kann Erfahrung ein befreiender Faktor sein.

Wenn die Kraft und die Fähigkeiten der vielen Schichten des Unbewussten erst einmal wahrgenommen und verstanden werden, kann man die Einzelheiten auf intelligente Weise untersuchen. Wichtig ist vor allem das Verstehen des Verborgenen und nicht die Ausbildung des Oberflächenbewusstseins, damit es sich Wissen aneignet, wie notwendig dies auch sein mag. Dieses Verstehen des Verborgenen befreit den Geist als Ganzes von seinem Konflikt, und nur dann ist Intelligenz möglich.

Wir müssen das ganze Leistungsvermögen des Oberflächenbewusstseins wecken, das mit den Dingen des Alltags beschäftigt ist, und ebenso das Verborgene verstehen. Durch dieses Verstehen wird das Leben zu einem Ganzen, in dem die innere Widersprüchlichkeit mit ihrem Wechsel zwischen Glück und Leid aufhört. Es ist unbedingt notwendig, mit dem verborgenen Bewusstsein vertraut und sich seiner Arbeitsweise bewusst zu sein, aber es ist genauso wichtig, nicht dauernd damit beschäftigt zu sein oder ihm übertriebene Bedeutung beizumessen. Nur wenn der Geist das Oberflächliche und das Verborgene versteht, kann er über seine eigenen Beschränkungen hinausgehen und jene Freude entdecken, die nicht aus der Zeit kommt.

J. Krishnamurti