Was ist Sinn und Zweck von Erziehung und Bildung? – Teil 2

Seid ihr euch darüber im Klaren, dass ihr Angst habt? Ihr habt Angst, nicht wahr? Oder seid ihr frei von Angst? Habt ihr keine Angst vor euren Eltern, euren Lehrern oder davor, was die Leute denken könnten? Nehmen wir an, ihr würdet etwas tun, das bei euren Eltern und in der Gesellschaft verpönt ist? Hättet ihr dann keine Angst? Nehmen wir an, ihr wolltet jemanden heiraten, der oder die nicht aus eurer Gesellschaftsschicht kommt. Hättet ihr dann keine Angst davor, was die Leute sagen könnten? Würdet ihr euch nicht schämen, wenn euer zukünftiger Ehemann nicht ein entsprechendes Gehalt verdiente oder keinen Status und keine prestigeträchtige Stellung hätte? Hättet ihr keine Angst, dass eure Freunde schlecht über euch denken würden? Und habt ihr keine Angst vor Krankheit und Tod?

Die meisten von uns haben Angst. Sagt nicht so schnell »nein«. Wir haben vielleicht nicht darüber nachgedacht, aber wenn wir das einmal tun, werden wir feststellen, dass an fast allen Menschen, Erwachsenen wie Kindern, irgendeine Angst nagt. Und ist es nicht die Aufgabe der Bildung, jedem Menschen zu helfen, frei von Angst zu sein, damit sich Intelligenz entfalten kann? Das ist unser Ziel an dieser Schule, und das bedeutet, dass auch die Lehrer wirklich frei von Angst sein müssen. Was bringt es euch, wenn die Lehrer über Angstfreiheit reden, wenn sie selbst Angst davor haben, was die Nachbarn sagen könnten, oder wenn sie Angst vor ihrer Frau oder ihrem Mann haben?

Wo Angst ist, kann keine Initiative im schöpferischen Sinne existieren. Die Fähigkeit aus eigenem Empfinden zu handeln bedeutet in diesem Sinne, etwas Neues, Eigenständiges zu tun – es spontan und natürlich zu tun, ohne angeleitet, gezwungen oder kontrolliert zu werden. Es bedeutet, etwas zu tun, das man mit dem Herzen tut. Vielleicht habt ihr manchmal einen Stein mitten auf der Straße liegen sehen und beobachtet, wie ein Auto darüber gefahren ist. Habt ihr jemals diesen Stein aus dem Weg geräumt? Oder habt ihr, wenn ihr bei einem Spaziergang armen Leuten begegnet seid, je etwas Freundliches getan – spontan, natürlich, aus eigenem Empfinden, ohne darauf zu warten, dass euch jemand sagt, was ihr tun sollt?

Wenn ihr Angst habt, dann ist all das aus eurem Leben ausgeblendet; ihr werdet unsensibel und nehmt nicht wahr, was um euch herum geschieht. Wenn ihr Angst habt, seid ihr traditionsgebunden, ihr folgt irgendeinem Führer oder Guru. Wenn ihr in der Tradition gefangen seid, wenn ihr Angst vor eurem Mann oder eurer Frau habt, verliert ihr eure Menschenwürde.

Ist es also nicht die Aufgabe der Erziehung, euch von Angst zu befreien, anstatt euch nur darauf vorzubereiten, bestimmte Prüfungen abzulegen, wie notwendig das auch sein mag? Das sollte im Grunde das wichtigste Ziel der Bildung und jedes Lehrers sein: euch von klein auf zu helfen, vollkommen frei von Angst zu sein, damit ihr als intelligente Menschen in die Welt hinausgeht, voll echtem Unternehmungsgeist. Euer Unternehmungsgeist wird zerstört, wenn ihr nur nachahmt, wenn ihr nur traditionsgebunden seid, wenn ihr einem politischen oder religiösen Führer folgt. Irgendjemandem zu folgen ist der Intelligenz mit Sicherheit abträglich. Das Folgen an sich erzeugt ein Angstgefühl, und Angst verhindert ein echtes Verstehen des Lebens mit all seinen Komplikationen, seinen Kämpfen, seinem Leid, seiner Armut, seinem Reichtum und seiner Schönheit – der Schönheit der Vögel und des Sonnenuntergangs über dem Wasser. Wenn man Angst hat, ist man nicht empfänglich für all diese Dinge.

Ich schlage euch vor, eure Lehrer zu bitten, euch zu erklären, worüber wir heute gesprochen haben. Wollt ihr das tun? Findet selbst heraus, ob die Lehrer diese Dinge verstanden haben – es wird ihnen helfen, euch zu helfen, intelligenter zu werden, keine Angst zu haben. In solchen Angelegenheiten brauchen wir sehr intelligente Lehrer – intelligent im richtigen Sinne, nicht nur im akademischen. Wenn ihr daran interessiert seid, solltet ihr versuchen, es so einzurichten, dass ihr jeden Tag zu einer bestimmten Zeit mit den Lehrern diskutieren und über all diese Dinge sprechen könnt. Denn ihr werdet älter, ihr werdet Ehemänner und Ehefrauen, ihr werdet Kinder haben, und dann müsst ihr wissen, worum es im Leben überhaupt geht – in diesem Leben mit seinem Kampf um den Lebensunterhalt, seinem Elend und seiner außerordentlichen Schönheit. All das müsst ihr wissen und verstehen; und die Schule ist der richtige Ort, um all diese Dinge zu lernen. Wenn die Lehrer euch nur Mathematik und Erdkunde, Geschichte und Naturwissenschaften beibringen, dann ist das ganz offensichtlich nicht genug. Das Wichtigste für euch ist, wach zu sein, die Dinge zu hinterfragen, etwas herauszufinden, damit eure Eigeninitiative geweckt wird.